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Aachen: Ein Sprung, der vieles im Leben verändert hat

Aachen : Ein Sprung, der vieles im Leben verändert hat

Das letzte Kapitel seiner Vorzeigekarriere endete anders als geplant. Denn eigentlich wollte Sebastian Bayer, 31, im August, bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin Anlauf nehmen zu einem allerletzten Sprung.

Ein Knochenmarködem, das sich der gebürtige Stolberger auf dem Weg zum Comeback zugezogen hat, sorgte aber dafür, dass er vorzeitig Abschied nehmen musste vom Leistungssport. Mit Benjamin Jansen sprach Bayer über Erfolge, Verletzungen und seine Erfahrungen als Protagonist vor der Kamera.

Herr Bayer, als überaus erfolgreicher Weitspringer waren Sie früher regelmäßig im deutschen Fernsehen zu sehen. Im vergangenen Jahr sogar im Kino. Könnten Sie sich jetzt, nach ihrem Karriereende, eine Laufbahn vor der Kamera vorstellen?

Sebastian Bayer (lacht): Vorstellbar ist vieles. Man darf aber nicht vergessen, dass ich für den Dokumentarfilm „Die Norm“ nichts Außergewöhnliches machen musste. Ich wurde im Alltag und beim Training gefilmt — mit Schauspielerei hatte das eigentlich nichts zu tun. Das Ergebnis war aber absolut sehenswert.

In dem Film geht es um Ihren Kampf um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio. Nach mehreren Knieoperationen und diversen Verletzungen haben Sie diesen verloren. Wie groß war die Enttäuschung?

Bayer: Die war riesengroß. Es gibt zwar immer wieder kleinere Zwischenziele, aber letztlich arbeitet man vier Jahre auf das eine große Ziel hin. Man kann sich das in etwa so vorstellen: Als Selbstständiger arbeitet man lange an Projekt X — und dann bekommt ein anderer Bewerber den Zuschlag. Das ist eine Katastrophe. Gerade im Leistungssport investiert man sehr viel Zeit und richtet sein Leben auf bestimmte Ziele aus. Diese nicht zu erreichen, ist eine herbe Enttäuschung.

Zweimal durften Sie an den Olympischen Spielen teilnehmen, 2008 in Peking und 2012 in London. Was bedeutet es einem Athleten, bei diesem Sportspektakel zu sein?

Bayer: Es erfüllt sich ein Lebensabschnittstraum. Die Olympischen Spiele sind das größte und bedeutsamste Sportereignis der Welt. Dabei zu sein, ist wie eine Oscar-Nominierung für einen Schauspieler.

Und eine Medaille zu gewinnen, ist das Non­plus­ul­t­ra. Das ist mir zwar verwehrt geblieben, aber dennoch wird mich allein schon die Teilnahme mein Leben lang begleiten und wird immer etwas ganz besonderes bleiben.

Etwas ganz besonderes ist Ihnen auch 2009 in Turin gelungen . . .

Bayer: Dieser Erfolg damals hat auch mich überrascht, weil ich ohne Erwartungen nach Turin gefahren bin. Der Sprung über 8,71 Meter bei der Hallen-EM hat vieles verändert, weil ich fortan immer automatisch zu den Medaillenkandidaten gezählt wurde. Was ich dabei festgestellt habe: Gut zu werden ist eine Sache, aber gut zu bleiben ist die Königsdisziplin.

Ihre Weite, die Sie auf den 2. Platz der Hallen-Weltbestenliste geführt hat, wurde allerdings angezweifelt, da Sie Ihre persönliche Bestleistung um 54 Zentimeter gesteigert haben. Auch über einen Messfehler wurde diskutiert . . .

Bayer: Ich weiß, wie sich der Sprung angefühlt hat — und ich wusste direkt, dass ich sehr, sehr weit gesprungen bin. Aber wenn mir einer gesagt hätte, dass zehn Zentimeter zu viel abgelesen worden sind, hätte ich das auch für möglich gehalten. Die Diskussion hat auf jeden Fall dafür gesorgt, dass sich viele schlaue Menschen mit dem Sprung auseinandergesetzt haben. Und nicht nur meine Biomechaniker sind zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Weite definitiv korrekt ist.

Es war ein perfekter Moment für Sie und vermutlich auch der Sprung Ihres Lebens, oder?

Bayer: Ja, definitiv. Ich hatte aber noch viele andere gute Sprünge. Als Sportler ist man immer gewillt, die 100 Prozent zu erreichen, aber bei vielen Wettkämpfen konnte ich nur 98 oder 99 Prozent abrufen. Die 100 Prozent habe ich im Nachhinein vielleicht nur bei zwei Sprüngen erreicht: In Turin 2009 und in Helsinki 2012, der erste Versuch, der für ungültig erklärt wurde. Da hätte ich eine ähnliche Weite erzielt.

Europameister sind Sie in Helsinki dann mit einer Weite von 8,34 Meter geworden. Und das war nur ein Erfolg von vielen. Hat Ihr Körper nach all den Strapazen jetzt seinen Tribut gefordert?

Bayer: Absolut. Man begeht als Leistungssportler Raubbau am eigenen Körper. 2005, als ich mir bei der Junioren-EM einen dreifachen Mittelfußbruch und mehrere Bänderrisse zugezogen habe, stand meine Karriere am Scheideweg. Damals war mir schon klar, dass das ganz weit weg ist von Gesundheitssport. Man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, was da für Kräfte im Spiel sind: Bei Wettkampfsprüngen wirkt knapp eine Tonne auf den Fuß. Bei einem Trainingssprung sind es immer noch 600 bis 700 Kilo — und den macht man ja schon mal häufiger.

Ihr ursprünglicher Plan sah vor, dass Sie bei der Heim-EM auf der Weitsprung-Anlage im Berliner Olympiastadion in diesem Jahr ihre Karriere beenden . . .

Bayer: Das war meine Wunschvorstellung. Ich kann mir und meinem Team aber keinen Vorwurf machen. Wir haben alles für ein Comeback getan, letztlich hat es leider nicht gereicht. Jeder Sportler wünscht sich, als Weltmeister oder Olympiasieger zurückzutreten, aber das schaffen nicht viele. Ich hätte als Europameister abtreten können, aber da ich den Sport so liebe, hat sich diese Frage zu diesem Zeitpunkt einfach nicht gestellt. So ist der Sport halt: Manchmal ist er wunderschön, manchmal ist er knallhart. Ich kann aber auf eine sehr erfolgreiche und erfüllte Karriere zurückblicken. Natürlich gab es auch Rückschläge, aber ich bin der Meinung, dass ich ohne diese Rückschläge niemals so erfolgreich geworden wäre. Denn jede Verletzung, die ich hatte, hat mich stärker gemacht.

Werden Sie die EM denn als Zuschauer in Berlin verfolgen?

Bayer: Ich muss mit dem Meeting-Direktor sprechen, ob ich ein paar Karten bekomme (lacht). Wenn das der Fall ist, werde ich sehr gerne im Stadion sein.

Und danach? Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Bayer: Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich mein Wissen, das ich durch den Sport erlangt habe, weitergeben könnte. Ob als Trainer oder in einer anderen Funktion wird sich zeigen.

Auf jeden Fall haben Sie jetzt mehr Zeit für Ihren kleinen Sohn Lian. Hat er auch eine Rolle gespielt, als Sie Ihre Karriere vorzeitig beendet haben?

Bayer: Natürlich spielt das auch mit rein. Aber den Weg mit meiner Verletzungsgeschichte weiterzugehen, das wäre absolut fahrlässig gewesen. Ich möchte mit meinem Sohn auch über einen Bolzplatz laufen und die Vatermomente genießen können. Außerdem freue ich mich auch darauf, endlich noch einmal Skifahren zu gehen, was ich zehn Jahre lang wegen des Sports nicht gemacht habe, da das Verletzungsrisiko zu groß war. Viele Menschen bekommen gar nicht mit, auf was man alles für den Sport verzichten muss. Wenn mir das Knie jetzt noch mehr kaputtgehen würde, wäre ich vielleicht für den Alltag nicht mehr normal tauglich. Deshalb war mein Karriereende eine Vernunftsentscheidung.

Sie sind in Stolberg geboren, mittlerweile leben Sie in Hamburg mit ihrer Familie. Haben Sie noch Berührungspunkte mit der Region?

Bayer: Ich verbinde immer noch viel mit der Region, da meine Eltern in Breinig leben. Außerdem kommt mein liebster Physiotherapeut aus Heerlen. Bei ihm habe ich vor Rio auch meine Reha absolviert. Was mir gerade einfällt: 2009 habe ich das Angebot bekommen, dass ich mich in das Goldene Buch der Stadt eintragen darf — das muss ich unbedingt nachholen, wenn sich dazu noch einmal die Gelegenheit ergeben sollte.