Von wegen „Jeföhl“: Beim 1. FC Köln geht es zur Sache

Von wegen „Jeföhl“ : Beim 1. FC Köln geht es zur Sache

„E Jeföhl dat verbingk – FC Kölle“, singen sie in Köln in ihrer Hymne vor jedem Heimspiel. Fans, Mitglieder, Sponsoren, Spieler und Offizielle sind sich einig: ein ganz besonderes „Jeföhl“ umgibt ihren Verein. Doch das besungene Zusammengehörigkeitsgefühl ist schon seit längerem kaum mehr als ein Lippenbekenntnis.

Beispiele dafür gibt es viele: Da sind die „Vorstand raus“-Banner im Unterrang der Südkurve, der Heimat des harten FC-Fankerns, da ist aber auch das „Ultras raus“-Banner im Oberrang darüber. Da werden Vorstandsmitglieder beleidigt, aber da werden auch Vorstandskritiker öffentlich attackiert. Beim FC geht es seit mindestens zwei Jahren zur Sache. Es geht um Kontrolle und Macht. Es geht um Investoren aus China und einen Stadion-Neubau außerhalb der Stadt. Es geht um Gewalt und Pyrotechnik. Um „Die“ gegen „Wir“. Und um die Frage, ob es gemeinsam weitergehen soll. Oder ob es überhaupt weitergehen kann.

Dabei beginnt alles so harmonisch: Im April 2012 wird Werner Spinner mit der überwältigenden Mehrheit von über 91 Prozent zum Präsidenten gewählt. Ihm zur Seite stehen Karnevalspräsident Markus Ritterbach und der ehemalige Torwart Harald „Toni“ Schumacher. „Verein vereinen“, lautet damals der Wahlspruch. Ultras, Fans, Sponsoren, alle stärken sie dem Trio den Rücken.Im Oktober 2018 kommen die Mitglieder erneut zusammen. Gewählt wird dieses Mal ein neuer Mitgliederrat – das Gremium, das (unter anderem) den Vorstand kontrollieren soll. In dem an diesem Abend neugewählten Gremium gelten zehn von zwölf Personen als Kritiker der aktuellen Führung. Die Opposition sieht sich deshalb als Gewinner des Abends.

„Eine Minderheit“

 Gesprächstermin auf der FC-Geschäftsstelle mit Schumacher (64) und Ritterbach (55). Präsident Spinner (70) weilt zum Zeitpunkt des Treffens in Asien. Die ersten Fragen drängen sich wegen der Entwicklung regelrecht auf: Was ist zwischen 2012 und 2018 passiert? Woher kommt der Stimmungsumschwung?

Toni Schumacher, schon als Spieler für seine Emotionen bekannt, ist bei diesen Fragen sofort auf Temperatur. „Wir sprechen zu viel über eine Minderheit“, ruft der einstige Nationaltorhüter energisch. Er selbst werde angefeindet, bekomme Hass-Mails. „Die Stimmung gegen uns wird vor allem von den Unterstützern jener geschürt, die persönlich betroffen sind, weil wir Verursacher von DFB-Strafen in Regress nehmen“, sagt Schumacher.

Bekommen nur noch wenig Applaus: die Vorstände Werner Spinner, Markus Ritterbach und Harald „Toni“ Schumacher (von links). Foto: dpa/Henning Kaiser

Tatsächlich gibt der 1. FC Köln seit einigen Jahren die vom DFB-Sportgericht gegen ihn verhängten Geldstrafen an identifizierte Übeltäter weiter. 14.000 Euro sollen beispielsweise zwei junge Männer Anfang 20 zahlen, die beim Derby gegen Borussia Mönchengladbach im Januar 2018 ein Banner aus dem Gästeblock entwendet haben und damit quer über den Rasen gerannt sind. „Das war kein Dummejungenstreich“, betont Ritterbach. Für den Verein ist die Aktion ein Sicherheitsrisiko, für die Ultras ein Triumph.

„Die Ultras“ sollte man auch in Köln differenziert betrachten. Die Szene besteht aus mehreren Gruppen mit Hunderten Mitgliedern. Sie sammeln zu Weihnachten Essen für bedürftige Kinder oder spenden Kleider für die Jugendhilfe. Sie organisieren begeisternde Choreographien, reisen dem Verein zu allen Spielen hinterher und sind der Stimmungsmotor im Stadion.

Die Liste ihrer Verfehlungen ist jedoch mindestens ebenso lang: ein Platzsturm beim Derby 2015 in Gladbach, Leuchtraketen auf gegnerische Fans beim Europapokalspiel 2017 in Belgrad oder ein Angriff auf einen Fanbus von Union Berlin im August 2018 sorgen für Aufsehen. Der Verein reagiert mit Regressforderungen, mit Stadionverboten und mit Vereinsausschlüssen.

Auf der Mitgliederversammlung im Oktober 2018 sind es aber nicht nur Ultras, die Kritik am Trio Spinner, Ritterbach und Schumacher äußern. „Ihr Versuch, den Verein zu vereinen, ist gescheitert“, sagt ein Mitglied, ein anderes: „Ein schlechtes Verhältnis kommt von schlechtem Verhalten – von beiden Seiten.“

Drei Themen kommen immer wieder zur Sprache, wenn man mit den Kritikern spricht. Da sind zunächst die Planspiele, das heimische Stadion mit Platz für 50.000 Fans im Stadtteil Müngersdorf zu verlassen und in eine eigene Neubau-Arena außerhalb der Stadt zu ziehen. Weil für die aktuelle Spielstätte millionenschwere Mietkosten anfallen, steht der Vorstand der Idee lange Zeit offen gegenüber – was wiederum bei vielen traditionsbewussten FC-Fans für Kopfschütteln sorgt. Mittlerweile positioniert sich Vize-Präsident Schumacher klar für „einen Ausbau in Müngersdorf auf 60.000 bis 75.000“. Aus Lärmschutzgründen müsste das Stadion dann jedoch ein verschließbares Dach bekommen. Der Ausbau würde teuer werden. Da Köln mit dem jetzigen Stadion bei der EM 2024 Spielort wird, ist das Thema vorerst auf Eis gelegt.

 Streitthema Investoren

 Noch mehr Streit löst das Thema Investoren aus. Und der Umgang mit einer Mitgliederinitiative. Im Sommer 2017 gründet sich „100% FC – Dein Verein“. Das Ziel der Gruppe: Eine Satzungsänderung, um den Verkauf von Vereinsanteilen an Investoren vom Votum der Mitglieder abhängig zu machen. Bis zu 25 Prozent solcher Anteile kann die Vereinsführung aktuell ohne Zustimmung veräußern. Gerüchte um einen „Partner“ aus China machen die Runde, werden aber vom Vorstand bestritten.

Die Initiative und die von ihr beantragte Änderung sieht die Vereinsführung trotzdem kritisch: „Wir betrachten den Antrag als Misstrauen. Und das ist nicht nur meine Überzeugung, sondern die des gesamten Vorstandes und der Geschäftsführung“, sagt Präsident Spinner im August 2017. Bis zur entscheidenden Mitgliederversammlung rund zwei Monate später wird er solche Vorwürfe mehrmals wiederholen. Für die Versammlung selbst lobt der Verein erstmals eine Anwesenheitsprämie aus: einen Sonder-Kapuzenpullover für jeden, der den Weg in die Lanxess Arena findet. Statt 2000 Mitglieder wie im Vorjahr kommen 2017 daraufhin fast 6000. Der „100%-Antrag“ wird deutlich abgelehnt. Initiativen-Gründer Philipp Herpel sagt heute: „Ohne jegliche inhaltliche Auseinandersetzung wurden wir als bedeutungslose Minderheit und Spalter abgekanzelt. Das war – gerade in Anbetracht unseres sachlichen Ansatzes – ganz schlechter Stil und eines Vereins unserer Größe unwürdig.“

Und dann sind da noch die sportlich miserablen Leistungen. Auf eine gefeierte Saison 2016/2017 mit dem ersten Europapokal-Einzug seit 25 Jahren folgte der Bundesliga-Abstieg. Das einstige Erfolgsduo, Sportvorstand Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger, muss erst gehen, als es schon zu spät ist. Den sportlichen Absturz allein dem Vorstand zuzuschreiben sei unfair, wehrt Schumacher ab. „Werner Spinner oder Markus Ritterbach haben die Bälle nicht am Tor vorbeigeschossen.“ Aber: „Was ich mir vorwerfe, ist, dass wir in Bezug auf die sportliche Leitung nicht früher reagiert haben.“

In Sachen Investor stellt Schumacher klar: „Unter diesem Vorstand werden keine Anteile an ausländische Investoren verkauft, das haben wir immer gesagt. Trotzdem kann es ja irgendwann mal sinnvoll sein, einen strategischen Partner ins Boot zu holen, zum Beispiel, um das Stadion zu kaufen.“ Und Ritterbach ergänzt mit Blick auf die Mitgliederinitiative: „Der Umgang mit ‚100 % FC‘ war von beiden Seiten am Anfang nicht gut.“ Man habe es versäumt, ein klärendes Gespräch zu führen, „aber inzwischen reden wir ja auch mit der Initiative.“ Die Lehren seien gezogen, die Auswirkungen überschaubar. „Es gibt Mitglieder und Fans, die sich einen anderen Vorstand wünschen. Es gibt aber auch eine ganz klare Mehrheit, die uns unterstützen.“

Das sehen längst nicht alle so. Stefan Müller-Römer ist der Vorsitzende des Mitgliederrats und damit oberster Aufseher über die Aktivitäten der Vereinsführung. Ob Stadionfrage oder Investoren – der Mitgliederrat wolle eingebunden werden, um seine Kontrollfunktion wahrnehmen zu können. Dem komme die Vereinsführung aber nicht nach, sagt Müller-Römer. „Sie wollen sich nicht beaufsichtigen lassen, obwohl die Satzung dies klar so regelt und die Mitglieder von uns auch erwarten, dass wir genau hinsehen“, sagt der 50-jährige Wirtschaftsanwalt.

Immer wieder kommt es zum Streit zwischen dem Kontrollgremium und der Vereinsführung. Ein Beispiel für solche Unstimmigkeiten stammt dabei aus dem Februar 2018. Damals soll der Mitgliederrat einen offenen Brief mitunterzeichnen, in dem die Ultra-Gruppen kritisiert werden. Der Ton ist scharf, zwei Führungspersonen der Ultras werden namentlich als Stimmungsmacher gegen den Vorstand genannt. Der Mitgliederrat erhält die Vorlage am Karnevalsfreitag und soll schon bis Rosenmontag zustimmen. Elf von 14 Mitgliederräten verweigern daraufhin die Unterschrift.

Bei den Wahlen im Oktober 2018 wird nur einer der drei Zustimmenden wiedergewählt: Stadionsprecher Michael Trippel. Seit 20 Jahren ruft der 64-Jährige die Torschützen aus. An eine Situation wie zuletzt kann er sich im Rückblick nicht erinnern. „Mir fehlt der Respekt im Umgang miteinander“, sagt Trippel. Einzelne Personen aus der Ultraszene würden immer wieder über die Stränge schlagen. Deshalb habe er dann auch den offenen Brief unterschrieben. Heute wünscht sich Trippel vor allem wieder mehr Zusammenhalt. „Die Ultras haben genauso ihre schlechten wie ihre guten Seiten. So wie jede jugendliche Subkultur. Vieles erinnert mich an meine eigene Fanzeit in jungen Jahren“, sagt Trippel versöhnlich.

 Und wie geht es jetzt weiter?

 Im Herbst 2019 wird auf der Mitgliederversammlung der Vereinsvorstand mal wieder neu gewählt. Dafür muss der Mitgliederrat im ersten Schritt bis zum Sommer ein Vorstandsteam zur Wahl vorschlagen. Geht es nach Initiativen-Sprecher Philipp Herpel, wird es sich dabei nicht um Werner Spinner, Toni Schumacher und Markus Ritterbach handeln. „Eine vernünftige Zusammenarbeit mit dem Vorstand gibt es trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse nicht. In all unseren Zusammenkünften seit 2017 ging es der Vereinsführung leider auch nie um ein konstruktives Miteinander.“ Die Versammlung 2018 mit ihren kritischen Tönen und Ergebnissen sieht er als schlechtes Vorzeichen für den Vorstand.

Der wiederum vernimmt andere Signale. Bei der jüngsten Versammlung wurde man bei aller Kritik auch mit deutlicher Mehrheit entlastet. Schumacher sagt: „Ich besuche im Jahr bis zu 60 Fanclubs. Die Leute sind überzeugt von unserer Arbeit. Die äußern auch Kritik, aber vor allem sagen sie: Macht bloß weiter. Und die meisten verlangen, dass wir konsequent gegenüber den Ultras bleiben, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.“ Aber ob Schumacher und Co. überhaupt noch Interesse an einer dritten Amtszeit haben, lassen die drei noch offen. Weil sich Präsident Spinner Anfang des Jahres einer schweren Herz-OP unterziehen musste und gesundheitlich angeschlagen ist. Aber auch: „Weil wir zunächst mal unser Ziel erreichen und in die Bundesliga zurückkehren wollen. Das hat für uns Priorität“, sagt Ritterbach.

Zumindest dieses Ziel für 2019 verbindet alle Seiten. Zumindest das ist das „Jeföhl dat verbingk – FC Kölle“.