Aachen: Kollektiver Betriebsunfall: Alemannia gibt ein 3:0 aus der Hand

Aachen : Kollektiver Betriebsunfall: Alemannia gibt ein 3:0 aus der Hand

Dieser 17. September war kein schöner Tag für Alemannia Aachen. In der ewigen Zweitliga-Tabelle verlor der Klub nach Jahrzehnten zum ersten Mal die Tabellenführung, weil die Spielvereinigung Greuther Fürth durch ein 3:1 gegen Fortuna Düsseldorf vorbeizog. Parallel traf Alemannia auf Düsseldorf II am Tivoli, und es wurde unerwartet auch ein bisschen historisch.

Der Mannschaft von Fuat Kilic reichte selbst eine 3:0-Führung gegen einen betont harmlosen Gegner nicht zum Sieg. 15 Minuten vor Ende fiel das Betriebssystem fast komplett aus, und so wunderte sich der Gast noch über ein 3:3. „Diese Viertelstunde hatte nichts mehr mit Leistungsfußball zu tun“, ärgerte sich Fuat Kilic. „Wir haben aufgehört, die Zweikämpfe anzunehmen.“ Eine Erklärung für die nächste Enttäuschung hatte auch er nicht.

Kilic hatte nach dem Rückschlag gegen Erndtebrück das System verändert. Einzige personelle Änderung: Mergim Fejzullahu kehrte nach seiner Verletzung wieder zurück in die Startformation. Die Gäste verschanzten sich rund um ihren Strafraum. Als sie mal einen Eckball ausführten, endete das gleich in einem wuchtigen Konter. Tobias Mohr sprintete über das ganze Feld, seine präzise Vorlage verarbeitete Fejzullahu aber eher unpräzise (15.).

Hohe Flanken ohne Abnehmer

Wann immer den Gästen Gefahr drohte, war Mohr beteiligt. Mal zwang er Gäste-Keeper Max Schijns mit einem wuchtigen 20-Meter-Schuss zu einer Parade (31.), dann knallte er per Drop-Kick von der Strafraumgrenze drüber (34.). Düsseldorf beschränkte sich aufs Verteidigen, und Alemannia fand gegen die tiefstehenden beiden Abwehrreihen wenig Lücken. Und so flogen ein Dutzend lange Bälle in die gegnerische Hälfte, häufig ohne erkennbaren Adressaten.

Die Führung war dennoch verdient, weil sich Fortuna dem Spiel verweigerte. Das 1:0 war dann ein maximales Gästegeschenk. Torwart Schijns wollte einen dieser weiten Schläge weit vor seinem Tor klären und trat dabei ein veritables Luftloch. Junior Torunarigha lief noch ein paar Meter, um dann aus 15 Metern einzuschieben (37.). Die Gäste reisten mit Problemen auf der Torwart-Position an. Schijns war noch in der letzten Saison der Reserve-Torwart von Roda Kerkrades Reserveteam.

Düsseldorfs Trainer Taskin Askoy ruderte an der Seitenlinie in der Manier eines italienischesn Schupos an der Straßenkreuzung, schon vor der Halbzeit wechselte er das Personal. „Das sah aus wie ein Wettkampf zwischen einer Schüler- und einer Männermannschaft.“ Sein junges Team — 19,7 Jahre im Schnitt — kam nur ein paar Minuten besser in das einseitige Spiel.

Dann verlängerte Fejzullahu gekonnt eine Winterflanke per Hacke ins Tor zum 2:0 (58.). Und Torwart Schijns fiel seinem Trainer noch einmal als Vorlagengeber unangenehm auf. Seinen missratenen Abschlag nahm Torunarigha begeistert auf und vollendete zum 3:0 (65.). Keiner der 4600 Zuschauer hätte in diesem Moment noch an ein Happy End für die überforderten Gäste geglaubt. Shunya Hashimoto überwand Mark Depta mit einem Schuss in die kurze Ecke (76.).

Aber die Sinne wurden deswegen nicht mehr geschärft. Wie den Fortunen der Ausgleich gelang, konnten sie später auch nicht erklären. Sie brauchten dafür nicht einmal eine Druckphase. Bei Alemannia ist derzeit jeder Schuss ein Gegentreffer. Kianz Froese gelang das 3:2 in der vorletzten Minute, ehe eine letzte Ecke vor das Aachener Tor segelte. Tarsis Bonga köpfte vor das Schienbein von David Pütz, und von da aus kullerte der Ball ins Netz zum 3:3. Das Slapstick-Tor war die passende Pointe zu diesem Spiel.

Aus Trainer Kilic brach es danach heraus wie Lava und Asche aus einem Vulkan. Ein paar Minuten nach Spielende versammelte er seine Mannschaft in der Kabine, deren Isolierung den Test nicht bestand. Es wurde laut, denn die Lage spitzt sich durchaus zu für sein Team, das geradezu fahrlässig das Spiel beendete.

Auskunft geben durfte nach Spielende nur Kapitän Nils Winter, dem auch ein wenig die Vokabeln ausgingen nach dem nächsten Rückschlag. „Niemand muss diese letzte Viertelstunde auf das Alter unserer Mannschaft schieben. Es darf niemals so passieren.“ Sein Trainer bemängelte erstmals die Mentalität seiner Profis in den Schlussminuten. Dieser 17. September war durchaus ein Tag, an dem Alemannia einen Knacks erlitten haben könnte.

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