Millionen am TV: Die Himmeldartsstürmer zwischen „Ally Pally“ und Kneipe

Millionen am TV : Die Himmeldartsstürmer zwischen „Ally Pally“ und Kneipe

Am Donnerstagabend, ziemlich genau um 20.15 Uhr, hat „El Mario 501“ die Arbeit aufgenommen, die in den nächsten Wochen ein paar Millionen Menschen verfolgen werden. Dazu später mehr. Exakt um diese Zeit fand der Anwurf der Darts-WM im Londoner Alexandra Palace, den alle nur „Ally Pally“ nennen, statt.

Seit elf Jahren fliegen hier die Pfeile, anfangs hat das kaum jemanden interessiert, inzwischen ist die Veranstaltung ausverkauft, wird weltweit übertragen. Und im Publikum herrscht eine Stimmung wie im „Bierkönig“ an der Schinkenstraße in Palma. Menschen in Teletubby-Kostümen und verkleidet als Verkehrsschilder feiern sich und den Sport.

Das passt ganz gut zusammen, denn Darts ist ursprünglich ein britischer Kneipensport, der im Laufe der Jahre aber die Pubs verlassen hat und inzwischen die größten Hallen der Welt füllt. Pfeilewerfen boomt gerade. Bei den German Darts Masters wurde im Mai ein Weltrekord aufgestellt, als 20.100 Fans in die Schalker Veltins-Arena kamen.

In Aachen ist der Sport in der Kneipe geblieben, die in dem Fall „Schlüsselloch“ heißt. Es ist ein normaler Dienstag, es stehen sich gegenüber die Teams von „Just 4 Fun“ und „Atempo“.

Nur wenige Spieler aus der Region schließen sich NRW-Ligen an, weil dafür schon in unteren Ligen Fahrten nach Krefeld, Duisburg oder Köln nötig wären. Dafür ist keine Zeit. So treffen sie sich häufig donnerstags zu einem K.o.-Turnier. Manchmal schauen exzellente Werfer aus den Niederlanden vorbei, wo Darts auf dem Weg zum Volkssport ist. Im Sommer, wie jetzt auch im Winter, wird für Teams eine Art Stadtmeisterschaft ausgetragen. Daran nehmen so namhafte Teams wie „1,80 Promille“, das „Himmeldartskommando“ oder der „SC Hummeln im Arsch“ teil.

Von einem Boom an der Basis würde Guido Cüsters eher nicht sprechen. Im Hintergrund knistert ein Kaminfeuer, aus den Boxen dröhnen die Gitarrenriffs, aber atmosphärisch lässt sich das „Schlüsselloch“ mit „Ally Pally“ natürlich nicht vergleichen. Kein „Caller“, der die Ergebnisse ansagt, kein Gejohle im Hintergrund, keine Kamera in Sicht.

Cüsters ist der Vorsitzende des „Aachener Dart e.V.“, der wie ein Dachverband fungiert. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er im Vorstand, was bedeutet, dass er die Wettbewerbe organisiert, die Internetseiten liebevoll pflegt und Termine und Vorschläge verbreitet. Gespielt wird auch an der Basis nach den Regeln der Profis. Wer zuerst seine 501 Punkte auf Null reduziert hat, gewinnt das Leg.

Aus 2,37 Metern wird geworfen, das sind sechs Bierkästen Abstand, so wurde die Entfernung festgelegt. Die Wurflinie heißt – Achtung – „Oche“ (gesprochen: „Oki“). Theoretisch ist bei den maximal drei Würfen pro Aufnahme ein Höchstwert von 180 Punkten (drei Treffer in der dreifachen 20) möglich, und das perfekte Spiel von 501 auf null Punkte ist bereits nach neun Darts beendet. Das findet allerdings nur im Fernsehen, nicht im „Schlüsselloch“ statt.

„Das ist eine andere Welt mit Leuten, die für ihren Beruf stundenlang am Tag üben“, sagt Cüsters. Natürlich spielt auch das Material eine Rolle. Der Elektroniker zum Beispiel bevorzugt 21 Gramm schwere Pfeile aus einer Wolframlegierung und Flights, also die Flügel am Ende der Pfeile, aus einem Nylonverbund.

Freund des Dartssports: Guido Cüsters aus Aachen. Foto: Christoph Pauli

Was die beiden Welten verbindet, ist das Grundelement ihres Sports. „Es geht darum, sich mental zusammenzureißen, niemals aufzugeben“, sagt Cüsters. Es gibt keine Altersgrenze, auch der körperliche Fitnessgrad spielt nicht die große Rolle. Cüsters zum Beispiel – man darf das sagen – ist nicht komplett austrainert. „Es ist ein Konzentrationssport, mental sehr herausfordernd“, erklärt der 54-Jährige. „Und man kommt ins Schwitzen.“ Wettkämpfe und Ligaspiele können sich schon mal vier Stunden hinziehen, sagt Cüsters. Geld verdienen lässt sich dabei nicht.

Bei der WM dagegen werden rund 2,8 Millionen Euro an Preisgeldern verteilt. Der nächste Weltmeister erhält einen Scheck über rund 553.000 Euro und den Siegerpokal, die „Sid Waddel Trophy“. 64 Spieler kämpfen bis zum 1. Januar um den Jackpot, erstmals starten zwei Frauen. Cüsters macht dieselben Erfahrungen, Frauen greifen seltener zu den Pfeilen. In der Rockneipe stimmt die Band „Thin Lizzy“ gerade zufällig „Boys are back in town“ an. Vielleicht schrecke deren Ernsthaftigkeit zuweilen auch ab, vermutet Cüsters. Oder vielleicht liegt es daran, dass es eben ein Kneipensport ist.

Gesprochen wird wenig beim Wettkampf, der „Dirty Talk“, um den Gegenspieler zu verunsichern, ist in der Kneipe verpönt. Alkohol ist dagegen im Gegensatz zu den Profis erlaubt, „er verbessert aber nicht die Performance“, sagt der Dartfan, „da sollte sich jeder im Griff haben.“

Profis und Amateure verbindet zuweilen ein Phänomen, das „Dartitis“ heißt. Spieler zielen, kippen immer wieder den Unterarm in Richtung Scheibe, aber sie werfen nicht. Sie finden nicht den richtigen Zeitpunkt loszulassen.

Sport von Statistiken

Der Darts-Sport ist auch der Sport von Statistiken und Anekdoten. Inzwischen sind viele Bücher geschrieben worden zum Beispiel über Phil „the Power“ Taylor, der im Januar seine imposante Karriere beendet hat und seitdem nur noch lukrative Einladungsturniere spielt. Er ist der einzige Spieler der Welt, der es geschafft hat, bisher fünf 9-Darter vor laufenden Kameras zu werfen. Das schaffen die meistens Profis nicht ein einziges Mal. Die Legende hat großen Anteil daran, dass aus dem Nischensport im Laufe der Jahre ein TV-Hit geworden ist.

Es gibt viele Hauptdarsteller inzwischen. Cüsters zum Beispiel bewundert den mehrfachen Weltmeister Gary Anderson, der als Ästhet in der Szene gilt. Solche Profis haben immer Spitznamen. Früher war der 47-Jährige der „Dream Boy“, aktuell wird er als „ The Flying Scotsman“ angekündigt.

Das vergangene WM-Finale am 1. Januar 2018 sahen bis zu drei Millionen Zuschauer in der Spitze, Elmar Paulke war der Kommentator, damals noch für Sport 1. Der Fernsehmann aus Bergisch Gladbach ist die Stimme des Sports, seit 2004 berichtete er bereits vom Darts. Damals waren nur eine Handvoll Zuschauer in der Halle, vor den TV-Geräten waren es auch nicht viel mehr.

Der 48-Jährige kommt ursprünglich vom Tennis, er findet, die Sportarten seien ganz gut vergleichbar. Mann gegen Mann, es geht darum, in den „Flow“ zu kommen, jede Ablenkung auszublenden. „Die Fähigkeit, mit diesem Druck umzugehen, macht den Leistungssport aus“, sagt er. Er sitzt wie in all den Jahren zuvor nicht vor Ort, aber er kann sich in diese „Big-Point“-Momente auch aus der Ferne hinein versetzen. Von der WM in London berichtet Elmar Paulke in diesem Jahr nahezu 100 Stunden für den Streamingdienst DAZN, ein paar Millionen werden die Übertragungen verfolgen. Sport1 und DAZN zeigen alle 95 Spiele live.

 „Dieser Eventcharakter trifft gerade den Zeitgeist“, sagt der Experte, der inzwischen Bücher wie „Darts. Die Erde – eine Scheibe“ über die Sportart geschrieben hat. Vorne auf der Bühne konzentrieren sich die Matadoren, dahinter tobt die Menge – und der Reporter malt dazu die passenden Bilder.

Fernsehen macht die Stars

Paulke spricht bereits jetzt von einem Boom, „aber wenn mal ein deutscher Spieler ein WM-Finale erreicht, geht es durch die Decke“. Darts ist vom Fernsehen aufgepäppelt worden, das ist ein Unterschied zum Tennis. Da tauchten die Sender erst auf, als deutsche Spieler ihre ersten Turniersiege feierten. Beim Darts ist es umgekehrt, das hat das Fernsehen die Stars erst gemacht.

Ein paar Wochen nach der WM veranstaltet Pro 7 die „Promi-Darts-WM“. Für viele Amateurspieler wie Guido Cüsters ist der „Klamauk“ eher ein Bärendienst an einer aufstrebenden Sportart. Paulke ist – wie immer – an diesem langen Abend der Kommentator aus Leidenschaft. „Einmal im Jahr kann Darts auch ruhig mal unterhaltend sein. In welcher Sportart kann man sonst erleben, dass sich die besten sechs Spieler der Welt mit Prominenten messen?“ fragt er.

Er selbst spielt manchmal Darts mit seinen Söhnen, deswegen hängt die Scheibe ein bisschen niedriger in seinem Haus. Paulkes Spitzname ist „El Mario 501“.

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