Alemannia kooperiert mit E-Sport-Team: „Aachen City eSports“ hat die Weltspitze im Blick

Alemannia kooperiert mit E-Sport-Team : „Aachen City eSports“ hat die Weltspitze im Blick

Es ist eine deutschlandweit einzigartige Zusammenarbeit: Die Alemannia kooperiert mit „Aachen City eSports“. Das Profi-Team im Computerspiel Dota 2 hat Potenzial, an der Weltspitze mitzuspielen. Tausende Zuschauer verfolgen die Matches live im Netz.

Ein Boden, eine Tür und ein Fenster, weiße Wände – nichts, was von den vier Computerbildschirmen ablenkt, die in dem kleinen Raum irgendwo an der Elsassstraße auf einem einfachen Ecktisch aufgebaut sind. Das Zimmer wird von Klackergeräuschen mechanischer Keyboards erfüllt. Mausklicks sind zu hören. Ab und zu, zwischen dem Klackern.

Innerhalb von zwei Wochen haben vier junge Männer an den PCs jeden Tag zehn bis zwölf Stunden lang tausendfach geklickt. In Alemannia-Trikots sitzen sie da. Training. Immer mal wieder huschen zwei Logos über die Screens – Alemannia Aachen und „Aachen City eSports“ (ACE). Sie künden von einer Zusammenarbeit, die in dieser Kombination in Deutschland bisher einzigartig ist: der zwischen einem Fußballverein und einem professionellen E-Sports-Team im Computerspiel Dota 2 (siehe Box). Das Team hat das Potenzial, an der Weltspitze mitzuspielen.

Alemannia Aachen kooperiert mit E-Sport-Team

„Um zur Weltspitze zu gehören, musst du schon zwölf Stunden am Tag trainieren und nonstop über das Spiel nachdenken. Wenn du weniger arbeitest, erreichst du auch weniger.“ Die Worte von Nikola Popovic (29), Nickname „LeBronDota“, Team-Captain von ACE, klären im Subtext gleich darüber auf, dass E-Sports nicht gleich E-Sports ist. Verschiedene Video- und Computerspiele sind vergleichbar mit unterschiedlichen Sportarten: Ein Counter-Strike-Profi ist nicht automatisch auch gut in Fifa, so wie ein Fußballprofi nicht automatisch Tennis auf Profiniveau spielen kann.

Ausgewählte Profis

Boris und Steffi nahmen zum ersten Mal Tennisschläger in die Hand, als sie noch sehr jung waren. Äquivalent lesen sich Vitae von Profis im E-Sports. „Dota spielt eine große Rolle in meinem Leben. Ich spiele, seit ich zehn oder elf Jahre alt war“, erzählt Gleb „Funn1k“ Lipatnikov. „Mit 15, 16, 17 Jahren hat es sehr viel Zeit gekostet, mich zu verbessern. Ich habe jede freie Minute in das Spiel investiert, mich nicht mit Freunden getroffen, bin nicht raus zum Spazieren oder so – es war wirklich verrückt. Man kann sagen, ich habe ein paar Jahre meiner Jugend dafür geopfert.“

Bei den fünf Spielern handelt es sich nicht um eine wahllos zusammengewürfelte Kartoffeltruppe – zwar um ausgewählte Einzelspieler und nicht um eine gewachsene Mannschaft, aber um Berufsspieler, um Dota 2-Experten. „Es gibt viele Spieler, die glücklich darüber wären, unseren Platz einzunehmen. Die Konkurrenz ist groß, und wenn du nicht hart arbeitest, bist du ohne Job“, sagt „LeBronDota“.

Geht es um die Fußballsimulation Fifa 19 ist es keine Ausnahme mehr, dass deutsche Proficlubs E-Sportler in ihren Reihen haben – Wolfsburg, Schalke, Leipzig, Beispiele gibt es genug. Auch die Alemannia reiht sich ein. Was Dota angeht liegt die Sache anders. International gibt es zwar Kooperationen dieser Art, der französische Erstligist Paris Saint Germain etwa arbeitet unter dem Namen „PSG.LGD“ mit dem professionellen Dota 2-Team „LGD Gaming“ zusammen. In Deutschland sind Alemannia und Aachen City eSports Vorreiter.

Das Logo, eine Kombination aus den Signets beider Kooperationspartner, ist bei den Spielen im Game zu sehen. Foto: Thomas Vogel

Dass bei dem Aachener Verein Kräfte auf die Einrichtung einer eigenen E-Sport-Abteilung drängen, sind Neuigkeiten aus dem vergangenen Jahr. Die Ausgründung zur eigenen Abteilung hingegen ist noch ganz frisch, wurde gerade Ende vergangener Woche offiziell, erklärt Daniel Peters, im Vorstand der Futsal-Abteilung und Mitgründer der E-Sport-Abteilung. Die Kooperation mit dem Dota 2-Team, das im Januar gerade gegründet wurde, ist wenige Monate älter und dennoch haben die fünf Spieler das neue Logo schon unter die Leute gebracht. Tausende junger Menschen auf der ganzen Welt haben es gesehen, während sie Spiele der Profi-Gamer gegen die Großen der Szene verfolgt und in Chatrooms ungezählte Male verwundert gefragt haben: „Woher kommt dieses Team?“, „Was ist Alemannia?“ oder „Is Aken a City in Germany?“

Der unbeteiligte Beobachter würde den Charme im „Spielzimmer“ in der Elsassstraße im ersten Moment vielleicht mit dem einer Mathe-LK-Klausur vergleichen – kaum ein Wort wird gesprochen, konzentrierte Gesichter, ebenso konzentrierter Blick nach vorne. Und dann sind da die bunten, schnellen Szenen auf den Bildschirmen, die diesen Eindruck schnell wieder zerstreuen und klar machen: Das ist keine Mathe-LK-Klausur, hier geht es um mehr. An einem späten Nachmittag im Mai haben die Neu-Alemannen ein gehöriges Stück Arbeit vor der Brust: Sie spielen gegen Team Secret, eines der Top-Teams weltweit. Der Ausgang des Qualifikationsturniers in den folgenden Tagen wird darüber entscheiden, ob Aachen City eSports nach Moskau zum Turnier Epicenter fährt – einem sogenannten Major. Bei diesen großen Turnieren, die übers Jahr verteilt überall auf der Welt stattfinden, gibt es neben hohen Preisgeldern – eine Million US-Dollar – auch wichtige Punkte in der Dota Pro Curcuit, der Profi-Liga, zu holen.

Keiner der Jungs, die für Alemannia und ACE an den Keyboards sitzen, hat in Aachen selbst bisher einen Bekanntheitsgrad, der diese Bezeichnung verdient hätte. Was nicht bedeutet, dass es sich um unbekannte Newcomer handelt. „LeBronDota“ aus Gračanica in Serbien etwa hat in der Vergangenheit bereits an etlichen großen Turnieren teilgenommen und unter anderen beim Team „Natus Vincere“ (kurz: NaVi) gespielt, einem der weltbesten Teams in Dota 2. Oder „Funn1k“ (26, aus Charkiw/Ukraine), der bereits an vier „The International“ teilgenommen hat, dem am höchsten dotierten E-Sports-Turnier der Welt. 2013 belegte „Funn1k“ sogar den dritten Platz. Mehr als 400.000 Dollar hat er in seiner Karriere allein an Preisgeldern bereits verdient.

Hohe Spieler-Fluktuation

Spieler wie sie sind in der Szene keine Unbekannten. Auch die anderen drei sind Profis, die vom Besitzer des Teams, Özkan Sadi aus Aachen, ein Salär erhalten: Sergey „EcNart!“ Slobodianiuk (22) aus Mykolajiw/Ukraine, Dmitry „DM“ Dorokhin (19) aus Moskau/Russland und Alik „V-Tune“ Vorobei (18) aus Kiew/Ukraine.

Dass sich im Team kein deutscher Spieler findet, ist nichts Ungewöhnliches. Ähnlich wie im Fußball ist die Fluktuation von Spielern im E-Sport hoch, werden Profis gegen Zahlung einer Ablöse international verkauft oder ausgeliehen. Vier der fünf Teammitglieder von ACE spielen in der Elsassstraße in einem sogenannten „Bootcamp“ physisch an einem Ort zusammen, eine Art Trainingslager. Nur „DM“ hat sich von Zuhause aus übers Netz eingeklinkt. Die meisten Spiele werden online ausgetragen, nur auf großen Turnieren sitzen die Mannschaften sich „face to face“ gegenüber und spielen vor Tausenden Fans in Stadien oder großen Hallen.

Keine Spiele in Aachen, kein wirklicher Bezug der Spieler zu Aachen, warum dann die Kooperation zwischen der Alemannia und dem E-Sports-Team? ACE profitiert vom Know-how der Aachener, was das Marketing im Sportbereich betrifft. Außerdem sei das Team in Aachen gegründet worden, und deshalb habe man auf der Suche nach einem Partner zuerst die Alemannia angesprochen, sagt ACE-Geschäftsführer Peter Wiens. Die Zusammenarbeit sei eine Win-Win-Situation. Die Alemannia sei bekannt, auch und vor allem in der Region, wovon die Pro-Gamer profitieren. „Aachen City eSports“ hat großes Potenzial im E-Sport, wovon die bei der Alemannia noch sehr frische Sparte profitieren kann. Wie lange und in welcher Form die Kooperation über „The International“ im August hinaus weitergeführt wird, wollen die Beteiligten noch besprechen.

Die „Marke Alemannia“ stärken

„Das große Ziel ist, die Marke Alemannia national wieder zu stärken“, sagt Daniel Peters. Fast könnte man seine Aussage als tiefgestapelt bezeichnen vor dem Hintergrund, dass Marke und Verein Alemannia bereits auf dem Weg über nationale Grenzen hinaus in die Welt sind. In Mumbai hat das ACE-Team bereits gespielt, die Qualifikationsspiele zum Major in Moskau haben allein auf der Streaming-Plattform Twitch jeden Tag geschätzt zwischen 50.000 und 80.000 Fans online im Livestream verfolgt. „Weil wir auch gegen sehr bekannte Gegner spielen“, sagt Ruslan Bibolatow, bei ACE mit einer Funktion betraut vergleichbar der eines Sportdirektors. „Das ist so, als spiele im Fußball die Alemannia gegen den FC Barcelona. Nur dass wir derzeit zu den Top-7-Teams in ganz Europa gehören.“

Dickes Brett zu bohren

Selbstbewusstsein hat das Team also. Nötig, immerhin liegt die Latte, die noch in diesem Jahr übersprungen werden soll, mit der Teilnahme an der neunten Ausgabe von „The International“ (TI 9), dem höchstdotierten E-Sport-Turnier der Welt, verdammt hoch. Sportdirektor Bibolatow: „Für uns ist im Moment vor allem wichtig, Spielerfahrung gegen andere Top-Teams zu sammeln.“

In der Vorqualifikation zum Major in Moskau waren die Jungs noch recht mühelos durch die Gegnerreihen gepflügt, haben mehr als 120 Teams hinter sich gelassen, um mit der Crème de la Crème unter den europäischen Dota 2-Teams um einen Platz beim Epicenter zu spielen. Das hat am Ende nicht geklappt. Den Einzug haben sie ganz knapp, im Tie-Break erst, verpasst. Die Spielerfahrung aber bleibt. Und: Sie haben bei Zuschauern und Gegnern Eindruck hinterlassen. „Der aktuelle Kader spielt zwar erst seit drei Monaten zusammen, hat aber ein sehr, sehr großes Potenzial“, erklärt ACE-Geschäftsführer Wiens. „Das bekommen wir selbst von gegnerischen Teams zu hören. Jetzt geht es darum dafür zu sorgen, dass das Team optimal eingestellt ist.“

Tatsächlich die Qualifikation für „The International“ zu schaffen, ist also nicht utopisch. Ab dem 20. August 2019 findet die neunte Ausgabe statt, zum ersten Mal auf chinesischem Boden. Das Preisgeld wird sich in diesem Jahr in der Gegend um 30 Millionen Dollar bewegen.

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