Von wegen Goldgrube: Neuer Tivoli sollte dem Verein eine bessere Zukunft sichern

Von wegen Goldgrube : Neuer Tivoli sollte dem Verein eine bessere Zukunft sichern

Kurz bevor der Tivoli an diesem 17. August 2009 eröffnet wurde, hatte Jürgen Linden das Wort. Es sprach der Oberbürgermeister der Stadt, der gleichzeitig auch Alemannia Aachens Aufsichtsratsvorsitzender war. Linden galt und gilt als der Vater des neuen Stadions.

Bevor der Ball an diesem Montagabend rollte, hielt er eine kleine Dankesrede. Viel war an diesem Abend von Weichenstellung die Rede, von einem Verein, der nun für die Zukunft gewappnet sei. Es war alles fein angerichtet, aber schon beim ersten Spiel im neuen Stadion unterlag die Alemannia dem FC St. Pauli mit 0:5, es war die höchste Heimniederlage seit 62 Jahren.

Zehn Jahre nach der Eröffnung weiß man längst, dass die Geschichte des Stadions auch die Geschichte des Niedergangs des Traditionsvereins geworden ist. Alemannia hat sich mit der Finanzierung mächtig verhoben. Das Stadion, das laut Pros-
pekt „eng, steil und laut“ sein sollte, kostete schon ohne Parkhaus 50 Millionen Euro. „Es ist in der Geschichte der Stadt, aber auch in der von Alemannia ein Meilenstein“, frohlockte Linden damals. Der Neubau sei das schwierigste Projekt seiner langen Amtszeit gewesen.

Lautstark und entschieden: Die Fans halten der Alemannia trotz aller Turbulenzen die Treue. Foto: imago/foto2press/Manfred Heyne

Deutschlandweit gebe es „kein anderes Projekt, das so schnell, termingerecht und kostentreu umgesetzt worden sei“, berichtete der damalige Geschäftsführer Frithjof Kraemer am Tag der Eröffnung. Alemannia musste die Arena selbst finanzieren, die Stadt investierte elf Millionen Euro in das Umfeld. Bauherr war Alemannia – was der Verein immer ausgeschlossen hatte. Jährlich sollte der Verein nun etwa sechs Millionen Euro für den Schuldendienst aufbringen. Das setzte nahezu permanenten sportlichen Erfolg voraus. Bei den Fans wurde eine Anleihe im Volumen von 4,2 Millionen Euro platziert und eine gute Verzinsung angepriesen. Der Hauptsponsor AachenMünchener half mit einem Darlehen aus, das über eine Landesbürgschaft weitgehend abgesichert war.

Als das neue Stadion und damit auch die Saison eröffnet wurde, schien noch die Sonne. Gerade war der Sportetat des Zweitligisten von sieben auf acht Millionen Euro erhöht worden. Tendenz steigend. Der neue Tivoli sei die entscheidende Voraussetzung, um um die ersten drei Plätze mitspielen zu können. Die Stadionfinanzierung, so teilte Kraemer mit, sei auf „15 bis 18 Jahre“ angelegt. „Wir können zwei, drei schlechte Saisons überstehen“, vermutete Linden.

Linden und Kraemer schweigen

Zehn Jahre nach solchen Behauptungen wollen sich weder Kraemer noch Linden dazu äußern, sie wollen über diese Alemannia-Phase nicht mehr öffentlich reden. Aber für die Aufarbeitung von Alemannias Niedergang, der sich in zwei Insolvenzen dokumentiert, wären gerade sie wichtige Gesprächspartner.

„Der Niedergang des Vereins lässt sich aber ganz sicher nicht an zwei Personen festmachen“, sagt Tim Hammer, der seit Jahrzehnten am Tivoli die unterschiedlichsten Ämter wahrnimmt. „Dafür sind mindestens eine Handvoll Personen, vielleicht auch zwei Handvoll Personen zuständig.“

Hammer ist Augenzeuge der Phase, als Alemannia den Neubau plante. Noch im März 2002 stand der Verein am Abgrund: 2,8 Millionen Euro Schulden. Dass der Verein gesundete, hing entscheidend mit Jörg Schmadtke zusammen, der kurz zuvor in Aachen seine erste Stelle als Sportdirektor angetreten hatte. Schmadtke jedenfalls traf ein paar gute Entscheidungen, holte viel aus einem schmalen Budget heraus. An einem kühlen Februarabend im Jahr 2004, ziemlich genau gegen 21.04 Uhr, überwand Aachens Verteidiger Stefan Blank den damaligen Nationaltorwart Oliver Kahn aus großer Entfernung. Der kleine Zweitligist schaltete den Klassenprimus Bayern München an jenem Mittwoch im Pokal-Viertelfinale aus. Spätestens da kehrte die Zuversicht zurück.

Der alte Tivoli hätte sich nur mit einem Millionenaufwand ertüchtigen lassen. Anlieger hätten ein Anrecht auf Lärmschutz, hatten die Gerichte festgelegt. Und auch mit Millioneninvestitionen wäre die Kapazität nicht zu vergrößern gewesen. Wettbewerbsfähig würde nur der sein, der über eine moderne Arena verfüge. Am alten Standort wollte niemand mehr bleiben. Über ein Jahr lang suchte das Präsidium nach Grundstücken. Ergebnislos.

 Mitte 2005 kam die Idee auf, die neue Arena als Magnet auf dem geplanten interkommunalen Gewerbegebiet in Würselen-Merzbrück zu errichten. Tim Hammer sprach damals nach einer Präsentation der Pläne von „sensationellen Ergebnissen”, alles sei „entwickelt und spruchreif“. Das Grundstück bekäme die Alemannia nach eigener Einschätzung kostenlos, Baurecht wäre in eineinhalb Jahren geschaffen, eine Tiefgarage nicht notwendig. „Wir hätten 25 Millionen Euro einsparen können“, erinnert sich Hammer. Mehrheitsfähig wurde die Idee aber nie. Hammer wurde wahrheitswidrig aus den eigenen Reihen unterstellt, er wolle eigene Grundstücke an den Mann bringen. Er trat daraufhin erzürnt zurück.

Merzbrück-Idee scheiterte

Die Merzbrück-Idee scheiterte, weil Kommunalpolitiker und Fans auf die Barrikaden gingen: Alemannia Aachen gehöre wie der Dom zu Aachen und nicht in die Peripherie. Das war der allgemeine Tenor, und so wurde der komplizierte und kostenintensive Standort in der Soers auserkoren. Zwei Kleingartenvereine und ein Sportverein wurden umgebettet. Ein Restaurant musste weichen, das dann später unter ungeklärten Umständen abbrannte. Das Land NRW, das keine Ausfallbürgschaften für solche Projekte mehr übernehmen wollte, musste vom Gegenteil überzeugt werden.

Zehn Jahre nach Eröffnung sagt Hammer, die Suche nach Schuldigen helfe niemandem mehr, auch wenn er nicht verstanden hat, warum das Stadion so großzügig konzipiert wurde. „Das neue Stadion steht, wir sollten das Beste daraus machen. Alemannia ist immer noch ein Begriff im europäischen Fußball. Das Erbe verblasst aber, wenn es nicht gehegt und gepflegt wird.“ Hammer sagt, die Zeit dränge: „Der Verein hat nur eine Chance, wenn er Sponsoren zurückgewinnt und die Politik ihn als Aushängeschild sieht. Aktuell ist mir zu wenig Schwung in der Bude.“

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