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Aachen: Distanzreiten ist der Marathon im Sattel

Aachen : Distanzreiten ist der Marathon im Sattel

Bei den Weltreiterspielen sind sie die Ausdauerathleten: Am Montag, 21. August, startet die Elite der Distanzreiter in Aachen. Wer gewinnen will, muss die 160 Kilometer mit einem gesunden Pferd in der schnellsten Zeit zurücklegen. Doch das kann dauern.

Mehr als zehn Stunden verbringen die Reiter im Sattel - eine enorme Herausforderung an Menschen, Tiere und Material.

22 km/h im Schnitt

An die Rekordzeit der Weltmeisterin von 2005, Barbara Lissarrague, wird dieses Jahr wohl kein Teilnehmer herankommen. Die Französin war in Dubai mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 22 Stundenkilometern unterwegs und kam nach wenig mehr als sieben Stunden ins Ziel. Zum Vergleich: Der Extremläufer Marco Olmo brauchte für einen Ultramarathon über 168 Kilometer durch Jordanien mehr als 21 Stunden.

Im Gegensatz zu Dubai geht es rund um das Dreiländereck ständig auf und ab. Asphaltierte Teilstücke zwingen die Reiter zu besonderer Vorsicht. Die hohe Ausfallquote von fast 70 Prozent beim Test-Wettkampf im letzten Jahr deutet darauf hin, dass einige Reiter die anspruchsvolle Strecke schlicht unterschätzt haben. So war der Sieger, Leonard Liesens (Belgien), auch „nur” etwa 15 Stundenkilometer schnell.

Die Vet-Gates

„Dabei ist Geschwindigkeit nicht alles”, sagt Dr. Juliette Mallison, Präsidentin des Vereins Deutscher Distanzreiter (VDD). „Die Gesundheit der Pferde steht eindeutig im Vordergrund.” Ein Debakel wie 1970 soll es nie mehr geben. Ein Jahr nach dem ersten Distanzritt in Deutschland starben auf einer 50-Kilometer-Distanz in Ankum drei Pferde auf der Strecke, andere an den Folgen der Belastung. Als Konsequenz wurden Tierarztuntersuchungen eingeführt, die die wesentlichen Gesundheitswerte der Pferde überprüfen.

Bei einem Hundertmeiler müssen sich die Tiere etwa alle 30 Kilometer in den so genannten Vet-Gates einem Check unterziehen. Neben dem Herz-Kreislaufsystem und dem Verdauungstrakt werden auch Ermüdungserscheinungen in den Beinen und im Rücken überprüft; Probleme führen zum Ausschluss. Eine anschließende Zwangspause von 30 bis 40 Minuten dient der Regeneration von Pferd und Reiter.

Hochspannung verspricht das zentrale Vet-Gate am Dreiländereck. Aus der Soers kommend, absolvieren die Teilnehmer von hier aus drei Schleifen durch das umliegende Gelände. Bereits im letzten Jahr erlebten die Zuschauer das Geschehen als Krimi: Aus taktischer Sicht kommt dem Pulswert größte Bedeutung zu. Erst wenn dieser auf maximal 64 Schläge gesunken ist, dürfen die Vierbeiner dem Arzt vorgestellt werden. Erst dann beginnt die Zwangspause. Wer taktisch klug reitet, kann sein Pferd bereits wenige Minuten nach Erreichen des Gates mit entsprechender Herzfrequenz vorstellen und Zeit auf Gegner gut machen, die länger brauchen.

Während des gesamten Wettkampfs ist der Reiter auf Hilfe angewiesen. An festgelegten Punkten auf der Strecke und in den Gates stehen ihm mehrere Betreuer, die Trosser, zur Verfügung. Sie füttern und tränken das Pferd, geben ihm bei Bedarf Elektrolyte und kühlen die Muskulatur mit Wasser. Das darf auf keinen Fall eiskalt sein, sonst drohen Krämpfe. Dank seiner Helfer kann der Reiter die Ruhepausen zur Regeneration nutzen und den nächsten Streckenabschnitt ausgeruht und konzentriert angehen.

„Best in condition”

Neben einem Titel in der Mannschafts- und Einzelwertung gibt es noch einen Titel, der in Distanzreiterkreisen begehrt ist: Der „best in condition”, der am nächsten Tag an das Pferd verliehen wird, das die enormen Strapazen am Besten verkraftet hat.

Ein Anreiz für die Reiterinnen und Reiter - trotz aller Geschwindigkeitsrekorde der letzten Jahre - für die Gesundheit ihrer vierbeinigen Athleten nicht alles zu riskieren.