Aachen: Alemannia: Und der Countdown tickt am Tivoli

Aachen: Alemannia: Und der Countdown tickt am Tivoli

Es ist der Tag vor dem 14. Spieltag, aber Routine will sich nicht einstellen vor Alemannias Partie gegen Wehen Wiesbaden. Der gesamte Klub ist in Aufregung, überall laufen die Vorbereitungen. Jede auf ihre Art.

Die Lage: Der Countdown tickt unaufhörlich. Alemannia braucht Geld, viel Geld - und die Zeit drängt. Bis Mitte der Woche braucht der Fußball-Drittligist Liquidität, muss nach Informationen unserer Zeitung zwei Millionen Euro aufbringen, sonst droht die Zahlungsunfähigkeit. Seit Tagen werden die Bilanzen durchforstet, immer neue Löcher werden gefunden. Derzeit fehlen schon mindestens drei Millionen Euro im aktuellen Etat, und die Recherchen laufen weiter.

Die Sportler: Um 14 Uhr bat René van Eck seine Spieler am Freitag zum Abschlusstraining. Die Truppe wirkt munter, aber sie bereitet sich nicht nur auf einen Gegner vor, die Profis wissen auch nicht, wie die Stimmung im Stadion sein wird. Es gibt Hinweise, dass die Fans (bislang sind 10 000 Karten verkauft, darunter 500 Freikarten an Studenten) nachhaltig ihren Unmut über die Verantwortlichen des Klubs ausleben. „Wir wissen nicht, was passiert, wir wissen aber, dass wir den Support der Anhänger brauchen”, sagt René van Eck. Der Niederländer will mit nahezu unverändertem Team beginnen.

Die Fans: Seit Tagen werden Transparente gegen führende Funktionäre vorbereitet, das Fass ist übergelaufen, viele Anhänger fühlen sich im Stich gelassen von „ihrem” Verein. Sie sehnen sich nach Antworten, die der Verein in diesen Tagen nicht gibt. Die Wut richtet sich gegen die Verantwortlichen, die die Situation aus ihrer Sicht herbeigeführt haben, gegen den Geschäftsführer Frithjof Kraemer und den Aufsichtsratsvorsitzenden Meino Heyen. Beide waren am Freitag nicht zu sprechen.

Die IG der Fans lud am Abend zu einer Info-Veranstaltung, um über „Lügen, Unfähigkeit, Arroganz, Betriebsblindheit” zu reden. Andere Gruppen wollen einen Verzicht der Fananleihe organisieren. Für ihren Verein wollen sie in der Not auf Geld verzichten. Die 4,2 Millionen Euro werden am Ende der Saison fällig. Zudem eröffneten Fans ein Spendenkonto.

Die Stadt: Die Bereitschaft der Stadt und des Rates zu helfen, geht gegen Null. Die Gremien fühlen sich von den führenden Vereinsvertretern getäuscht, als diese im Frühjahr über die finanzielle Situation des Klubs Auskunft gaben. Nur auf dieser Basis sei die Stadionfinanzierung neu strukturiert worden. In der Kommune ist die Schmerzgrenze überschritten. Die offenen Rechnungen bei den städtischen Töchtern Apag (Parkhaus) oder Stawag (Strom) sollen nicht mehr gestundet werden.

Die Gremien: Hektisch suchen die Verantwortlichen nach Lösungen, sprich nach Geldgebern. Am Mittwoch tagte der Verwaltungsrat, während gleichzeitig der Aachener Stadtrat über das finanzielle Fiasko informiert wurde, am Donnerstag traf sich der Aufsichtsrat gleich zweimal, am Freitagabend erneut. Deren Chef Meino Heyen weilte von Mittwoch bis Freitag auf Mallorca, um ein paar private Dinge zu regeln.

Der Funktionär war zwar pausenlos mit dem Epizentrum in Aachen verbunden und brach seinen Kurz-Trip dann komplett ab, aber allein die Idee wurde von einigen Funktionären kopfschüttelnd kommentiert. Es erinnerte an den geschassten Manager Erik Meijer, der im Frühjahr in der Karibik segelte, während in der Heimat das Boot zu kentern drohte.

In Aachen versuchten die Männer, den Gang zum Konkursgericht zu verhindern. „Es geht um alles, wir müssen dem Verein helfen”, sagt Manfred Lorenz, Vorsitzender des Verwaltungsrats, der nicht zum ersten Mal den Verein in der Bredouille erlebt. „Wir müssen nicht nur reden, sondern auch handeln.” Kurzfristig geht es darum, den Verein mit frischem Geld auszustatten. Das generelle Problem ist damit nicht gelöst, es müssen Kosten gespart werden.

„Es muss knallhart neu strukturiert werden”, sagt Lorenz. Denn eine schlüssige Erklärung für ein riesiges Leck fehlt auch in den zuständigen Gremien. Etatüberschreitungen werden aus vielen Ressorts gemeldet, ein Controlling scheint es nicht gegeben zu haben. Ist der Aufsichtsrat seiner Funktion nicht nachgekommen? Lorenz nimmt ausdrücklich Michael Nobis und Helmut Kutsch in Schutz, die intern immer vor eine Wand gelaufen seien.

Die Tage von Frithjof Kraemer am Tivoli sind gezählt. „Es muss schnell Änderungen im operativen Teil geben, um wieder glaubwürdig zu werden.” Der Verwaltungsrat hatte - ungefragt und unzuständig - vor ein paar Wochen einstimmig gegen eine Vertragsverlängerung von Kraemer gestimmt. Erst vor einem Monat entschied sich der Aufsichtsrat anders und verlängerte dessen Vertrag auf Bitten Heyens bis zum Saisonende. Heyen sollte Kraemer kontrollieren, aber er unterstützte ihn ausdauernd.

„Wir brauchen den Neuanfang. Mit Schuldfragen können wir uns später beschäftigen”, sagt Lorenz. „Jetzt geht es darum, mit vereinten Kräften den Verein zu retten. Und da ist jeder gefragt.” Noch hoffen sie im Klub, dass Meino Heyen seine Ankündigung wahr macht, die er vor ein paar Wochen in einem gemeinsamen Interview mit Frithjof Kraemer gegeben hat: „Wir werden nicht fluchtartig den Laden verlassen, sondern werden alles ordnungsgemäß übergeben.”

Drohende Konsequenzen: Würde die Insolvenz angemeldet, hätte die GmbH drei Monate Zeit, um liquide zu werden. Dem DFB muss ein solcher Schritt sofort gemeldet werden. Der Verband vergibt einen Kredit von 200 000 Euro, der innerhalb von acht Wochen zurückgezahlt werden muss. Andernfalls droht eine Geldstrafe oder Punktabzug.

So könnte Alemannia am Samstag spielen: Melka - Weber, Stehle, Olajengbesi, Baumgärtel - Brauer, Schwertfeger - Heller, Streit, Kefkir - Pozder

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