Aachen: Alemannia 1933-45: „Die schlimmste Zeit ist nicht die vierte Liga“

Aachen : Alemannia 1933-45: „Die schlimmste Zeit ist nicht die vierte Liga“

Ein solcher Stürmer würde der Alemannia sicher heute noch gut zu Gesicht stehen. Dennoch werden die aktuellen Fans des Fußball-Regionalligisten mit dem Namen Max Salomon vermutlich nicht mehr allzu viel anfangen können.

Dabei erzielte Max Salomon mehr als 80 Tore in rund 140 Pflichtspielen für den Aachener Fußball-Klub. Letztmals zog er am 26. März 1933 das schwarz-gelbe Trikot über. Danach wurde er „dem Zeitgeist folgend“ aus dem Kader aussortiert, wie es in einer Vereinszeitschrift von damals heißt. Denn der nationalsozialistische „Zeitgeist“ duldete seinerzeit keine Juden — auch nicht im Fußball. Das Schicksal des Juden Max Salomon ist Teil der Ausstellung „Alemannia 1933-1945 — Fußball zwischen Sport und Politik“, die am kommenden Freitag, 27. Oktober, im Internationalen Zeitungsmuseum (IZM), in Aachen eröffnet wird.

„Diese Ausstellung ist ein weiterer wichtiger Baustein der Stadtgeschichte“, bewertet Frank Pohle, der Leiter der Aachener Route Charlemagne, zu der das Zeitungsmuseum gehört, die Wechselausstellung. „Das steht uns gut zu Gesicht.“ Deshalb helfe die Stadt auch — mit dem Raum, den sie im IZM zur Verfügung stellt, mit der Logistik, mit dem Marketing. Aber die Idee, diese Thematik in Form einer Ausstellung aufzuarbeiten, kommt von den Alemannia-Fans, genauer: von der Interessengemeinschaft der Alemannia Fans und Fan-Clubs (Fan-IG).

„Vor drei Jahren hat André Bräkling als Vorsitzender der Fan-IG das Thema erstmals vorgestellt“, erinnert sich der heutige Vorsitzende Thomas Wenge, der das Projekt gerne fortgeführt habe, nicht zuletzt, weil er Geschichtslehrer ist. Wenge sagt: „Wir müssen immer aufmerksam bleiben. Gerade weil der Fußball anfällig für politische Strömungen ist, darf man in einer Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder salonfähig zu werden scheint, nicht müde werden, an die NS-Zeit zu erinnern.“ Auch, weil es unter den Alemannia-Fans in jüngerer Vergangenheit durchaus rechtsoffene Tendenzen gegeben habe. „Wir wollen mit der Ausstellung aber keinen moralischen Zeigefinger erheben“, sagt Wenge. Man wolle vielmehr eine Diskussion in Gang bringen und zeigen: „Die schlimmste Zeit des Vereins ist eben nicht die vierte Liga.“

Mit „wir“ meint Thomas Wenge im Wesentlichen den Ideengeber André Bräkling, den Leiter des Aachener Stadtarchivs René Rohrkamp, der viele Recherchearbeiten erledigt hat, Lutz von Hasselt von der Alemannia selbst, IZM-Leiter Andreas Düspohl und Historiker Markus Maaßen, dessen Arbeit vom Bundesprogramm Demokratie Leben finanziert wurde. Gemeinsam haben sie sich Fragen gestellt wie: Was war Alemannia Aachen in dieser Zeit für ein Verein? Wie wirkte sich die Nazi-Politik auf das Vereinsleben aus? Was geschah mit den jüdischen Vereinsmitgliedern?

Diese Fragen beantwortet die Ausstellung vor allem mit der Darstellung zweier Lebensläufe, nämlich den des jüdischen Stürmers Max Salomon und den vom „Eisernen“ Reinhold Münzenberg, Aachens Nationalspieler, der zwischen 1930 und 1939 41 Länderspiele bestritt. Neben vielen Texten — zum Teil aus historischen Vereinszeitschriften — über die beiden, gibt es mit historischen Fußballschuhen, einem Volksempfänger und Trikots auch viel zu sehen. Und etwas zu hören gibt es auch. In einem Radio-Interview von 1974 erzählt Münzenberg über die Weltmeisterschaften 1934 und 1938, wo er mit Hakenkreuz im Wappen auflaufen musste.

„Wir haben die Ausstellung weniger als Rundgang konzipiert, sondern geben den Besuchern vielmehr die Möglichkeit, sich Texte in Ruhe durchzulesen, in Karteikarten zu blättern oder auch das Interview mit Reinhold Münzenberg anzuhören“, sagt Wenge. Daher gebe es in dem als Fußballfeld gestalteten Raum im IZM genügend Sitzmöglichkeiten — zum Teil auf einer kleinen Tribüne. „Wir wollen als Historiker die Fakten nur darstellen“, sagt der Geschichtslehrer, „der Ausstellungsbesucher kann diese dann bewerten.“

Vereine, die sich länger wehrten

Vergleiche mit anderen Vereinen will Wenge nicht ziehen, dazu fehle ein allgemeingültiger Maßstab. Aber immerhin habe man bei der Recherche zur Ausstellung festgestellt: „Es gibt Vereine wie den 1. FC Kaiserslautern oder auch Bayern München, die sich lange vehement gegen die Gleichschaltung durch die Nazis gewehrt haben. Das war bei der Alemannia nicht zu beobachten“, sagt Thomas Wenge.

Vielleicht könne die Ausstellung auch so etwas wie Pionierarbeit darstellen, meint Frank Pohle. „Wir schlagen damit Pflöcke ein und zeigen: So war das hier.“ Sollten andere Vereine das Thema ebenfalls aufgreifen, „dann ergibt sich vielleicht in der Zusammenschau ein vergleichbares Bild“, mutmaßt der Leiter der Route Charlemagne. Mit der geleisteten Arbeit ist er jedenfalls sehr zufrieden. Die Ausstellung sei kein Fan-Werbeprojekt, sondern eine solide wissenschaftliche Arbeit. „Und da nicht nur die Initiative an uns herangetragen wurde, sondern auch gleich ein Großteil des Budgets, haben wir uns nicht lange gewehrt, das Projekt zu unterstützen“, sagt Pohle lächelnd.

Denn die Fan-IG ist selbst auf Sponsorensuche gegangen, um die Ausstellung zu finanzieren. Ein vierstelliger Betrag ist dabei herausgekommen, den größeren Rest tragen das Bundesprogramm „Toleranz fördern — Kompetenz stärken“, das Gestaltungsbüro Wesentlich, das die Ausstellung umsetzt, sowie die Bauunternehmung Deubner. Seitens der DFB-Kulturstiftung wird zudem die Ausgestaltung eines Rahmenprogramms zur Ausstellung finanziell unterstützt. Hinzu kommt die Logistik durch die Stadt Aachen, die sich laut Pohle freut, dass neben der bestehenden breiten Erinnerung an den Nationalsozialismus in Aachen nun ein neuer Baustein hinzukomme.

Salomons Rückkehr zum Tivoli

Und dieser Baustein soll auch nach dem Ende der Ausstellung am 4. März nicht ab-, sondern vielmehr umgebaut werden. Die Recherchearbeit soll nämlich in einem Buch zusammengefasst werden und Teile der Ausstellung sollen auch zum Tivoli wechseln. Damit auch dort Max Salomon wieder ein Begriff wird.

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