Aachen: Visitenkarte für die EM-Bewerbung

Aachen: Visitenkarte für die EM-Bewerbung

An Aachen hat Piero DInzeo viele schöne Erinnerungen: Zweimal wurde er hier Vize-Europameister (1958/1961). Nicht selten war Hans Günter Winkler in dieser Epoche sein Gegner.

Am nächsten Dienstag haben die beiden hoch dekorierten Reiter ausgiebig Gelegenheit, über die alten Zeiten zu reden: Der 88-jährige Italiener trifft auf den 84-jährigen Deutschen im Rahmen der Eröffnungsfeier für den CHIO. Italien ist das aktuelle Partnerland, und der betagte DInzeo, der als erster Sportler an acht Olympischen Spielen in Folge (1948 - 1976) teilnahm, gehört mit zur Delegation.

Vielleicht kann er auch ein bissschen darüber erzählen, wie schön Europameisterschaften in Aachen sein können, denn das ist am Standort das aktuellste Thema. Der Aachen-Laurensberger Rennverein bewirbt sich gerade für das kontinentale Championat 2015. „Für jeden Reiter ist Aachen das beste Turnier auf der Welt”, sagt Turnierdirektor Frank Kemperman. Aber trotz der ausgewiesenen Zuneigung ist der Klub nicht automatisch qualifiziert.

„Es ist einfacher den Zuschlag für eine WM als für eine EM zu erhalten”, sagt Turniervermarkter Michael Mronz, denn die Aachener bewerben sich mit einem neuen Konzept, das nicht viele Nachfolger finden kann: Sie wollen in zwei Wochen in fünf Disziplinen die Europameister küren. Im April nächsten Jahres fällt die Entscheidung in den olympischen Disziplinen Dressur, Springreiten und Vielseitigkeit, ein Jahr später werden die Festspiele für das Voltigieren und Fahren vergeben.

Der CHIO startet am Freitag, und der ALRV kann die nächste Visitenkarte beim Weltverband einreichen. „Wir möchten Reiter und Fans begeistern”, kündigt Mronz an, und flächendeckend wird das Motto der Initiative 2015 „Be part of it” (Sei dabei) auf dem Turniergelände aufblitzen.

Es ist also angerichtet, der CHIO wird am Freitag mit den (ausverkauften) Voltigier-Wettbewerben sportlich, am kommenden Dienstag dann offiziell eröffnet. Es sind Tage der Superlative für die Stadt: 381 Reiter, 541 Pferde aus 27 Nationen sind gemeldet. Bei den Springreitern gehen zum Beispiel die ersten 22 Paare der Weltrangliste an den Start.

Bundestrainer Otto Becker teilte schon mal seine Mannschaft für den Mercedes-Nationenpreis mit: Nominiert sind Ludger Beerbaum, Marcus Ehning, Christian Ahlmann, Carsten-Otto Nagel und Janne Friederike Meyer. Aus dem Quintett wird kurzfristig noch ein Quartett.

Im letzten Jahr ging der Stern von Meyer in Aachen auf. Bis dahin war sie nicht mal im A-Kader, beim weltgrößten Turnier ritt sie plötzlich für Deutschland. „Das war unglaublich faszinierend, das erste Mal ist etwas Besonderes”, sagt die 30-Jährige, die am Montag zur Stippvisite nach Aachen kam. Ihren „Lambrasco” hat sie im Winter geschont „für die Höhepunkte Aachen und die folgende Europameisterschaft in Madrid”.

Der Star des Turniers wird auch in Aachen ein Pferd sein. Totilas ist die Attraktion der Szene, und vermutlich wäre niemand überrascht, wenn während des CHIO bekanntgegeben würde, dass der Rappe nun auch sprechen könnte. „Seine Wille, immer alles geben zu wollen, zeichnet ihn aus”, sagt sein neuer Reiter Matthias Alexander Rath, der am Montag im Aachener Rathaus vorbeischaute. „Seine Persönlichkeit fasziniert auch Leute, die sich sonst nicht für den Dressursport begeistern.”

In Aachen haben das Wunderpferd und Rath ihre bislang schwerste Herausforderung zu bestehen. Noch ist das kein perfektes Paar, „wir müssen nicht jede Prüfung gewinnen, auch wenn das jeder erwartet”, sagt der 26-Jährige vorab.

Beim CHIO wird Rath nun eine veränderte Choreographie im Vergleich zu den Deutschen Meisterschaften vorführen, als es noch etwas hakte. Dieser Totilas ist natürlich ein gewaltiger Publikumsmagnet, die letzten drei Turniertage sind ebenso wie die Abendveranstaltung „Pferd und Sinfonie” im Dressurstadion schon ausverkauft. „Er ist populärer als ich, und das kann auch so bleiben”, grinst Rath.

Beim CHIO feilen sie an Details, der Schülertag kehrt zurück, bei den Fahrwettbewerben geht nun jede Prüfung bis zur abschließenden Marathonfahrt in die Gesamtwertung mit ein. Im Dressurviereck wird die beste Mannschaft jetzt wieder an einem (Donners-)Tag ermittelt. Spaßiger wird der Samstagabend, wenn die „Best of Champions” antreten.

Nicht mehr die besten vier Reiter messen sich mit Pferdewechsel, stattdessen kommt es nun zum „Kampf der Geschlechter”. Die besten sieben Reiter der Welt fordern die besten sieben Amazonen heraus. Der Clou folgt nach dem letzten Sprung, wenn der Joker gezogen werden kann: Beim Bonus-Oxer können Fehlerpunkte wieder wettgemacht werden . . .

Preisgeld von 1,8 Millionen Euro

Das Turnier wird 112 Stunden weltweit zu sehen sein, mehr als 600 Journalisten berichten aus der Soers. Natürlich ist die Elite am Start, fast alle Reiter müssen sich über Aachen noch für eine Europameisterschaft in diesem Jahr qualifizieren. Die Gesamtdotierung liegt bei 10,5 Millionen Euro, auch das Preisgeld wurde leicht auf 1,8 Millionen Euro angehoben, 350.000 davon werden beim Großen Preis von Aachen am Finaltag ausgeschüttet, auch das wird DInzeo, dem einzigen Starter, der die schwere Prüfung vier Mal gewonnen hat, gefallen.

Vermutlich könnte in Aachen in der nächsten Woche eine schöne Regierungssitzung stattfinden, das halbe Kabinett ist vor Ort: Vize-Kanzler Guido Westerwelle ist ohnehin Stammgast, Verkehrsminister Ramsauer, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Umweltminister Norbert Röttgen, Gesundheitsminister Daniel Bahr und Verteidigungsminister Thomas de Maiziére kommen zum Turnier.

Und auch der Sport ist hochwertig vertreten: Box-Weltmeister Wladimir Klitschko ist ebenso bei der Media-Night wie Ski-Weltmeisterin Maria Riesch-Hölzl, der Ex-Handballbundestrainer Heiner Brand feiert mit wie Pferdefreund Felix Magath.

Aus der Showbranche haben Magdalena Brzeska, Birgit Schrowange und Oliver Pocher zugesagt.

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