Aachen: Alemannia und die Suche nach der Euphorie

Aachen : Alemannia und die Suche nach der Euphorie

Ist es erfolgreich, die Kirchgänger am Ende des Gottesdienstes zu befragen, warum sie nur so wenige sind? Wo sind all‘ die Banknachbarn der vergangenen Jahre geblieben? Man könnte sich mit der Frage auch bei Alemannia Aachen auf Spurensuche begeben.

Zum Tivoli gehen in dieser Saison im Schnitt 5927 Zuschauer, das liegt deutlich über der Kalkulation (4800). Von den Regionalligisten haben bundesweit nur RW Essen (6848) und 1860 München (11.672) mehr Fans. Das klingt wie eine gute Prognose. Aber die Menschen, die den Klub regelmäßig besuchen, vermissen viele Banknachbarn. Und auch die Spieler wundern sich. Ein großes Thema ist diese aufstrebende Mannschaft außerhalb des Stadions bislang nicht. In langen, desolaten Jahren hat der Verein an Strahlkraft verloren. Wo ist nur die Alemannia-Euphorie geblieben, die sich sonst so zuverlässig eingestellt hat, wenn das Team an der Aufstiegsluke angeklopft hat?

Tobias Mohr: „Ich habe die Zeitachse unterschätzt.“. Foto: imago

Am Tivoli wird diese „temporäre, überschwängliche Gemütsverfassung mit allgemeiner Hochstimmung“ gerade gesucht. Erklärungen sind vielleicht von denen zu bekommen, die aus Überzeugung immer noch zum Tivoli gehen. Dieser harte Kern weiß natürlich, unter welch komplizierten finanziellen und zeitlichen Bedingungen Fuat Kilic diese Mannschaft im Sommer fast komplett neu zusammengestellt hat.

Martin vom Hofe: „Es gibt jetzt keine Ausreden mehr.“. Foto: Pauli

„Die Zeitachse unterschätzt“

Robert Moonen: „Bringen Sie beim nächsten Mal jemanden mit.“. Foto: Jaspers

Man könnte also die Fahndung bei Tobias Mohr beginnen. Der Mittelfeldspieler ist seit 2006 im Verein, hat als „Standortältester“ einen guten Überblick über die vergangenen Jahre. Vor der Saison hat er den vielen neuen Kollegen gesagt: „Uns hat kein Schwein auf dem Zettel, keiner traut uns was zu. Wenn wir hier richtig Vollgas geben, dann kommen die Leute, ihr werdet sehen.“ Der Vorsatz mit dem Vollgas ist gut umgesetzt worden, die Mannschaft entwickelt sich prächtig.

Wenn Mohr nun von seinen Mitspielern nach seiner optimistischen Prognose aus dem Sommer gefragt wird, sagt er: „Ich habe die Zeitachse unterschätzt, viele Fans warten immer noch ab.“ Der 22-Jährige bleibt zuversichtlich, dass der Zuspruch noch deutlich besser wird, wenn Alemannia den Kontakt zur Tabellenspitze hält. Am Wochenende reisten etwa 1100 Anhänger mit nach Wuppertal. Mohr entdeckte wieder Spuren des „guten, alten Alemannia-Gefühls“, das er aus besseren Zeiten noch kennt.

Fragt man den Präsidenten, ist der ein bisschen ratlos. „Ich habe keine Erklärung dafür, dass sich der Erfolg nicht positiv auswirkt“, wundert sich Martin Fröhlich. Nicht nur der Klubboss vermutet, dass es zu viele Enttäuschungen in den vergangenen Jahren gegeben habe. Etwas ernüchtert stellt er fest, dass der Weg zurück länger ist als erhofft.

Bevor Martin vom Hofe Anfang September als Geschäftsführer am Tivoli anfing, hörte er Stimmen — Stimmen, die ihn davon abhalten wollten, sich einem Verein in dieser Ausnahmesituation anzuschließen. Der 39-Jährige kennt sich aus mit gestrandeten Traditionsvereinen, arbeitete er doch bis vergangenen Jahr für RW Essen. Vom Hofe nahm die Herausforderung in Aachen an. Der Geschäftsführer ist unbeteiligt an der desolaten Vergangenheit, er wurde geholt, um eine bessere Zukunft mitzuorganisieren. Heute sagt er: „Ich hatte es mir schwerer in Aachen vorgestellt.“

Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Seine ansteckende Zuversicht belegt er mit ein paar Kennzahlen. So sei die Kündigungsquote bei den Bestandsverträgen erfreulich gering. Die Nachfrage nach Tageskarten, Seismograph für die sportliche Entwicklung, ist zum Beispiel deutlich besser als beim Zuschauertabellenführer in Essen, der allerdings deutlich mehr Dauerkarten verkauft hat. Aber auch vom Hofe registriert, dass mancher Kunde, der vielleicht schon mehrfach Geld an „seinen“ Klub verloren hat, erst mal abwartet, wie stabil der aktuelle Trend ist.

Das ist zu seiner Kernaufgabe geworden: verlorenes Vertrauen wieder zurückgewinnen. Die flächendeckende Zurückhaltung wirkt sich dann auch auf die Zuschauerzahlen aus. „Ich frage mich schon, wo die 9100 Zuschauer vom ersten Spieltag geblieben sind.“ Die Mannschaft liefere „grundehrliche Arbeit“ ab, sagt vom Hofe. „Es gibt jetzt keine Ausreden mehr, die Hütte sollte gegen Uerdingen voll werden.“

Die Spurensuche führt zur Mannschaft. Die Low-Budget-Truppe spielt über alle Erwartungen gut. Fuat Kilic und sein Team müssen wohl für etwas „büßen“, was sie nicht verschuldet haben. „Hier hat sich einiges angestaut über die Jahre“, vermutet Alemannias Trainer. Für Kilic gibt es eine einfache Gleichung: Mehr Publikum bedeutet mehr Atmosphäre, was noch mehr Punkte bedeuten könnte. Die wichtigsten Werbebotschafter des Klubs tragen schwarz-gelbe Trikots und kurze Hosen. So war es schon immer. „Wir müssen mit unserer Arbeit überzeugen. Aber das geschieht gerade. Wir liefern ab. Mehr kann man nicht fordern.“

Thomas Wenge, der Sprecher der Fan IG, vermutet, dass der Rückstand zu den Spitzenklubs Viktoria Köln und KFC Uerdingen antimagnetisch wirkt. Eine Liga, die nicht mal ihren Meister mit dem Aufstieg belohnt, verliert an Anziehungskraft. Wenge beschreibt aber auch hausgemachte Probleme. Fehlende Plakate in der Stadt, eine lebendige Website, werbewirksame Auftritte — all das vermisst er. „Der Verein muss wieder spannend sein“, sagt er. „Für mich kommt zu wenig vom Tivoli selbst, früher wurde das mehr befeuert.“ Parallel beobachtet auch Wenge eine flächendeckende Fußball-Sättigung. Der Tivoli-Besuch ist nicht mehr der Höhepunkt der Woche, der TV-Fußball rollt und rollt, ist Wenge genervt. Der Pädagoge hält dennoch eine Schubumkehr am Tivoli kurzfristig noch für möglich. „Wenn die Mannschaft, die Fuat Kilic so famos geformt hat, noch näher an die Tabellenspitze heranrückt, dann kehrt die Euphorie zurück.“

Es gab Jahre, in denen sich die lokalen Politiker bevorzugt auf Wahlplakaten am Tivoli ablichten ließen. Damals. Heute werden lokale Politiker kaum noch am Tivoli gesichtet. Der Verein hat mit seinen Insolvenzen und seinem Geschäftsgebaren dafür gesorgt, dass die Liebe in vielen Fällen erkaltet ist. Mit Alemannia lässt sich gerade nicht gut punkten. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp schaut sich regelmäßig die Spiele am Tivoli an. Aber eher als Marcel Philipp denn als Oberbürgermeister.

Der 46-Jährige vermisst mögliche „Aufstiegsfantasien“ eher nicht. Die Zurückhaltung sei durchaus nachvollziehbar. Fragt man den Oberbürgermeister, wie er derzeit die Beziehung zwischen Klub und Kommune beschreiben würde, sagt er: „Ich würde das Verhältnis als vernarbt beschreiben, aber die Unbefangenheit ist weg.“ Die Stadt hat nach der ersten Insolvenz den fast baufrischen Tivoli gegen ihren Willen übernehmen müssen und vermietet das Stadion nun an einen viertklassigen Verein. „In der Rolle als Stadt gibt es nichts, was wir noch tun können“, sagt der Oberbürgermeister.

Auch Carsten Schmidt, der das Fanmagazin „In der Pratsch“ seit Jahren mitherausgibt, rätselt ein bisschen, wo die Euphorie geblieben ist. Die ganzen Querelen und die Insolvenzen haben Teile des Publikums wohl ermüdet, vermutet er. Wieder bewege sich der Klub in einer unsicheren Phase, in der eine insolvente durch eine neue gesunde Gesellschaft abgelöst werden soll. Derzeit vermutet er nur noch den harten Kern bei Heimspielen. „Die Euphorie wird auch nicht medial geschürt“, findet er. Die Hardcore-Fans sind geblieben, viele andere haben sich abgewendet. Die Begeisterung dieses „Erfolgspublikums“ müsse wieder „wachgeküsst“ werden.

Große Fußballmüdigkeit

Robert Moonen ist seit 45 Jahren die Stimme des Klubs. Der Stadionsprecher ist ein bisschen ratlos. „Wo sind denn diejenigen, die meckern, weil es angeblich keinen guten Fußball zu sehen gibt?“ Moonen verkündet auch die Zuschauerzahlen während der Spiele. Gegen Dortmund II zuletzt ging er von mindestens 6000 Zuschauern nach sportlich munteren Wochen aus. Das war vor dem Spiel, es wurden dann nur 5300. „Es kann nicht an dieser Mannschaft liegen, denn sie überzeugt.“ Moonen findet, dass inzwischen allgemein eine große Fußballmüdigkeit eingesetzt hat.

Aber damit will er nicht die Abwesenheit am Tivoli erklären. „Früher wären bei so einer Performance doppelt so viele Fans ins Stadion gekommen“, sagt er. „Früher waren wir allerdings auch in höheren Ligen unterwegs.“ Der Verein ist tief gesunken, auch das hat das Interesse nicht erhöht. „Wer sich in dieser Liga für Alemannia engagiert, macht das aus Liebe zum Verein“, beobachtet er.

Sascha Theisen kann man nicht als Alemannia-Fan bezeichnen, man muss es. Die Liebe zum Verein hat er wie ein Erbe übernommen. Seit drei Jahrzehnten ist er Stammgast am Tivoli, beschreibt seine Gefühle in Kolumnen im Stadionheft. Der Dürener registriert, dass die Fans vorsichtiger geworden sind. Zu zuverlässig kamen in den vergangenen Dekaden die Rückschläge, deswegen wird die Performance mancherorts auch nur als Zwischenhoch registriert. Prophezeiung: Der nächste Rückschlag kommt bestimmt. Und da beginnt der Teufelskreis, sagt Theisen.

Denn es fehle „das große Stadionerlebnis“. Einen Dialog zwischen den Tribünen gibt es nicht mehr, selbst bei 10.000 Zuschauern droht die Gelbsucht, wenn man auf verwaiste Sitzschalen gucken muss. Theisen will nichts verklären, er hat am alten Tivoli in einer Aufstiegssaison auch schon mal Spiele mit nur 2000 Zuschauern erlebt. Natürlich sehnt auch er sich nach atmosphärisch dichten Spielen. Aber bislang gilt: „Die Leute trauen dem Braten noch nicht.“ Im Laufe der Jahre sind viele Illusionen verwelkt.

Stadionsprecher Moonen bleibt Zweckoptimist. Nach guten Heimspielen wünscht er dem Publikum einen guten Heimweg. „Wenn es Ihnen gefallen hat, sagen Sie es weiter. Und bringen Sie beim nächsten Mal jemanden mit.“

Er will weiter ansagen, bis die Mannschaft in die 2. Liga zurückgekehrt ist. Moonen ist 72 Jahre alt. Am Mittwoch spielt Alemannia gegen das abgestiegsgeweihte Team vom TuS Erndtebrück, verkauft sind bislang 3300 Tickets — darunter 2508 Dauerkarten. Noch Platz für viele Banknachbarn.

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