Millionengrab für einen Euro: Wie die Stadt Aachen den Tivoli von der Alemannia übernahm

Millionengrab für einen Euro : Wie die Stadt Aachen den Tivoli von der Alemannia übernahm

Als sich die Verantwortlichen der Alemannia an einem dunklen Januarabend 2010 mit den Spitzenkräften aus Politik und Verwaltung der Stadt Aachen zusammensetzen, ist es gerade einmal fünf Monate her, dass der neue Tivoli feierlich mit einer 0:5-Schlappe eingeweiht worden war.

Und an diesem Abend kann man schon ahnen, dass über der Alemannia dunkle Wolken aufziehen werden. Dass allerdings nicht viel später der freie Fall des Traditionsklubs beginnen wird, damit rechnet wohl keiner der Anwesenden. Und schon gar nicht damit, dass mit der Alemannia auch die Stadt in ein Millionenloch fällt, in dem sie noch viele Jahre stecken wird.

An diesem Abend sitzen für die Alemannia der damals neue Sportdirektor Erik Meijer, Geschäftsführer Frithjof Kraemer und der Aufsichtsratvorsitzende Jürgen Linden, für die Stadt Oberbürgermeister Marcel Philipp, Kämmerin Annekathrin Grehling und Vertreter mehrerer Ratsfraktionen am Tisch. Man will ausloten, ob und wie die Stadt der Alemannia finanziell unter die Arme greifen kann.

Der Bau von Jugendtrainingsplätzen, eines Verwaltungsgebäudes, des „Werner-Fuchs-Stadions“ für die zweite Mannschaft als Ersatz für den alten Tivoli, der Bauland werden sollte – alles das war einst zusammen mit dem neuen Tivoli geplant worden. Die Realisierung scheitert jedoch bis dahin am Geld. Denn obwohl die Alemannia noch fröhlich in der 2. Liga kickt, sieht es in der Kasse äußerst klamm aus. Von bis zu neun Millionen Euro, die benötigt würden, ist an jenem Abend hinter verschlossenen Türen die Rede.

Über derlei Hilfen wird im Anschluss reichlich diskutiert. Zumal die Stadt zuvor den Bau des neuen Stadions ohnehin mit nicht gerade wenig Geld begleitet hat. Der Stadionumlauf – Aachens größter Platz – ist aus dem städtischen Etat ebenso bezahlt worden wie die Umsiedlung von Kleingärtnern. Nicht zu vergessen die neue Luxus-Fußgängerbrücke über die Krefelder Straße. Knapp 20 Millionen Euro kommen da alles in allem zusammen. Plus 12,5 Millionen Euro für den Bau des Parkhauses, für den die städtische Parkhausgesellschaft Apag sorgen muss, nachdem dieses für das Stadion existenziell wichtige Nebengebäude in den Alemannia-Kalkulationen „vergessen“ worden war.

Wenige Wochen nach jenem Treffen liegt für die Alemannia die Wahrheit dann nicht auf dem Platz, sondern im Ratssaal. Und zu dieser Wahrheit gehört: Es geht längst nicht nur um Trainingsplätze, sondern ums blanke Überleben. Klar ist: Ohne städtische Hilfe droht die Insolvenz. Die Politiker müssen sich entscheiden: Entweder sie stimmen einer „Patronatserklärung“ zu, die Bürgschaften von insgesamt 5,5 Millionen Euro über zwei Jahre beinhaltet. Oder die Alemannia fährt gegen die Wand, und an der Krefelder Straße steht ein brandneuer 32.000-Zuschauer-Fußballtempel, der dann eigentlich nicht mehr gebraucht wird. Im April 2010 stimmt der Rat wohl oder übel zu. Die Politiker betonen: Das sei die letzte Hilfe für die Alemannia, die ihre Schuldenprobleme – entstanden durch den Stadionbau mit Abzahlungen von 5,5 Millionen Euro pro Jahr plus 500.000 Euro Parkhausmiete – selbst in den Griff bekommen müsse.

Gnadenlos überhoben

Pustekuchen. Anderthalb Jahre später hat sich die Schlinge noch fester um den Hals des Profiklubs gelegt – immer noch in Liga 2. Den Alemannia-Verantwortlichen ist es vielleicht schon viel früher klar gewesen, doch auch dem letzten Außenstehenden wird nun deutlich: Der Klub hat sich mit dem Stadionbau in Eigenregie gnadenlos überhoben. Die jährlichen aus dem Bau resultierenden Belastungen müssen gedrückt werden – von über fünf auf zwei Millionen Euro pro Jahr. Ansonsten droht – einmal mehr – die Insolvenz. Die Stadt soll nun den ganz großen Rettungsschirm in Form einer Umschuldung der Stadionkredite aufspannen. Dafür soll eine städtische Stadion-Beteiligungsgesellschaft gegründet werden, in die auch die anderen Gläubiger – insbesondere die AachenMünchener – ihre Kredite einbringen würden. Die Alemannia soll dann zwei Millionen Euro pro Jahr Stadionpacht zahlen. Was in Liga 2 laut Gutachten machbar wäre. Und wieder diskutierten sich die Politiker die Köpfe heiß. Diesmal ist der Fliegenfänger noch größer als bei den Bürgschaften: Denn geht die Alemannia pleite, steht an der Krefelder Straße nicht nur ein leeres Stadion, sondern die Stadt verliert auch noch die Millionen aus der Bürgschaft.

Am 7. März 2012 – Alemannia steht auf Platz 13 der Zweitligatabelle – kommt es zum Showdown im Stadtrat. Am Tag darauf titelt unsere Zeitung: „43:24 – Alemannia ist gerettet“. Und der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Meino Heyen wird so zitiert: „Das ist wirklich ein großer Tag für die Alemannia.“ Selbstredend betonen die Politiker, dass dies die definitiv letzte städtische Hilfe für den Klub gewesen sei.

Denkste. Denn nach dem „großen Tag“ für Alemannia geht es rasant ins Tal – sportlich wie finanziell. Im Mai steht fest, dass Alemannia in Liga 3 absteigt. Was in einem für die Ratsentscheidung wesentlichen Gutachten als „Worst Case“ bezeichnet wird. Denn nun könne die Alemannia nur noch eine Million Euro pro Jahr Pacht zahlen. Womit eine Million schonmal beim Steuerzahler hängen geblieben wäre. Doch es kommt noch viel schlimmer. Im Oktober 2012 berichtet unsere Zeitung über deutliche Defizite im Etat des Klubs.

Aus der Vorsaison ist ein Fehlbetrag von 800.000 Euro „aufgetaucht“, obwohl die Vereinsverantwortlichen der Verwaltung und der Politik seinerzeit hoch und heilig versprochen hatten, alle Zahlen ungeschminkt auf den Tisch zu legen. Derweil gehen die Einnahmen durch Zuschauer und Sponsoren stärker zurück, als im Gutachten prognostiziert. In der Politik macht sich Aufregung breit, ist man doch offenbar in Sachen „vollständige Angaben“ vor der Ratsentscheidung übers Ohr gehauen worden.

Die Kämmerin rechnet, Juristen prüfen. Und noch jemand prüft: Die Alemannia setzt mit dem Insolvenzexperten Michael Mönig einen „Restrukturierungsbeauftragten“ ein. Am 16. November 2012 kann die Stadt dann aufhören zu rechnen. An diesem Freitag versammeln sich morgens Hunderte Fans vor dem Stadion, machen sich rund um den Tivoli Trauer, Verzweiflung, aber auch Wut breit. Der Traditionsklub hat zur „außerordentlichen Pressekonferenz“ geladen, und unter den Fans draußen hat sich längst herumgesprochen, dass es um die nackte Existenz ihrer Alemannia geht. Drinnen verkündet Mönig: Alemannia hat 4,5 Millionen Euro Defizit, bis Saisonende werden es zwölf Millionen sein.

Ein „Planinsolvenzverfahren“ soll beantragt werden, Alemannia wenn möglich noch bis Saisonende in Liga 3 bleiben (sonst wäre der sofortige Absturz in die unterste aller Ligen fällig) und dann in der Regionalliga weitermachen. OB Philipp zürnt mit Blick auf den städtischen Rettungsschirm: „Ich glaube, dass man diese Dimension der Verschleierung ohne kriminelle Energie gar nicht erreichen kann.“ Der Stadt gehen von da an jeden Monat genau 93.580 Euro flöten, die die Alemannia als Pacht überweisen sollte. Mit der Insolvenz hat der Klub den Lastschriftauftrag widerrufen. Drei Millionen Euro hat die Stadt für einen solchen Fall in einer „Rück-
lage“ gebunkert, auch das natürlich Steuergeld. Weitere Millionen sollen – man ahnt es schon – nicht folgen.

Und ebenso ahnt man: alles Humbug. Als es auf das Ende des Jahres 2013 zugeht und sich auch die Rücklage dem Ende zuneigt, steht die Stadt einmal mehr vor der Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder kauft man das Stadion für den symbolischen Preis von einem Euro, zahlt dessen Unterhaltskosten und hofft, dass Alemannia irgendwann mal wieder Geld einnimmt und abwirft. Oder man überlässt das Stadion einem privaten Investor, hat mit dem Unterhalt nichts zu tun, muss aber trotzdem bis zum bitteren Ende 19 Millionen Euro an Krediten abzahlen. Für nichts, sozusagen. Jetzt geht es also weniger darum, der Alemannia zu helfen, sondern sich selbst. Im November 2013 geschieht genau das. Der Rat beschließt den Kauf der bis auf Casino, Seminare und Weihnachtssingen weitgehend nutzlosen „Sonderimmobilie“ für einen Euro nebst aller Verpflichtungen. Unterzeichnet wird der entsprechende Vertrag schließlich im Januar 2015.

Das eigene Grab geschaufelt

Seitdem macht die Stadt bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr für den Unterhalt des Stadions locker. Im ersten Jahr des zweifelhaften Eigentums macht die zuständige „Aachener Stadion-Beteiligungs GmbH“ (ASB) „nur“ 900.000 Euro Miese, weil noch ein paar Rücklagen da sind. Für 2016 weist die ASB ein Minus von rund 2,2 Millionen, 2017 von 1,9 Millionen und 2018 von zwei Millionen Euro aus. Die Alemannia kann indes nur wenig Miete zahlen. Erst in der Bundesliga würde so viel Pacht fließen, dass es sich für die Stadt ungefähr rechnet. Freuen darf sich die Kämmerin nur, wenn eine Losfee wie jüngst einen lukrativen Pokalgegner zieht. Von den Einnahmen profitiert laut damaligem Vertrag auch die Stadt.

Vom nicht gewollten Ein-Euro-Artikel zum Millionengrab auf unabsehbare Zeit für die Stadt und den Steuerzahler: Das hatte an jenem dunklen Januarabend des Jahres 2010 wahrscheinlich niemand gedacht. Geahnt hat es der eine oder andere aber vielleicht doch. Denn: Dass sich die Alemannia mit dem Stadionbau in Eigenregie das eigene Grab geschaufelt hat, das dürfte zu diesem Zeitpunkt schon manchem geschwant haben.

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