Vor dem Spiel gegen Leverkusen: Die „minimale Chance“ der Alemannia

Vor dem Spiel gegen Leverkusen : Die „minimale Chance“ der Alemannia

Fuat Kilic war schon mal in Berlin. An sich ist das keine bemerkenswerte Nachricht, jedes Jahr reisen Millionen Menschen in die Hauptstadt Deutschlands, aber Alemannia Aachens Trainer war zu einem Zeitpunkt dort, an dem alle Fußballer in Berlin sein wollen: zum Finale des DFB-Pokals.

Es war der 21. Mai 2011, Kilic war Co-Trainer beim MSV Duisburg; er verlor mit dem Zweitligsten damals zwar 0:5 gegen Schalke 04, er sagt aber: „Das ist einfach ein fantastischer Wettbewerb mit besonderen Spielen.“ Und so sieht es ja auch jeder, der es mit Kilics aktuellem Klub hält: Die Alemannia hat 2004 als Zweitligist ebenfalls den sensationellen Einzug ins Pokalfinale geschafft. Und da war ja noch die Saison 2010/2011, als die Aachener unter anderem die Bundesligisten Mainz 05 und Eintracht Frankfurt ausschalteten und erst im Viertelfinale am FC Bayern scheiterten. Das sind Erinnerungen, von denen der Regionalligist immer noch zehrt.

Der erste Auftritt nach sieben Jahren

Jetzt hat die Alemannia wieder eines dieser besonderen Spiele im DFB-Pokal, das erste seit sieben Jahren: Aachen tritt am heutigen Samstag auf dem Tivoli gegen den Bundesligisten Bayer Leverkusen an (15.30 Uhr); das hat sich die Mannschaft durch den Gewinn des Mittelrheinpokals am Ende der vergangenen Saison verdient. Mehr als 30.000 Zuschauer werden kommen, das Stadion wird ausverkauft sein – und be der Alemannia gehen sie von einer großartigen Stimmung aus, „die wir auf den Platz übertragen wollen“, wie Kilic sagt.

Es sei seit seinem Amtsantritt im Januar 2016 sein Ziel gewesen, auf einem ausverkauften Tivoli coachen zu dürfen. „Wir wollen das alles genießen: das Spiel an sich, die Atmosphäre.“ Sich dazu endlich noch mal mit einem Champions­-League-Teilnehmer messen zu können, mache das Ganze „noch attraktiver“. Das gilt für die Spieler, die auf den Alsdorfer Kai Havertz und die anderen Leverkusener Stars treffen, aber auch für den Trainer. Wenn ein Mann wie Peter Bosz auf der anderen Trainerbank sitzen würde, sei das auch für Kilic etwas Besonderes. „Ich mag den Fußball, den er spielen lässt.“

Alemannias Trainer weiß, dass seine Mannschaft auf einen Gegner treffen wird, der ihr im Normalfall haushoch überlegen ist, natürlich. Regionalliga gegen Bundesliga, da wird die gängige Frage nach dem Favoriten nicht mal gestellt. Wer bei Wettanbietern einen Euro auf die Alemannia setzt, gewinnt bei einem Aachener Sieg 17,50 Euro. Was vor allem mit der Stärke Bayers zu tun hat. „Leverkusen hat eine brutale Qualität“, sagt Kilic. „Wenn die Spieler zu viele Räume bekommen, nutzen sie das eiskalt aus.“

Der Trainer hat Videomaterial gesichtet, und am vergangenen Sonntag hat Kilic den Gegner selbst beobachtet, als Leverkusen ein Testspiel gegen den FC Valencia 1:2 verlor. „Bayer hat rund 70 Minuten in Unterzahl gespielt – und war trotzdem dominant.“ Er hat mit seinen Spielern über die Stärken des Gegners gesprochen, klar, die Trainingseinheiten sahen aber fast so aus wie im Ligaalltag. Kilic sagt: „Wir haben nicht viel anders gemacht.“

Der Plan fürs Spiel ist ohnehin klar: „Wir wollen mutig sein.“ Sicher, sein Team werde gegen einen Bundesligisten „einen Tick tiefer“ als sonst stehen, was aber nicht bedeutet, dass sich die Alemannia rund um den eigenen Strafraum verschanzen will. Aus dem missglückten Saisonstart in der Liga mit nur einem Punkt aus zwei Spielen will Aachen Lehren ziehen. „Wenn wir diesmal den Ball gewinnen, wollen wir ihn nicht wieder so schnell herschenken.“

So könne das mit der Sensation vielleicht etwas werden, findet Kilic. „Die Chance, im Lotto zu gewinnen, liegt bei 1:140 Millionen, und dennoch spielen viele Menschen mit“, sagt der Trainer. „Auch unsere Chance ist minimal – aber wir wollen sie nutzen.“ Klingt ein bisschen nach einer Kampfansage. Auch weil Berlin immer eine Reise wert ist.

Die andere Sicht der Dinge

Auf die leichte Schulter will Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz das Spiel bei der Alemannia nicht nehmen. „Klar wollen wir unser Spiel durchziehen“, sagte der Coach vor dem Pokalspiel am heutigen Samstag. „Aber wir haben Aachen auch in den vergangenen Spielen beobachtet.“ Welche Eindrücke er und sein Trainerteam dabei gesammelt haben, ließ der 55-Jährige offen. Fest steht nur: Die Werkself wird sich steigern müssen, um ihrer glasklaren Favoritenrolle in der ersten Pokalrunde vollends gerecht zu werden.

Die Vorbereitung verlief aus Sicht der Leverkusener, die in dieser Saison nach dreijähriger Abstinenz wieder in der Champions League spielen, nicht wie erhofft. Einem 4:0 im Test beim Aachener Liga-Konkurrenten Wuppertaler SV folgten sieben Partien ohne Sieg; auch die Generalprobe am vergangenen Sonntag gegen den FC Valencia misslang (1:2). „Unsere Ergebnisse waren nicht gut. Wir müssen jetzt das Pokalspiel gewinnen und in der Abstimmung in allen Bereichen besser werden“, betonte der Niederländer Bosz.

Im Sommer musste er den Abgang von Julian Brandt zu Borussia Dortmund verkraften. Der offensive Mittelfeldspieler absolvierte unter Bosz seine bislang beste Halbserie als Profi und erwies sich auf der Doppel-Acht als kongenialer Partner für Ausnahmetalent Kai Havertz. Nach mehreren Wochen Vorbereitung ist noch immer unklar, wer Brandt ersetzen soll. Bosz probierte gleich mehrere Spieler auf der Brandt-Position aus. Mit Kerem Demirbay und Nadiem Amiri, die beide aus Hoffenheim unters Bayer-Kreuz wechselten, hat Leverkusen zwei potenzielle Nachfolger verpflichtet.

Auch vom Brasilianer Paulinho versprechen sich die Leverkusener Verantwortlichen um Sportgeschäftsführer Rudi Völler und Sportdirektor Simon Rolfes in dessen zweitem Jahr bei Bayer eine Steigerung. Der für 15 Millionen Euro aus Paris gekommene Moussa Diaby könnte Flügelstürmer Leon Bailey auf Sicht entbehrlich machen. Was die Abwehr betrifft, hat es beim Vierten der vergangenen Bundesliga-Saison kaum Veränderungen gegeben: Mit dem ehemaligen Daley Sinkgraven wurde ein Linksverteidiger von Ajax Amsterdam verpflichtet, um den zuvor konkurrenzlosen Wendell Druck zu machen. Taktisch setzte Bosz in den Tests verstärkt auf ein 3-2-4-1 mit Kevin Volland als einzige Sturmspitze.

Fehlen wird in Aachen der erkrankte Torhüter Lukas Hradecky. Er wird von Ramazan Özcan vertreten. Nicht dabei sein werden zudem die angeschlagenen und verletzten Lars Bender, Mitchell Weiser, Tin Jedvaj und Joel Pohjanpalo.

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