Aachen: Aachener Unternehmer wollen Alemannia retten

Aachen: Aachener Unternehmer wollen Alemannia retten

Sie sind an Bord geblieben oder sogar erst gekommen, als andere fluchtartig das sinkende Schiff verließen. Sie sind Fans, überzeugte Aachener, „und irgendeiner muss ja am Ruder bleiben“, sagen sie. Der Spediteur Wolfgang „Tim“ Hammer, Thomas Deutz, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Creutz & Partners, der Bäckermeister Michael Nobis, der Bauunternehmer Helmut Kutsch und Mercedes Benz-Niederlassungsleiter Jochen Dimter: Sie wollen nicht zusehen, wie Alemannia untergeht.

„So eine Marke kann man doch nicht einfach abmelden“, sagt Nobis. „Alemannia ist eines der großen Aushängeschilder dieser Stadt“, sagt der zugereiste Dimter, „man muss die Kräfte bündeln, um es zu erhalten.“

Der Bauunternehmer Helmut Kutsch. Foto: Andreas Steindl

Bislang arbeiten die Männer ein bisschen im Schatten der Sanierer, ihr Gremium nennt sich Wirtschaftsbeirat, was die Satzung gar nicht kennt. Sie selbst nennen sich „Freunde der Alemannia“. Der Klub ist im Ausnahmezustand, und ihr legitimes Mandat ist die Liebe zum Verein. Sie stimmen ihre Rettungsmaßnahmen am Unfallort wöchentlich ab mit den Sanierern. Es gibt keine Alleingänge, keinen Raum für Eitelkeiten.

Der Bäckermeister Michael Nobis. Foto: Andreas Steindl

„Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir lassen nicht zu, dass hier jemand das Licht ausmacht“, sagt Hammer. Er war bereits Anfang des letzten Jahrzehnts dabei, als dem Klub wieder einmal das Wasser bis zum Halse stieg. Die aktuelle Aufgabe ist gigantischer, komplexer, der Zeitdruck ist größer. Hammer hat vor Jahren die Gremien verlassen, weil er den Standort Neuer Tivoli ökonomisch nicht für sinnvoll hielt. Aber nachkarten? In dieser Situation? Den Blick zurück sollen die Sanierer und die Staatsanwälte werfen. Mit der Vergangenheit wollen sie sich nicht beschäftigen, sagt Deutz, das raube nur Energie und Zeit. Alemannias Zukunft sichern, das Boot vor dem Kentern bewahren, ist die Überschrift. „Wir wollen den Fußball in Aachen halten“, sagt Hammer. „Im Moment kämpfen wir um die 4. Liga, und wir träumen noch vom Klassenerhalt der 3. Liga.“

Thomas Deutz, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Creutz & Partners. Foto: Andreas Steindl

Auf der Kommandobrücke stehen knallharte Sanierer wie Geschäftsführer Michael Mönig, der in der Region nicht sonderlich verdrahtet ist. Deswegen nimmt er die Hilfe der Männer dankbar an. Und sie sind ein emotionales Gegengewicht zu den kühlen Rechnern, die bald zum nächsten Unfallort eilen werden. „Wir sind Aachen“, sagt Thomas Deutz.

Der Spediteur Wolfgang „Tim“ Hammer. Foto: Andreas Steindl

Sie und ein paar helfende Hände mehr haben schon einiges bewegt in den letzten Wochen, auch aus eigenen Mitteln. Das größte Verdienst ist es wohl, dass das Boot noch unterwegs ist. Die Lage im Dezember war dramatischer als bislang dargestellt, erst in letzter Sekunde wurden die letzten beiden Liga-Spiele des Jahres sichergestellt, sonst wäre der Klub nach 112 Jahren untergegangen wie einst die Titanic.

„In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten“, hat Albert Einstein gesagt. Die Helfer verstehen die größte Krise des Klubs auch als Chance für einen Neuanfang. Das Luftschloss Alemannia ist abgerissen, die Illusionen beim Gernegroß-Klub sind geplatzt. Aber der Verein wehrt sich so entschlossen wie die drastisch verbilligte Mannschaft gegen den Untergang.

Tim Hammer hat den neuen Brustsponsor sanft zum Mitspielen gedrängt, „StreetScooter“ ist ein spannender Partner, bislang gab es kaum Kontakte zur RWTH. „Das ist ein großartiges Signal“, findet nicht nur Helmut Kutsch. Thomas Deutz organisiert gerade mit Sportchef Uwe Scherr den Retter-Cup im März. Die Runde ist viel unterwegs, wirbt um Zustimmung, um Unterstützung. Außerhalb der Stadtgrenzen sei die Marke Alemannia deutlich positiver besetzt als innerhalb, findet Deutz. Der klamme Klub braucht Geld, etwa eine Million Euro bis zum Saisonende. Der DFB hat die Daumenschrauben inzwischen angezogen, will den Nachweis zeitnah sehen, droht mit Punktabzug. Dennoch, der Optimismus keimt langsam wieder, weil sich die Stimmung gerade erneut dreht. Die neue Crew wirbt für Vertrauen, will das zerrüttete Verhältnis zur Stadt reparieren. Ohne die Hilfe der Kommune hat der Verein keine Chance. Aber braucht die Kommune Alemannia?

Verhältnis zur Stadt reparieren

Was ist die Alternative, wenn der Verein untergeht? Die Kreditverträge über 18 Millionen Euro platzen, allein der Werterhalt des Stadions koste monatlich 50.000 Euro, sagt Nobis. Und es gibt die weichen Faktoren: Alemannia ist Emotion, für viele Lebensqualität, ist immer noch der Top-Markenbotschafter der Region. „Wir wollen kein Geld von der Stadt“, sagt Hammer. „Aber wir möchten, dass die Stadt uns nicht blockiert, dass sie den Wert dieses Vereins erkennt“, sagt Nobis. „Sie müsste eigentlich der größte Fan des Vereins sein.“ Gerade aber rücke das städtische Parlament den Verein in ein düsteres Licht. Das schrecke die Sponsoren ab, forciere den Niedergang. Die Männer schlagen vor, dass die Stadt künftig an den Einnahmen partizipiere, die Kreditlinie würde sich am status quo orientieren. Das ist Teil des Rettungsplans. Zu dem Plan gehört aber genauso, die Forderungen der Stadt bedienen zu können. Es gebe kein Vorhaben, die Immobilie mietfrei zu nutzen.

Die Juristen werden bald weiterziehen zum nächsten Patienten, Hammer, Nobis, Deutz & Co. bleiben zurück in Aachen. Sie wollen auch noch am 30. Juni da sein, wenn feststeht, ob und wie es weitergeht. Ihre Zuneigung zum Verein sei ligaunabhängig. Sie würden auch offiziell ein Mandat ansteuern — falls gewünscht. „Unsere Bereitschaft zu helfen ist da. Wenn die Mitglieder es wollen, wird sich in unseren Reihen der Präsident und der Vorsitzende des Aufsichtsrats finden“, sagt Hammer.

Ob auch andere Leute für die „Operation Rettung“ bereitstehen? „Wir wissen es nicht“, sagt Hammer. „Aber wir sind ja keine geschlossene Gesellschaft hier.“ „Der Verein hat eine Perspektive, wenn er nicht wie ein Klömpchensklub, sondern wie ein Unternehmen geführt wird“, vermutet Dimter.

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