Analyse: Der FC wird nicht nervös – noch nicht

Analyse : Der FC wird nicht nervös – noch nicht

Das 1:1 des 1. FC Köln gegen Heidenheim ist für die Kölner das dritte Spiel ohne Sieg. Trainer Markus Anfang wird an den Ergebnissen seiner Mannschaft gemessen. Eine Analyse.

Wie schon in den beiden Spielen zuvor langte es für Aufstiegsfavorit 1. FC Köln nicht zu seinem Sieg. Serhou Guirassy rettete dem Bundesligaabsteiger gegen Heidenheim zumindest ein 1:1 (58.), nachdem Timo Beermann die Gäste in Führung gebracht hatte (9.). „Wir haben über 75, 80 Minuten ein gutes Spiel gezeigt, haben unsere Chancen aber zu inkonsequent genutzt. So kommt dann so ein Ergebnis zustande“, befand Trainer Markus Anfang. Der FC bleibt Tabellenführer, aber es drängen sich Fragen auf.

Worin liegt die Spielidee des Trainers? Und passt die Zusammenstellung des Kaders zu diesem System?

Markus Anfang hat den Fußball nicht neu erfunden. Dennoch gibt es ein paar Besonderheiten. Anfang lässt zum Beispiel bei Ballbesitz die Außenverteidiger ins Mittelfeld einrücken, um an der Seite des einzigen defensiven Mittelfeldspielers die Räume zu schließen und sich am Aufbau zu beteiligen. Eine hoch anspruchsvolle Position. Rechtsverteidiger Benno Schmitz (23) scheint dafür der perfekte Mann. Matthias Bader, Junioren-Nationalspieler aus Karlsruhe, scheint aber eher ein Außenverteidiger alter Prägung. Gleiches gilt links für Jannes Horn, der vor allem schnell ist und flanken kann, im Kombinationsspiel jedoch weniger seine Stärken hat.

Im Mittelfeld plant der Trainer mit einem einzelnen Mann vor der Abwehr. Marco Höger ist dafür vorgesehen, und am Ball ist der gebürtige Kölner mit Champions-League-Erfahrung eine gute Besetzung. Doch hat Höger immer wieder Tempoprobleme. Er ist zudem verletzungsanfällig. So musste zuletzt Jonas Hector mehrfach aushelfen und fehlte dann links hinten.

Eine weitere Besonderheit in Anfangs System sind die vier Offensivspieler hinter Mittelstürmer Terodde. Die Kölner spielen nicht mit echten Flügelstürmern, da sie in der Saisonplanung davon ausgingen, auf extrem tiefstehende Gegner zu treffen, die tiefe Läufe verhindern. Die besten Offensiv-Auftritte hatte Köln mit Dominick Drexler und Louis Schaub im Zentrum. Doch Drex­ler und vor allem Schaub mussten sich zuletzt immer wieder auf dem Flügel aushelfen. Links ist Serhou Guirassy ein Spieler, der immer einen Einfluss auf das Spiel hat. Der aber Schwierigkeiten hat, die taktischen Erfordernisse der Position umzusetzen.

Fehlt dem Trainer der Rückhalt?

Markus Anfang ist gebürtiger Kölner, allerdings hat er diese Karte seit seiner Ankunft beim FC so gut wie nicht ausgespielt. Überhaupt tut der Trainer wenig, um öffentlich zu gefallen. Er wirbt nicht für seinen Fußball, er verzichtet auf blumige Erklärungen des Systems und ist abseits des Fußballplatzes kaum zu sehen. Das hat keinen Einfluss auf seine Qualität als Trainer, wahrscheinlich hilft es sogar seiner Konzentration aufs Wesentliche. Denn Anfang ist sehr fleißig. Bei einem Verein wie dem FC gehört es aber offenbar dazu, die öffentliche Meinung durch große Auftritte zu beeinflussen. Gerecht ist das nicht, doch ist der FC verständlicherweise ohne großen Vertrauensvorschuss in die Saison gegangen. Anfang scheint mit dem FC zu fremdeln. Er hat nie für Köln gespielt, für ihn war es eine Heimkehr in einen fremden Verein. Womöglich hat er das unterschätzt. Die Debatte um Anfang wird im Verein zwar noch nicht geführt. Doch öffentlich wird Anfang ausschließlich an der Ausbeute seiner Mannschaft gemessen. Und die ist  nicht mehr unumstritten.

Wie beurteilen die Verantwortlichen die Situation?

Trainer Anfang versucht, die positiven Aspekte hervorzuheben und spricht gebetsmühlenartig von einem „Prozess“, den seine Mannschaft durchlaufe. Die Debatte mit der angeblich zu hohen Erwartungshaltung haben Anfang und Sportchef Armin Veh selbst beendet. Und das ist auch gut so, schließlich waren es die Verantwortlichen selbst, die rund um die Saisoneröffnung des FC Ende Juli mit ihren öffentlichen Äußerungen vor dem ersten Spiel dafür sorgten, dass auf Seiten der Fans die Ansprüche stiegen. Nach der Partie gegen Heidenheim wirkte Veh, 57, zwar nicht zufrieden, aber fast schon altersmilde. „Wir würden uns natürlich mehr Punkte wünschen. Insgesamt ist mir wichtig, wie wir uns in der zweiten Halbzeit präsentiert haben. Dass wir zwar als Favorit in die Saison gehen, es aber nicht einfach wird, war mir von vornherein klar. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten in den letzten drei Spielen mehr Punkte geholt, aber es macht mich auch nicht nervös.“ Veh betonte, dass man weniger über Druck reden solle. „Wir brauchen eine gewisse Lockerheit und das Wissen, dass es nur ein Fußballspiel ist. Wir lieben den Sport und es ist unser Beruf, deshalb wollen wir auch das Beste daraus machen. Mehr Lockerheit würde da oft gut tun.“

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