Aachen: Alemannia: Wärmende Szenen in der Tiefkühlkammer

Aachen: Alemannia: Wärmende Szenen in der Tiefkühlkammer

Der Ball lag sekundenlang einsam im Strafraum. Er wartete geduldig, wer Alemannias erste Großchance 2012 nutzen wollte. Vor dem Strafstoß gab es ein paar kleine Debatten, so rasch drängte es niemanden nach vorne, zu viel hing von einem guten Start in dieses Spiel und auch in diese Restrunde ab.

Eher dankbar ließ Aimen Demai dem Kollegen Benny Auer den Vortritt. Aachens Kapitän blieb cool, was selbst bei Temperaturen von minus sieben Grad nicht so einfach war - und verwandelte zum 1:0.

Das war der erste Streich, am Ende besiegte Alemannia den deutlich höher gelisteten FC St. Pauli mit 2:1. Am 20. Spieltag besiegte das Team erstmals eine besser platzierte Mannschaft, und davon gibt es immerhin noch 13.

Der Auftakt erwärmte die Aachener Fans, denen wohl die beste erste halbe Stunde seit Saisonbeginn geboten wurde. Nach 13 Minuten entdeckte der gute Taktgeber Bas Sibum Aachens Neuzugang Albert Streit völlig freistehend. Dessen Gegenspieler Carlos Zambrano konnte ihn nur noch im Strafraum aushebeln, was ihm einen Elfmeter, eine Gelbe Karte und den schnellen Rückstand einbrachte.

Der schlechte Platz musste sich später einige hässliche Widmungen anhören, „katastrophal” war noch die harmloseste Vokabel. Selbst die Rasenheizung funkte stellenweise „SOS”. Als Alibi taugte so ein geschmähter Untergrund nicht, die Hausherren ignorierten zumindest zeitweise den maroden Restbelag. Sie zeigten eine Kombination, die auch einem gut gepflegten englischen Rasen gefallen hätte. Der Ball flipperte zwischen Uludag und Radu hin und her, landete bei Aimen Demai, der aus 16 Metern gekonnt zum 2:0 einschlenzte (15.). Der Spielspaß wurde zum wichtigen Zeitpunkt wieder aufgetaut. Radu erzielte das 3:0, das Schiedsrichter Frank Willenborg nicht anerkannte, weil Paulis Keeper Benedikt Pliquett den Ball vorher gesichert hatte.

„Wir wurden kalt erwischt”, erkannte Paulis Manager Helmut Schulte passend zum Tag. „Das war phasenweise so, wie ich mir das vorstelle”, lobte dagegen Trainer Friedhelm Funkel später. Und doch gab ihm das Team auch dieses Mal ein Rätsel auf. Bei bester Laune verlor es Ordnung und Struktur. Aachen zog sich zurück und verzichtete vorübergehend auf die geplanten Ausflüge. St. Pauli kam mit einer kleinen Eckenserie auf, und nach einer der vielen Flanken vom linken Flügel konnte Fabian Boll aus sieben Metern mühelos zum 1:2 verkürzen (39.).

In die Pause gerettet

Die Pause war ein enger Verbündeter der Aachener an diesem Tag, die Reihen wurden neu geordnet. Aachen zog sich zurück, wurde aber eine lauernde Mannschaft, die das 3:1 suchte. Sibum spielte erneut Radu frei, der aus 16 Metern verzog (59.), viel präziser hatte auch Aimen Demai (65.) sein Zielfernrohr nicht justiert, auch er zielte vorbei.

Die Hamburger hatten die größeren Spielanteile, sie erhöhten den Druck, aber Möglichkeiten blieben eine Rarität. „Trotz aller Überlegenheit waren wir nicht zwingend genug”, urteilte Trainer André Schubert enttäuscht vor der Heimfahrt.

Aachen wackelte diesmal kaum, das war die gute Nachricht des Tages. „Wir haben uns nicht irgendwie zum Sieg gegurkt, wir sind mental stark geblieben”, rühmte der starke Außenverteidiger Kim Falkenberg. Bislang konnte man dem Team eine perverse Neigung attestieren, sich in den letzten Minuten bestrafen zu lassen. Doch gegen das Spitzenteam aus dem Norden kam Aachen nur selten in Verlegenheit. „Endlich einmal haben wir so ein Spiel durchgezogen”, atmetete nicht nur Bas Sibum später auf.

Und auch das Glück war ein zuverlässiger Begleiter an diesem Tag. Schiedsrichter Willenborg urteilte falsch, als er das 2:2 von Saglik ins Abseits verlegte, kurz vor Schluss köpfte der eingewechselte Stürmer noch einmal vorbei. Seit fünf Spielen ist Alemannia ungeschlagen. „Die Richtung stimmt”, urteilte der erschöpfte Trainer Friedhelm Funkel.

Immerhin fast 23.000 Zuschauer verfolgten den Kaltstart der beiden Teams in die Rest-Rückrunde, darunter 3000 Fans aus Hamburg. Die Polizei hatte ihre Präsenz deutlich erhöht, am Morgen waren Spürhunde durch das Stadion gelaufen, nachdem es Drohungen im Vorfeld gegeben hatte. Zwischenfälle wurden bislang nicht bekannt. Auch diese Information gehört inzwischen zu einem rundum gelungenen Aachener Spieltag.