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Aachen: Der Herr Meulenbergh ist ein echter „Horseman“

Aachen : Der Herr Meulenbergh ist ein echter „Horseman“

Es ist der Montagabend wenige Tage vor dem Start des Aachener Reitturniers. Carl Meulenbergh beantwortet in einem interessierten Auditorium bereitwillig Fragen zum CHIO in diesem und zur Europameisterschaft im nächsten Jahr.

Aus dem Publikum wagt sich ein erfahrener Kenner der Reitsport- und speziell der CHIO-Szene mit einem klaren Hinweis hervor. Der Herr Meulenbergh sei ein „Horseman“, und das müsse doch einmal gesagt werden. Wohl wahr! Der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) ist ein exzellenter Pferdekenner, der aus einem guten Stall kommt und damit prädestiniert war und ist für diese wichtige Aufgabe.

 Offizieller Auftritt: Carl Meulenbergh mit der deutschen Springreiterin Janne Friederike Meyer im Aachener Stadion.
Offizieller Auftritt: Carl Meulenbergh mit der deutschen Springreiterin Janne Friederike Meyer im Aachener Stadion. Foto: Uwe Anspach

So mancher prominente Aachener hatte sich Hoffnung auf dieses mit Renommee und Ansehen verbundene Ehrenamt gemacht. Es war ein kleines „Who is Who?“ der Aachener High Society. Keiner hatte gegen Meulenbergh, der kein Aachener ist, wirklich eine Chance.

Der im Nordkreis der Städteregion in Herzogenrath-Merkstein lebende Landwirt und ehemalige Landtagsabgeordnete und Landrat steuerte zielstrebig auf diese Position zu, unbeirrt, offen, mit klaren Vorstellungen und schnörkellos in seinen Attitüden. Da gab es keine aufgesetzte „Bedeutungsschwere“, kein arrogantes Kokettieren, nicht den Hauch einer provinziellen Gutsherrenart. Wer diese Persönlichkeit und ihre Kompetenz, vor allem auch ihre Zielstrebigkeit und positive Ungeduld in dieser Phase unterschätzte, musste sich schnell revidieren.

Der „Horseman“ hat seit 1946 jedes Öcher Turnier besucht, als Kind schaute er seinem Vater zu, der in Springprüfungen startete. Und sein Ur-Großvater, der Ökonomierat Carl Meulenbergh, gründete die rheinische Kaltblutzucht. Das sollte als reiterlicher Stammbaum des heute 70 Jahre alten ALRV-Präsidenten genügen.

Der Mann hat Erfahrungen in mehreren Berufen erworben: Landwirt, Agrar-Ingenieur, Politiker, als hauptamtlicher Landrat Chef der Kreisverwaltung Aachen. Er buchstabiert die Amtsführung des ALRV mit Vernunft statt Spektakel und mit Verlässlichkeit statt mit Beliebigkeit. Er bringt Dinge auf den Punkt, durchaus nicht immer freundlich lächelnd. Und das heißt: Widerspruch, wenn er angebracht ist, das klare Wort, wenn es gehört werden muss — da weicht er nicht rhetorisch aus.

Dabei fehlen dem ehemaligen Politiker nie die Worte. Die repräsentativ geforderten Standardsituationen eines Weltturniers beherrscht er ohnehin souverän. Noch wesentlicher ist da — aufs ganze Jahr gesehen — die angemessene Kommunikation mit den hauptamtlichen Mitarbeitern, die im operativen Geschäft so erfolgreich unterwegs sind und die er als Aufsichtsrat zu kontrollieren hat. Auch an diesem Abend lobt er die Festangestellten ausdrücklich. „Sie leisten hervorragende Arbeit, und ich bin sehr froh, solche Mitarbeiter zu haben.“

Frank Kemperman, der Vorstandsvorsitzende des ALRV, und Michael Mronz, Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH (ART), sind die Kapitäne der so erfolgreichen Aachener Turnier-Armada. Beide sind innovativ, stecken voller Ideen und Pläne, aber für gewagte Investitionen sind sie nicht zu haben — für nötige dagegen sehr! Auf die beiden kann sich Carl Meulenbergh verlassen. „Über die operativen Entwicklungen tauschen wir uns natürlich intensiv aus, die muss ich kennen, das gehört zu den wesentlichen und originären Aufgaben des Aufsichtsratsvorsitzenden.“

Vom ALRV lernen, heißt organisieren lernen. Die größten Herausforderungen, etwa die Weltreiterspiele 2006, werden hier mit viel Kompetenz, viel Fleiß, viel Planung bewältigt, aber in der nötigen unaufgeregten Art — jedenfalls, was die Wirkung nach außen angeht. Carl Meulenbergh bewahrt dabei den Blick auf den beizeiten nicht so einfachen Spagat zwischen dem so traditionsreichen Öcher Volksfest und dem internationalen Sportereignis höchster Provenienz. „Ich glaube, dass uns das gelungen ist.“ Eine Debatte darüber wird in der Öffentlichkeit schon lange nicht mehr ernsthaft geführt.

In 140 Ländern

Wer ein Turnier mit einem Etat von zwölf Millionen Euro stemmen will, kann den Kommerz nicht ausschließen. Nur so ist man als Veranstalter in der Lage, Preisgelder von fast 2,7 Millionen Euro zu zahlen, alleine beim „Großen Preis von Aachen“ eine Million.

Zahlungskräftigster Sponsor ist die Uhrenedelmarke Rolex. Sie sorgt so dafür, dass beim CHIO die Zeit besonders edel angezeigt wird. Und nicht nur hier; Bilder des CHIO Aachen werden in über 140 Länder übertragen.

Das Großereignis. Das Geld. Der Sport. Ohne Preisgeld keine Spitzensportler. Ohne Spitzensportler kein CHIO. Ohne CHIO kein Weltfest des Pferdesports in Aachen. So einfach sind diese Zusammenhänge. Für rund 1300 Ehrenamtliche ist das kein Thema. Carl Meulenbergh nennt diese Zahl mit einer Melange aus Stolz und Dankbarkeit. Jahr für Jahr sind diese Frauen und Männer bei jedem Wetter pünktlich und zuverlässig zur Stelle. Auch sie stehen für die unermüdliche Vitalität dieses Turniers, das eben nicht nur wegen des überlebenswichtigen ökonomischen Kalküls existiert, sondern auch wegen dieser Menschen, die neben den Sportlern und den Pferden für das Klima dieser Sportveranstaltung ein wesentlicher Gradmesser sind.

354 Reiter aus 28 Nationen, so berichtet der Präsident an diesem Abend, sind in diesem Jahr am Start — und 550 Pferde. Hinzu kommen etwa weitere 400 Pferde für das Show- und Rahmenprogramm. Und 200 Aussteller und Gastronomen. Und 360 000 Zuschauer bei Voltigieren, Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Fahren.

Im nächsten Jahr gibt es am letzten Mai-Wochenende nur ein Kurzturnier, keinen CHIO, weil vom 11. bis zum 23. August in Aachen die Europameisterschaften stattfinden. Dann werden sogar 450 000 Zuschauer in der Aachener Soers erwartet. Carl Meulenbergh sieht das mit Zuversicht, Gelassenheit und Vorfreude: „Was wir können, haben wir bei der WM 2006 ja wohl gezeigt.“

Der Präsident ist Realist wie Visionär gleichermaßen, und auch mit dieser gesunden Mischung repräsentiert er den ALRV auf ideale Weise. Fragen nach möglicher Geländeerweiterung weicht er nicht aus, man könne mehr Platz brauchen. Und da geht der gezielte Blick natürlich in Richtung Polizeipräsidium, das in den nächsten Jahren abgerissen wird und in unmittelbarer Nachbarschaft liegt.

Aber auch das sagt er eher leise. Diesen reduzierten Sound kann er durchaus wieder höher steuern, wenn man ihn nach dem Schirmherrn des Turniers fragt. Bislang war das immer der jeweilige Bundespräsident. Was die Herren Köhler, Rau, Herzog, von Weizsäcker oder Scheel in Aachen gerne ebenso staatsmännisch wie fröhlich erledigten, kommt für Bundespräsident Joachim Gauck nicht infrage. Er übernehme keine Schirmherrschaften für Veranstaltungen, die jedes Jahr stattfänden, ließ er nach Aachen mitteilen. Was Carl Meulenbergh darüber denkt, kann man zunächst nur seiner Mimik entnehmen.

Und nun? „Dieses Turnier kommt auch ohne Schirmherrn aus.“ Zumal es ja selber einen Präsidenten mit Format hat.