Benjamin Auer erinnert sich an den DFB-Pokal mit Alemannia Aachen

Ex-Alemannia-Stürmer im Interview : Benjamin Auers Erinnerungen: „Der Pokal kann eklig sein“

Stürmer Benjamin Auer war bei den bislang letzten großen Auftritten von Alemannia Aachen im DFB-Pokal hautnah dabei. Und er drückt seinem Ex-Verein auch die Daumen, wenn es am Samstag (15.30 Uhr) in der ersten Runde gegen den Bundesligisten Bayer Leverkusen geht.

Alemannia Aachens ehemaliger Stürmer Benjamin Auer war der letzte Torschütze auf dem alten Tivoli, im neuen Stadion traf er als erster Alemanne. Und auch bei den letzten DFB-Pokal-Krimis der schwarz-gelben Vereinsgeschichte taucht sein Name immer wieder auf: Torschütze beim 2:1-Sieg gegen Mainz 05 im Oktober 2010, den entscheidenden Elfmeter verwandelt beim 6:4 nach Elfmeterschießen gegen Eintracht Frankfurt, Kapitän bei der 0:4-Viertelfinalniederlage gegen Bayern München im Januar 2011. Thorsten Pracht hat sich mit Auer unterhalten.

Herr Auer, können Sie sich an Ihr letztes DFB-Pokalspiel erinnern?

Benjamin Auer: Mein letztes DFB-Pokalspiel, hmm. Wenn Sie so fragen, könnte das vielleicht mit der Alemannia gegen Bayern München gewesen sein?

Knapp daneben! Ein Tipp: Es fand im Juli 2011 in Karlsruhe statt.

Auer: Jetzt kommt die Erinnerung zurück. Wir haben in der ersten Runde 1:3 verloren, deshalb hatte ich das verdrängt.

Ihre Erinnerung an die Saison davor scheint lebhafter zu sein, Sie haben die Partie gegen die Bayern ja schon angesprochen.

Auer: Absolut. An die Spiele gegen die drei Bundesligisten Mainz, Frankfurt und Bayern erinnere ich mich sehr gut. Mainz hatte damals mit Trainer Thomas Tuchel sechs der ersten sieben Spiele in der Bundesliga gewonnen und war Tabellenführer. Gegen Frankfurt gab es im Elfmeterschießen sehr viel Dramatik, ich habe den entscheidenden Versuch verwandelt. Und dann das Highlight gegen die Bayern, was wir zwar 0:4 verloren haben, das vor ausverkauftem Haus aber trotzdem ein tolles Erlebnis war. Nicht zuletzt dürften die drei Spiele auch einiges an Geld in die Kassen der Alemannia gespült haben.

Ende 2010 und Anfang 2011 waren das die ersten großen Spiele auf dem neuen Tivoli, vermutlich für viele Fans die ersten emotionalen Erlebnisse in der neuen Spielstätte. Wie hat das Team die Stimmung damals wahrgenommen?

Auer: Das war schon elektrisierend. Uns als Mannschaft hat der Pokal schon über die ganze Saison hin gepusht. Ich kann mich gut an die Situation nach dem Spiel gegen die Eintracht erinnern. Es war das letzte Spiel vor Weihnachten, wir hatten das Ding gewonnen und saßen alle in der Kabine und warteten auf die Auslosung. Ich dachte noch bei mir: Bitte nicht die Bayern! Dann werden die Bayern gezogen und alle freuen sich, außer mir. In der VIP-Loge ist mir dann Erik Meijer um den Hals gefallen. Ich hätte lieber einen Gegner gehabt, bei dem die Wahrscheinlichkeit aufs Weiterkommen größer gewesen wäre.

Wie sieht ihre Pokalbilanz generell aus?

Auer: In meinem zweiten Pokaljahr bin ich mit Borussia Mönchengladbach ins Halbfinale eingezogen, da haben wir bei Union Berlin verloren. Ansonsten habe ich im Pokal mit keiner Mannschaft viel gerissen.

Aber Sie können dem Pokal schon etwas abgewinnen?

Auer: Pokal ist schon was Cooles. Aber es kann natürlich auch eklig sein. Ich bin mal mit Mainz in Velbert im Elfmeterschießen rausgeflogen. Wenn du auf so einem Dorfplatz spielst und von links und rechts beschimpft wirst, hat das schon etwas Besonderes. In den vergangenen Jahren scheint mir aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Großer von einem Kleinen rausgeschmissen wird, immer geringer zu werden. Die Favoriten machen das oft sehr abgezockt und nehmen den Wettbewerb von Beginn an sehr ernst.

Haben Sie generell das Gefühl, dass die Schere im Fußball immer weiter auseinanderklafft?

Auer: Das finde ich schon. Fernsehgelder, Ablösesummen – es ist schon brutal, wie sich das verändert hat. Und es ist ja auch kein Ende der Fahnenstange in Sicht. In ein paar Jahren gibt es vielleicht Transfers für 500 Millionen Euro.

Sie sind heute selber Geschäftsmann. Hat Sie das Geschäft Profifußball nie gereizt?

Auer: Mir war früh klar, dass ich nicht im Fußballbereich arbeiten möchte. Ich habe sehr früh meine Fitnessstudios aufgemacht, das erste 2004 mit 23. Ich finde es spannend, mir die Dinge aus der Ferne anzuschauen. Als Pfälzer ist bei mir in den Studios der 1. FC Kaiserslautern jeden Tag Thema. Insgesamt bin ich froh, dass ich dem Fußball ein bisschen den Rücken gekehrt habe.

Kaiserslautern und Aachen sind Beispiele für Traditionsvereine, die durch wirtschaftliche Probleme abgerutscht sind. Tut das weh?

Auer: Ich bin regelmäßig in Aachen bei Freunden zu Besuch und schaue schon mit einem weinenden Auge auf die Alemannia. Es wäre schön zu sehen, wenn sie wenigstens den Sprung in die 3. Liga schaffen würden. Aber dieser Sprung aus der Regionalliga ist aktuell wahrscheinlich der schwierigste im deutschen Fußball, erst recht mit den Relegationsspielen, wenn der Meister nicht direkt aufsteigt. Da kann man auch Lotto spielen. Beim FCK bin ich skeptisch, ob sie die Entwicklung noch einmal gewuppt bekommen.

Zurück zum Pokal: Alemannia hat die knackige Aufgabe Bayer Leverkusen vor der Brust.

Auer: (lacht) Da sind die Chancen in etwa so wie bei unserem Spiel damals gegen Bayern München. Leverkusen hat eine gute Mannschaft, sie kommen in ein volles Stadion – das ist etwas anderes als bei irgendeinem Dorfklub. Da könnte man als Spieler vielleicht schon mal glauben, dass 80 Prozent Leistung reichen. Bayer wird das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich hoffe, dass für Alemannia am Ende eine gute Einnahme übrig bleibt.

Sie haben in doppelter Hinsicht einen Platz in der Alemannia-Historie: Sie waren sowohl der letzte Torschütze auf dem alten Tivoli als auch der erste für Aachen im neuen Stadion. Was bedeuten Ihnen diese Marken?

Auer: Ich hätte es nicht mehr zu 100 Prozent gewusst. Aber es zu hören, ist schon ein tolles Gefühl. Wobei ich – obwohl es nur ein Jahr war – mehr mit dem alten Tivoli verbinde. Ich fand das Flair sensationell. Durch den engen Tunnel zu gehen, dann links direkt die Fans auf der überdachten Stehtribüne – da gab es schon das eine oder andere Spiel, bei dem ich Gänsehaut hatte. Diese Atmosphäre konnten wir leider nicht ins neue Stadion transportieren. Das haben wir nicht geschafft.

Den Spagat zwischen Nostalgie und Historie auf der einen Seite und dem Kampf um Wettbewerbsfähigkeit haben viele Vereine zu bewältigen.

Auer: Wenn du im Fußball erfolgreich sein willst, dann brauchst du einen VIP-Bereich, in dem du auch Geschäftskunden etwas bieten kannst. Das ist für den Verein finanziell natürlich lukrativer als ein Stehplatz für zehn Euro.

Welche Rolle hat für Sie das Stadion Ihres jeweiligen Arbeitgebers gespielt?

Auer: Ich habe mir immer angeschaut, welche Fankultur der Verein hat. Wenn ich meine Stationen durchgehe - Mainz, Bochum, natürlich Aachen, Karlsruhe, Kaiserslautern und Gladbach - dann gab es überall eine besondere Fankultur und auch stimmungsvolle Stadien. Besonders in der Zweiten Liga gibt es ja auch andere Beispiele. Wenn ich daran denke, wie wir früher wir in Ahlen oder Oberhausen vor ein paar tausend Leuten gespielt haben - das macht einfach keinen Spaß.

Der neue Tivoli war mit vielen Erwartungen verbunden, die nicht eintraten.

Auer: Wir haben uns in der Mannschaft total auf das neue Stadion gefreut. Dann lief im ersten Spiel gegen St. Pauli alles schief, was schieflaufen kann. Wir waren im Vorjahr Vierter geworden, merkten dann aber schnell, dass es für die oberen Plätze nicht reicht. Wie das im Fußball so ist: Es war Theater im Verein, Trainer Jürgen Seeberger stand in der Diskussion und wurde dann entlassen. Es war eine Runde, die man lieber aus dem Gedächtnis streicht.

Trotzdem schwärmen Sie oft von Ihrer Zeit in Aachen.

Auer: Wenn ich nach meinen Lieblingsstationen gefragt werde, sage ich immer: Aachen und Mainz. In beiden Vereinen war ich vier Jahre, habe mich in beiden Städten sehr wohlgefühlt und Freunde außerhalb des Fußballs kennengelernt. In Aachen war ich Kapitän und Publikumsliebling. Und für mich als Stürmer natürlich wichtig: Ich habe für die Alemannia die meisten Tore in meiner Karriere geschossen.

Also eine besondere Beziehung über das Karriereende hinaus ...

Auer: In jedem Fall. Vor einiger Zeit stand hier in Landau plötzlich Jupp Martinelli mit seiner Frau vor mir. Wir sind uns zufällig in die Arme gelaufen und haben uns lange über die Alemannia unterhalten. Und in meinem Büro hängen immer noch die Tivoli-Anleihen an der Wand, die ich damals gekauft habe – obwohl die eine ziemlich schlechte Investition waren.

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