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Aachen: Ein goldener Abschied für Michael Freund

Aachen : Ein goldener Abschied für Michael Freund

Die Stimme stockt, die Tränen schießen ihm in die Augen, einfach so, er kann es nicht steuern. Gerade ist Michael Freund zum letzten Mal bei einem internationalen Wettkampf aus dem Stadion gefahren, hat zum letzten Mal sein Ausnahmekönnen unter Beweis gestellt, zum letzten Mal nach einer tollen Fahrt den Beifall des Publikums in sich aufgesogen.

Der erste, der ihn, in diesem Moment in den Arm nimmt ist Marco, neun Jahre alt, sein Sohn, der vielleicht irgendwann in die Fußstapfen des Vaters treten wird. Und dann bringt Michael Freund doch noch einen Satz hervor, kurz zwar, aber knackig, wie fast alles, was er in den vergangenen Jahrzehnten gesagt hat: „Unglaublich, das war Maßarbeit.”

Wie so oft in seiner glanzvollen Karriere hatte der 51-jährige Hesse zuvor sein Gespann präzise durch den Kegelparcours gelenkt. Null Fehlerpunkte, gleichbedeutend mit Gold für Deutschland, vor Belgien und den Niederlanden, denn schon Rainer Duen hatte zuvor nur 2,38 Zeitstrafpunkte erhalten.

Der Weg war bereitet für Christoph Sandmann, den letzten deutschen Starter, der nur irgendwie den richtigen Weg ins Ziel finden muss, egal wie viele Kegel er dabei auch umwerfen sollte.

Sandmann aber will mehr, er will Bronze. Der Laehdener liefert eine Topleistung wie Freund, null Fehler in der Zeit. Das macht Eindruck, soviel, dass Sandmanns Konkurrent um Platz drei, Thomas Eriksson, dem Druck nicht standhält.

Ein Zeitfehler, und um gerade einmal 0,06 Punkte schiebt sich Sandmann am Schweden vorbei. Nach Teamgold nun auch Bronze im Einzel, Sandmann ist überglücklich: „Alle haben zu mir gesagt, du kannst ruhig Fehler machen, aber fahr bloß den richtigen Kurs fürs Team. Doch ich habe nur an mich gedacht, wollte unbedingt null Fehler für Bronze.”

Es gelingt, und der erste, der Sandmann um den Hals fällt, ist Michael Freund, sein langjähriger Weggefährte.

Auch Sandmann denkt indes über sein Karriereende nach. „Ich bin einen langen Weg mit Michael Freund zusammengegangen. Ob ich jetzt weitermache, steht noch in den Sternen.”

Der Kampf um Einzelgold wird derweil zum Drama in zwei Akten. Zuerst legt der Belgier Felix Brasseur eine fehlerfreie Fahrt in rasendem Tempo hin, dann patzt das Gespann von Ijsbrand Chardon am 13. Hindernis.

Ein Unglück, das der niederländische Favorit nicht erwartet hatte. „Ich fand den Kurs eigentlich nicht schwer. Auch als Felix Null ging, wurde ich nicht unruhig.” Ein Flüchtigkeitsfehler kostet den Niederländer Gold. Fast ungläubig dagegen der Sieger: „Ich war vorher so nervös, ich wäre lieber im Stall geblieben und hätte ein Buch gelesen.”

Und auch Michael Freund findet am Ende eines ereignisreichen Tages, an dem er im Springstadion noch einmal ein Bad in der Menge nehmen darf, wieder Worte: „Ich habe bekommen, was ich wollte.”

Die Bilder von der Reit-WM