Aachen: Bei Alemannias Florian Müller herrscht wieder Alltag

Aachen: Bei Alemannias Florian Müller herrscht wieder Alltag

Und dann flog wieder die Aufregung heran. Endlich. Das Gefühl hatte lange Zeit gefehlt. Harte, lange 21 Monate war Florian Müller ein Unbeteiligter. Ein Zuschauer wider Willen, ein Fußball-Profi, dessen Karriere nach dem zweiten Kreuzbandriss enorm gefährdet war.

Nach 21 Monaten tauchte Aachens Mittelfeldspieler wieder im Kader auf, besser noch: Zwölf Minuten vor Spielende wurde er in die Partie in Bielefeld geworfen. Müller hat die Zeit genossen, die Aufregung, den Beifall. Dieses Remis in Bielefeld war wieder ein Sieg über die Zweifel, die im Laufe der Leidenszeit aufgekommen waren. Verflogen sind die Zweifel deswegen noch nicht, zu viel ist geschehen in den letzten Monaten. „Man wird empfindlicher, achtet extrem auf jedes Detail”, erzählt der Offensivspieler. Das Knie steht unter ständiger Beobachtung. Vor ein paar Tagen trat er im Training auf den Ball, wieder ruckte es im Knie, Adrenalin durchflutete den Körper. „Es war ein Schock.” Fehlalarm. Das neue aufgehängte Band hält, die Zuversicht nimmt auch in solchen Momenten zu.

Im Laufe der Zeit ist aus Müller ein kleiner orthopädischer Experte geworden, der das Innenleben des Gelenks unfreiwillig kennengelernt hat. Die Lust an der „Weiterbildung” ging so weit, dass Müller ausnahmsweise mal als Gast an einer Kreuzband-OP teilgenommen hat. „Wenn man sieht, wie da gesägt, geschraubt und gebohrt wird, wundert man sich nicht mehr, dass das Knie so lange danach noch weh tut.”

Mehr Weiterbildung muss nicht sein, die Karriere soll endlich wieder anlaufen. Der Urlaub ist deswegen auch in diesem Sommer wieder ausgefallen. Florian Müller verbrachte ihn im Reha-Zentrum. Das ist das Gegenteil von Erholung. Woche für Woche schuften dort die Leistungssportler für ihr Comeback. Zeit ist ein dehnbarer Begriff geworden für den Knie-Patienten. Schon lange gibt er keine Prognosen mehr ab. „Ich habe Geduld lernen müssen.” Eine harte Lektion für Leute, die von ihrer Motorik leben, die sich bewegen wollen. Ein halbes Jahr fällt ein Profi im Schnitt mit einer so schweren Verletzung aus, bei Müller hat sich die Zeit nach vielen Komplikationen fast verdoppelt.

Der Verein hat ihn nicht fallen gelassen, an seinem Talent gibt es keine Zweifel. Als die abgestiegene Mannschaft in Trümmern lag, hat sich Trainer Ralf Aussem gleich bei ihm gemeldet. Auch Müllers Vertrag war ausgelaufen, er sollte auf dem Hof bleiben, wenn... ja, wenn das rechte Knie noch die Belastung des Profisports aushält. Das war die Mutter aller Fragen, die im Trainingslager in Bitburg beantwortet werden musste. In dieser Woche entschied sich, ob es noch den Profispieler Florian Müller geben würde. Natürlich hat er sich im Laufe der Leidenszeit - notgedrungen - auch mit dem Gedanken der Sportinvalidität beschäftigen müssen. Im letzten Jahr hat er ebenso wie Keeper Tim Krumpen an der Fernuni Hagen ein Studium der Wirtschaftswissenschaften aufgenommen. Ein zweites Standbein soll her, wenn das andere Standbein nicht mehr funktionieren sollte.

Die Sorgen sind abgeheftet. „Ich verkrafte die Belastungen fast ohne Probleme.” Müller wird nicht in die Heimat zurückgehen, er bleibt für mindestens noch ein Jahr am Tivoli. Der Verein hat ihm in schwierigen Zeiten erneut das Vertrauen ausgesprochen. Die Währung, mit der er zurückzahlen wird, heißt schlicht „Leistung”. „Es ist ein Geben und Nehmen, beide Seiten sollen von der Vertragsverlängerung profitieren.” Er wird als Neuzugang intern gelistet.

Gespielt hat er in der letzten Saison nicht einen Moment, und doch fühlte er sich auch wie ein Absteiger, „obwohl ich nicht helfen konnte”. Gegen Burghausen wird er heute zunächst auf der Auswechselbank sitzen, das ist der nächste Zwischenerfolg. Der Patient ist auf dem Weg der Besserung, das gilt für Alemannia, aber noch mehr für Florian Müller.

Aufstellung: Krumpen - Schwertfeger, Olajengbesi, Stehle (Erb), Baumgärtel - Demai, Streit - Heller, Rösler, Kefkir - Thiele

Punktspiel-Bilanz gegen Burghausen: 8 Spiele, 3 Siege, 3 Remis, 2 Niederlagen

Änderung der Tonart - nach nur einem Spieltag

Der Fanbus ist ausverkauft. 60 Burghausener Fans werden mitten in der Nacht losfahren, um rechtzeitig in Aachen einzutreffen. Ihr Team hat keinen sonderlich guten Stapellauf hinter sich. 0:2 endete der Auftakt gegen Preußen Münster, und es folgte ein sommerliches Donnerwetter des neuen Cheftrainers: „Wir haben Fußball gespielt, weil wir mussten. Nicht weil wir wollten, sondern weil wir um 14 Uhr antreten mussten”, tobte Georgi Donkov. Ein Spieltag hat gereicht, um die Tonart zu ändern. Der 42-Jährige kündigte Konsequenzen an, insbesonders auf der rechten Seite war der Tabellen-Sechste der letzten Saison anfällig.

Im Kader wartet noch der Ex-Aachener Matthias Heidrich auf einen Einsatz, verzichten muss Donkov noch auf Christoph Burkhardt und Darlington Omodiagbe.