Sportdirektor von Bayer Leverkusen Simon Rolfes: Der Mann, der in Aachen den Durchbruch schaffte

Sportdirektor von Bayer Leverkusen Simon Rolfes : Der Mann, der in Aachen den Durchbruch schaffte

Simon Rolfes spielte vor 15 Jahren für die Alemannia – und startete danach eine große Karriere. Als Sportdirektor von Bayer Leverkusen trifft er Samstag auf seinen Ex-Verein.

Dass Simon Rolfes‘ Erinnerungen an seine Zeit bei Alemannia Aachen noch ziemlich lebendig sind, wird besonders deutlich, wenn er von jenem Abend am 16. September 2004 in Hafnarfjördur erzählt. Er spricht den Namen der isländischen Stadt so selbstverständlich aus, als ginge es um Leverkusen – den Ort, an dem Rolfes bei Bayer zehn Jahre lang Fußball gespielt hat und wo er mittlerweile als Sportdirektor arbeitet. In Hafnarfjördur war er dagegen nur einziges Mal: als er mit der Alemannia an jenem Septemberabend bei Fimleikafélag Hafnarfjördur antrat, Uefa-Pokal, erste Runde, Hinspiel. Es war Aachens erster Auftritt im Europacup, Rolfes spielte von Anfang an, Alemannia gewann 5:1. „Das war genial“, sagt er. „Eine der schönsten Erinnerungen“, die er an seine Zeit in Aachen habe.

In den vergangenen Tagen hat Rolfes ein bisschen öfter an diesen Abend gedacht, was mit dem Samstag zu tun hat, er kehrt ja nach Aachen zurück. Der ehemalige Mittelfeldspieler ist mittlerweile 37 Jahre alt, er dirigiert nicht mehr das Spiel auf dem Platz, sondern als Sportdirektor das daneben. Aber wenn er über das Spiel zwischen seinem Klub Bayer Leverkusen bei der Alemannia im DFB-Pokal spricht, klingt er wie einer, der 90 Minuten auf dem Rasen stehen wird.

„Ja“, sagt Rolfes, Aachen gegen Leverkusen, „das ist ein besonderes Spiel.“ Weil er für beide Klubs gespielt hat. Bayer ist ja der Verein, zu dem er nach seiner Zeit bei der Alemannia gewechselt war. Und weil für Rolfes der DFB-Pokal ein besonderer Wettbewerb ist. Er hat ihn in der Saison 2003/2004 mit Werder Bremen sogar gewonnen. Zwar ohne Einsatz, aber im Finale ausgerechnet gegen die Alemannia, die als Zweitligist sensationell ins Endspiel eingezogen war und sich so erstmals für den Uefa-Pokal qualifizierte.

Dirigiert mittlerweile das Spiel neben dem Platz: Einst war Simon Rolfes Stammspieler und Kapitän bei Bayer Leverkusen, jetzt arbeitet er als Sportdirektor beim Werksklub. Foto: imago images / Sven Simon/Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Es gehört zu den Zufällen des Fußballgeschäfts, dass Rolfes ein paar Tage nach diesem Finale von Bremen nach Aachen wechselte, so ist das manchmal. Der Mittelfeldspieler war 22, als er 2004 an den Tivoli kam. Er galt als Talent, aber bei Werder hatte es nicht so recht funktioniert. Rolfes saß meist auf der Bank, eigentlich immer, so wie in jenem Endspiel eben. Und da kam das Angebot des Finalgegners gerade recht. „Ein ambitionierter Zweitligist, ein fast immer ausverkauftes Stadion“, das habe er gebraucht.

Rolfes sagt: „Die Zeit in Aachen war mein Durchbruch im Profifußball.“ Diese Station sei die „perfekte Vorbereitung“ auf die Bundesliga gewesen. Rolfes sagt: „Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das mir geschenkt wurde.“ Der Mittelfeldspieler hatte den damaligen Trainer Dieter Hecking in der Vorbereitung überzeugt, am ersten Spieltag stand er in der Startelf; seine erste Ligapartie auf dem Tivoli endete 1:1 gegen Eintracht Frankfurt.

Sein erstes Tor für Aachen erzielte er am achten Spieltag beim 4:0-Sieg bei Eintracht Trier. „Es gab viele tolle Momente“, sagt Rolfes. Und die meisten davon gab‘s im Uefa-Pokal. Erst jener umjubelte 5:1-Sieg im Hinspiel in Hafnarfjördur, der Alemannia letztlich in die Gruppenphase beförderte, nachdem das Rückspiel 0:0 ausging; dann schlug Aachen im ersten Spiel der Gruppe H den OSC Lille 1:0; Erik Meijer traf und jubelte ausgelassen mit Rolfes. Bei der 0:2-Niederlage beim FC Sevilla fehlte der Mittelfeldspieler, er hatte sich zuvor den Jochbeinbogen gebrochen, blöde Geschichte.

In St. Petersburg war Rolfes wieder dabei, bei Zenit holte sein Team ein 2:2 – und machte wenig später mit einem 2:0-Sieg bei AEK Athen als Gruppendritter den Einzug ins Sechzehntelfinale perfekt. „Wir haben uns in einer starken Gruppe durchgesetzt“, sagt Rolfes. „Und das als Zweitligist!“

Die Chance gegen Alkmaar

Im Sechzehntelfinale ging’s gegen AZ Alkmaar, und irgendwie wirkte der niederländische Erstligist für die Alemannia plötzlich wie eine machbare Aufgabe. Im Hinspiel holte Aachen in Köln – dort bestritt der Verein seine Heimspiele im Uefa-Pokal – ein 0:0, es war der 17. Februar 2005, der Einzug ins Achtelfinale war möglich. Und er war noch ein bisschen näher, als Meijer die Alemannia eine Woche später in Alkmaar in Führung schoss, eine gute halbe Stunde war gespielt. Es war Rolfes, der nach rund 60 Minuten das 2:0 hätte nachlegen können. Können? Vielleicht eher müssen. Er lief allein auf Henk Timmer zu, Alkmaars Torhüter bekam die Fäuste noch an den Ball. „Diese Chance“, sagt er, „wird mich wahrscheinlich mein Leben lang verfolgen.“

Auch diese Erinnerung ist noch ziemlich lebendig, was auch daran liegen mag, dass ein Foto von jener Spielszene großformatig im neuen Tivoli hängt. „So ist der Fußball!“ Alkmaars Barry van Galen traf zum Ausgleich, Rolfes hatte unfreiwillig vorgelegt; Thomas Stehle flog vom Platz, Joris Mathijsen schoss Alkmaar zum Sieg und ins Achtelfinale. Für Alemannia war der Traum ausgeträumt. Es blieb das Gefühl, dass mehr möglich war. Und so war es ja auch in der 2. Liga: Aachen hatte den Aufstieg angepeilt; am Ende wurde der Klub Sechster. Es fehlten sieben Punkte.

Für Rolfes ging die Zeit im Unterhaus dennoch zu Ende, nach 27 Zweitligaspielen (drei Tore), zwei Einsätzen im DFB-Pokal und sieben Spielen im Uefa-Cup verließ er die Alemannia. Der Mittelfeldspieler hatte schon in der Winterpause einige Angebote aus der Bundesliga erhalten, er lehnte ab. Als im Sommer 2005 aber auch Leverkusen anklopfte, entschied sich Rolfes zum Wechsel. „Das musste ich machen – weil die Konstellation einfach perfekt war.“ Er hatte am Tivoli seine heutige Frau Jenny kennengelernt, mit der er drei Töchter hat und in Eschweiler lebt, wollte im Rheinland bleiben. „Und dazu hatte ich damals die echte Chance, direkt in Leverkusen Fuß zu fassen.“

Neben Rolfes standen nur zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler in Bayers Kader. Der Rest ist Geschichte: Stammspieler, Nationalspieler, Kapitän, Ehrenspielführer. Er machte bis zu seinem Karriereende 2015 fast 400 Spiele für Bayer, lief 26 Mal für Deutschland auf. „Eine erfüllte Karriere“, sagt er – auch wenn es in Leverkusen und mit der Nationalelf keinen Titel, sondern nur zweite Plätze gab.

Dass diese Laufbahn in Aachen Fahrt aufnahm, hat Rolfes nicht vergessen – und deshalb geht ihm der Absturz der Alemannia bis in die Regionalliga auch nahe. „Das ist unfassbar schade“, sagt er. Aber: Er habe aus der Ferne das Gefühl, dass sich die Alemannia „mehr und mehr“ stabilisiere. Der Gewinn des Mittelrheinpokals und die damit verbundene Qualifikation für den DFB-Pokal sei „ein guter Anfang“.

Er selbst wollte im Frühjahr 2016 selbst mal bei einem Neustart mithelfen, nicht als Spieler, sondern als Funktionär. Der Ex-Profi wollte Strukturen aufbrechen, Impulse setzen, er wollte dem Verein auf die Füße helfen. Am Ende zog er sein Angebot zurück, es kam nicht zur Zusammenarbeit. „Ich will da nicht ins Detail gehen“, sagt er. „Es hat einfach nicht gepasst.“ Umso mehr freue es ihn, dass es bergauf zu gehen scheine, Rolfes sagt: „Ich wünsche mir, dass bald der Aufstieg in die 3. Liga gelingt.“

Die Sympathien sind immer noch da, was freilich nicht bedeutet, dass Leverkusen und der Sportdirektor am Samstag etwas zu verschenken haben. Das hat Rolfes ja schon mal bewiesen: Als er mit Bayer in der Saison 2006/2007 in der Bundesliga gegen den Aufsteiger und späteren Wiederabsteiger Aachen spielte, traf Rolfes gleich im Hinspiel, es war das 3:0, der Endstand, ein tolles Tor. Es ist ihm ein bisschen unangenehm, da-
rüber zu sprechen. „Das war einer der schönsten Treffer meiner Karriere – und den schieße ich ausgerechnet gegen meinen Ex-Verein“, sagt er. Gejubelt hat er dennoch, der unterdrückte Jubel gegen Ex-Vereine war damals noch nicht in Mode.

Rolfes wird sich also freuen, wenn seine Leverkusener die Alemannia aus dem Pokal werfen, natürlich, aber als programmiert sieht er einen Sieg in Aachen nicht an. Leverkusen wird das Spiel nicht als lockeren Aufgalopp gegen einen Viertligisten angehen, das verspricht Rolfes. „Das ist ein wichtiges Spiel.“ Für beide Klubs und irgendwie ja auch für ihn selbst. Er freue sich auf einen ausverkauften Tivoli. Und generell darauf, dass wieder Fußball gespielt wird. „Wie sagt man so schön: Die Wahrheit liegt auf dem Platz!“

In Aachen, Leverkusen und Hafnarfjördur.

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