Aachen: Ein Belgier mit dänischem Fußballer-Herz

Aachen: Ein Belgier mit dänischem Fußballer-Herz

Daran kann sich Kristoffer Andersen wohl noch erinnern: „Ich habe mit meiner Mutter vor dem Fernseher gesessen” am Abend des 22. Juni 1992, daheim in Eupen.

Vater Henrik ging gerade seiner Arbeit nach, und weil diese Arbeit darin bestand, als dänischer Fußball-Nationalspieler um den Einzug ins Finale der Europameisterschaft zu kämpfen, durfte der sechsjährige Kristoffer live zuschauen. Er hat das Spiel nicht bis zum Ende gesehen, diesen Triumph im Elfmeterschießen gegen die Niederlande, „ich bin auf mein Zimmer gegangen, vielleicht, weil mein Vater nicht mehr dabei war. Aber was genau passiert war, das wusste ich nicht.”

Erst eine Woche später, als Mutter und Sohn nach Kopenhagen gereist waren, bekam der kleine Kristoffer eine Ahnung, „dass es was Schlimmes gewesen sein muss”. Das linke Bein des Papas von oben bis unten in Gips nach diesem fürchterlichen Bruch der Kniescheibe. Beim Empfang des Sensations-Europameisters in Dänemarks Hauptstadt haben sie Henrik Andersen durch die Menge gefahren, Kristoffers Erinnerung auch daran ist eher vage. „Ich war bei meiner Großmutter.”

20 Jahre ist das nun her und Andersen junior inzwischen selbst Fußballprofi. Dass ihn seine prominente Herkunft öffentlich begleiten würde, „war mir von Anfang an klar. Aber es war nie ein Problem für mich.” Gekickt hat er stets aus freien Stücken, bis zum Alter von 14 Jahren beim FC Eupen, dann jeweils für eine Halbserie beim RSC Anderlecht und bei der AS Eupen. „Ich habe mich nie unter Druck gesetzt - du willst Profi werden.” Die Idee reifte erst in der Fußballschule von Standard Lüttich, „da kam die Lust”. Vater Henrik war und ist ein gefragter Ratgeber - nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ständiges Auf und Ab

Jetzt hat Kristoffer Andersen bei Alemannia Aachen unterzeichnet. Es ist eine Art Heimkehr verbunden mit der Hoffnung, seine Qualitäten mal dauerhaft bei einem Klub ausspielen zu können. Ein solches Maß an Beständigkeit wie in der Karriere des Vaters (je acht Jahre in Anderlecht und beim 1. FC Köln) war für Kristoffer Andersen bislang nicht vorgesehen. Mit 20 debütierte der Mann, der im Mittelfeld für sämtliche Offensiv-Positionen in Frage kommt, beim FC Brüssel in Belgiens 1. Division - und wurde im Januar 2007 neben sieben weiteren Profis vom Präsidenten aussortiert.

Mit der Zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach stieg Andersen 2008 in die Regionalliga auf, Jos Luhukay wollte ihm einen Profivertrag geben, Manager Christian Ziege blockte ab. Wechsel in die Dritte Liga zum VfR Aalen - und Abstieg. Aufstieg zum Zweitligisten MSV Duisburg, im DFB-Pokal das entscheidende Tor zum 1:0 gegen Gladbach („Ein schöner Moment”) - und kurz vor Saisonende die Mitteilung von Trainer Milan Sasic: „Ich plane nicht mehr mit dir.” Unterschrift beim VfL Osnabrück - und Abstieg nach der Relegation gegen Dynamo Dresden. Weiter zum FC Ingolstadt - mit der trüben Bilanz von acht Liga-Minuten in zwei Einsätzen. „Dieses letzte Jahr”, sagt Andersen, „war das einzige, in dem ich praktisch nicht gespielt habe.” Doppeltes Pech: Als er sich nach Innen- und Außenmeniskus-Riss wieder fit meldete, startete die Mannschaft unter dem neuen Trainer Tomas Oral eine Erfolgsserie.

Ralf Aussem kennt und schätzt den 26-Jährigen seit den Duellen zwischen Rot-Weiß Essen und Gladbachs „Zweiter”. „Kristoffer ist zielstrebig, er geht mit Tempo ins Dribbling und schaltet schnell um”, sagt der Alemannia-Trainer. So einer passte ins Anforderungs-Profil, und es passte, dass Andersen seine zu Jahresbeginn gekaufte Wohnung in Eupen noch nicht - wie geplant - vermietet hatte. Die nutzt er jetzt gemeinsam mit Freundin Céline selber. „Ich bin ein ungeduldiger und nervöser Typ. Wenn ich etwas möchte, dann muss es schnell gehen”, sagt Andersen über sich. Auch deshalb ging der Wechsel an den Tivoli flott über die Bühne. „Ich war der, der es am meisten wollte. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn es nicht funktioniert hätte.” Und sollten sich die Dinge so entwickeln, wie Verein und Spieler das vorschwebt, „dann bleibe ich die nächsten sieben Jahre hier”.

Kristoffer Andersen ahnt: „Kein Spiel wird einfach in der Dritten Liga.” Körperlich ist er in tadelloser Verfassung, auch wenn er da mit Vater Henrik nicht ganz konkurrieren kann. „Der hätte fünf Spiele hintereinander machen können. Dafür habe ich ein bisschen mehr Technik?” Andersen, nahe Brüssel geboren, in Eupen aufgewachsen, fühlt sich als Belgier. Aber er hat auch den dänischen Pass und vor allem dänisches Fußballer-Blut. „Auf jeden Fall” hält er zu Henriks Erben. Auch am Sonntag gegen Deutschland.

Mehr von Aachener Nachrichten