Kronberg: Ein vierbeiniger Macho im Fünf-Sterne-Ambiente

Kronberg: Ein vierbeiniger Macho im Fünf-Sterne-Ambiente

Schon jetzt, in dieser frühen sonnigen Morgenstunde im noch verschlafen wirkenden Taunus, kommt er auf Betriebstemperatur. Der dreifache Weltmeister „mit der Aura eines Hollywood-Stars”, der „Jahrhundert-Hengst”, wie sich die Medien weltweit in Superlativen überschlagen. Wenige Tage vor dem CHIO Aachen steigt auch bei diesem „Wunder auf vier Beinen” die Spannung.

Der Rappe schnaubt vor Ehrgeiz - auch im Training. In vollendeter Eleganz tänzelt er im Viereck wie ein Ballettmeister, schreitet majestätisch voran, wirft die Vorderbeine wie eine Primaballerina in die Luft. Das kann er am besten, dieser Totilas - verzaubern!

Heiratsantrag vor seiner Stallbox

Als erste sind seiner Magie die Käufer Paul Schockemöhle und Ann Katrin Linsenhoff erlegen, die rund zehn Millionen Euro auf den Tresen des niederländischen Stalls legten, dessen Besitzer Cees Visser das elfjährige Edelpferd im Herbst 2010 meistbietend loswerden wollte. Dann ließ sich sein neuer Reiter Matthias Alexander Rath vom Virus Totilas infizieren. Heute schwärmt er, „dass der liebe Gott ihm alles mitgegeben hat, was er einem Pferd schenken konnte”.

Und schließlich seine Millionen Fans, die bereits Totilas-Poloshirts (109 Euro) tragen und den Hengst in Wiesbaden schon beim Warmreiten zu tausenden vergötterten! Welch ein Hype! Der Hessische Rundfunk widmet ihm als erstem Pferd eine eigene Comedy-Radioshow, Titel: „Totilas rettet die Welt”.

Keine Komik hingegen, sondern Liebesschwur: Jüngst ließ sich ein junger Mann vor der Totilas-Box auf die Knie fallen und machte unter den Augen des Superstars seiner Angebeteten einen Heiratsantrag. Schauplatz war hier, auf dem Schafhof in Kronberg, 25 Hektar groß, inmitten der sanften Hügelwelt des Rhein-Main-Gebietes. Es ist das Gestüt von Dressur-Queen Ann-Katrin Linsenhoff und ihrem Mann Klaus-Martin Rath, der seinen 26-jährigen Sohn trainiert. Auf die ihm eigene, ruhige Art - auch in diesem Moment wieder sehr leise.

„Versammelter Schritt”, flüstert er in sein Funkgerät. Matthias hört im Sattel den Vater per Headset. „Gut”, lobt der Coach, „locker lassen”. Langer Zügel. Totilas, Schulterhöhe 1,70 Meter, 500 Kilo schwer, streckt den Kopf. Sein schwarzes Fell glänzt, die Adern treten hervor, Rath junior klatscht ihm anerkennend auf den Hals, dass der Schweiß nur so spritzt. Die Freundin des Pferdes, die kurzhaarige Ridgeback-Hündin „Rosa”, gönnt ihm dabei bäuchlings, inmitten des Dressur-Vierecks, einen interessierten Blick.

Das neue Traumpaar der Dressur verrichtet harte Arbeit in diesen Tagen vor der Premiere der ersten großen internationalen Prüfung in Aachen. Edward Gal, Totilas Ex-Reiter, hatte in „Sport Bild” gestänkert: „Es wird schwierig für Matthias. Läuft es gut, ist es das Pferd. Läuft es schlecht, liegt es am Reiter.” Ähnlich irreführend die Rechnung böser Zungen: Geld plus Talent gleich Erfolg. Welch ein Druck lastet auf den schmalen Schultern des Studenten, der zeitgleich mit dem ersten Training auch noch seinen Bachelor in BWL absolvierte. Cool kontert der blonde Jüngling die Frage nach seiner Nervenstärke: „Der Zeitpunkt der Prüfung war gut, da kam ich mal auf andere Gedanken.” Und die turmhohen Erwartungen mit Totilas? „Ich spreche nicht von Belastung, nur von Chance.”

Gerade einmal sieben Wettbewerbsritte liegen hinter dem Paar, davon drei mit überragender Wertung von über 80 Punkten, einer freilich bei nur 72. Was war da los? Sein Reiter erklärt dies mit der „Aufmüpfigkeit des Hengstes”. In anderen Worten: Der Star wollte seine Grenzen testen. „Ich habe ihn dann beim nächsten Training engagierter rangenommen”, schildert Matthias Rath das Ende des gewonnenen Machtkampfes - nur mit verstärktem Schenkeldruck, ohne Sporen und Peitsche: „Totilas hat das auch sofort verstanden.” Die Phase des gegenseitigen Kennenlernens ist noch lange nicht vorbei: „Man muss immer berücksichtigen, dass wir erst sechs Monate zusammen arbeiten”, sagt Trainer Rath. Und gibt dem Gal-Kommentar eine Replik: „Auch das beste Pferd der Welt erreicht keine solchen Top-Bewertungen, wenn es einen Reiter hat, der es nicht versteht.”

Damit letzteres optimiert wird, analysieren Vater und Sohn täglich die Videos vom Training: „Matthias kann ja nur fühlen, wie das Pferd geht. Wie es für die Richter und Zuschauer aussieht, ist ja eine ganz andere Perspektive.” Das Verschmelzen dieser beiden Sichtweisen, also der totale Einklang, die Übereinstimmung in Harmonie und gegenseitigem Respekt - das ist die erstrebte Essenz höchster Dressurkunst.

Und der Künstler selbst? Der hat auch sein Privatleben auf dem hermetisch abgeschirmten Schafhof, dieser paradiesischen Idylle aus drei historischen Häusern, Stallungen im Fachwerkstil und schier grenzenlosem Blick auf Weideland, Rotbuchen, Sommermagnolien, Hortensien oder Rosen. Totilas bewohnt eine Box etwas abseits vom gemeinen Mittelstand der anderen 50 Pferde - exklusiv mit einem roten Spielball: ansonsten normale fünf mal vier Meter, aber mit Spähnen statt Stroh ausgestreut, weil er diese nicht frisst und so schon 50 Kilo abgenommen hat.

An Köstlichkeiten mangelt es dem Magier seiner Zunft ohnehin nicht: Totilas mag Äpfel, aber keine Karotten, dafür aber wieder Müsli, Kraftfutter und Heu, das eigens aus dem Schwarzwald beschafft wird. Seine Exzellenz, so ist man geneigt zu sagen, ist ohnehin wählerisch. Seine erste Pflegerin bekam das schmerzlich zu spüren: „Die hat er abgelehnt”, berichtet Klaus-Martin Rath über das Seelenleid der bedauernswerten jungen Frau: „Totilas hat sie nicht angeguckt, sich abgedreht, die Ohren angelegt, sie komplett ignoriert.”

Nicht nur das. Der Star suchte sich die richtige Pflegerin dann selber aus, seine Wahl fiel auf die 26-jährige Schwedin Dagmar Kallenberg, eine begnadete Tänzerin! Und damit eine Seelenverwandte für den Meister der Pferdechoreographie? „Jedenfalls schnaubte und wieherte er sie an und trat gegen die Boxentür”, erzählt Rath. Seiner Liebe stand also nichts mehr im Wege.

Es sei dem Hengst auch vergönnt - bei derart unromantischem Sexleben, das Totilas dreimal wöchentlich in der Deckungsstation absolviert, auf einem Pferdephantom aus rotem Kunststoff, ohne Kopf. Der ist beim Akt ja ohnehin überflüssig. Im Gegensatz zum „Kondom”, das einen Durchmesser von etwa zehn Zentimetern hat, um das Gold seines Samens ohne Verluste aufzufangen und es dann in mit Stickstoff gekühlten Boxen zu Europas größten Pferdehändler Schockemöhle nach Mühlen zu verschaffen - macht 4000 Euro für jeden der weltweit Schlange stehenden Pferdezüchter. Wird deren Stute schwanger, ist nochmal ein Zuschlag von 4000 Euro fällig.

Tja, da befindet selbst Ann Katrin Linsenhoff, die von „der unglaublichen Aura dieses Pferdes auf unserem Hof ganz erfüllt ist”, dass Totilas bei der Verrichtung seiner Lustaufgabe „wie ein Macho” vorgeht: „Husch, husch drauf, laut werden, dann ruck-zuck”, kürzt die First Lady der Dressur ihre Beobachtungen „dieses reinen Fortpflanzungsvorganges” ab.

Beim CHIO in Aachen (der rote Ball reist mit) hat Totilas seine Dagmar dann ganz für sich. „Wenn wir unterwegs sind, schlafe ich bei ihm”, sagt die Pflegerin. Mit „Chillout-Musik” aus ihrem MP3-Player verwöhnt die 26-Jährige ihren Liebling auch musikalisch - darunter immer wieder mit den neuen Klängen zur Kür, entwickelt von Paul van Dyk, einem der besten DJ´s unserer Welt.

So bereitet sich das Wunderpferd auch mental auf seine Herkulesaufgabe beim CHIO vor: Auf den Kampf mit den besten der Welt. Sogar der US-Amerikaner Steffen Peters, Sieger in Aachen 2009, fordert mit seinem Ravel das Duo Rath & Totilas zum Duell heraus - sein einziger Auftritt in Europa in diesem Jahr. Das Publikums-Interesse schlägt alle Rekorde. Karten gibt es nur noch für den Donnerstag, 14. Juli. Alle anderen Tage - restlos ausverkauft!

„Wir geben in Aachen unser bestes und sind zuversichtlich”, sagt Matthias Alexander Rath in seiner typischen Unaufgeregtheit. Letztere weiß insbesondere auch seine Freundin Franziska zu schätzen, mit der er im benachbarten Oberursel wohnt. Für Totilas freilich bleiben noch zwei kleine Probleme in der Aachener Soers. Erstens: Er muss sich mit einer Box begnügen, beim Turnier in Balve bekam er zuletzt gleich drei. „Bei uns sind alle Pferde gleich”, sagt Turnierdirektor Frank Kemperman unbeirrbar. Und zweitens: „Rosa” muss auf dem Schafhof bleiben. Beim CHIO sind Hunde verboten.