Aachen: „Totilas” wird beim Gottesdienst vermisst

Aachen: „Totilas” wird beim Gottesdienst vermisst

Am Ende des Gottesdienstes am Soerser Sonntag fragt die kleine Enkelin ihre Oma: „Wo ist denn jetzt Totilas?” Der Star der Veranstaltung ist ein Pferd, das ist sicher nicht die schlechteste Nachricht für ein Reitturnier.

„Wie wäre die Antwort ausgefallen, wenn man sich vor einem Jahr repräsentativ nach dem bekanntesten Pferd in Deutschland erkundigt hätte?”, fragt Frank Kemperman. Er sitzt in seinem Büro und zeigt auf eine Bronzeplastik. „Natürlich Halla!”

Die Stute von Hans Günter Winkler ist ein Mythos, weil sie 1956 ihren schwer verletzten Springreiter auf dem Olympiaparcours in Stockholm zu Gold trug. „Und wer würde heute die Umfrage gewinnen?”, fragt der Turnierchef. Erlässt die rhetorische Frage unbeantwortet im Raum stehen. Wenn schon Sechsjährige das Dressurpferd Totilas beim Gottesdienst vermissen, ergibt sich die Antwort.

Glücksfall für den Sport

Dieser Rapphengst ist ein Glücksfall für den Sport, der unter sinkenden TV-Quoten und wuchtigen Doping-Diskussionen leidet. Auch beim CHIO ist Totilas das Zugpferd. Die Dressur ist für viele Beobachter so übersichtlich wie ein Stadtplan auf dem Handy. „Aber jeder Sport funktioniert über Protagonisten, die die Menschen begeistern”, sagt der Turnier-Vermarkter Michael Mronz.

Totilas gilt wahlweise als „Wunderpferd, als Barack Obama, als Rockstar - und bleibt vermutlich doch ein Pferd. „Wir brauchen solche Stars, um den Sport groß zu machen”, sagt Kemperman. Dieser Star hat auch noch einen Reiter, den kaum jemand kennt. Kein Ferrari ist bekannter als sein Formel-1-Pilot, aber hier ist es umgekehrt. „Matthias Alexander Rath akzeptiert, dass es um das Pferd geht”, sagt Kemperman. Die Story sei einfach gut.

Es ist eine gut inszenierte Story. Der erste Auftritt des neuen Hoffnungsträgers fand auf dem Gehöft des neuen Besitzers Paul Schockemöhle in einer abgedunkelten Halle statt. Etwa 100 Journalisten waren bei der Präsentation dabei, die mit einem gefühlvollen Einspielfilm begann.

In Aachen muss sich Rath nun sportlich beweisen, die internationale Herausforderung ist groß für den 26-Jährigen, der gerade seinen Bachelor in BWL geschafft hat. „Er muss die richtigen Knöpfe beim Pferd finden”, sagt Kemperman, „das dauert.” Noch ist kein Reiter vom Himmel gefallen.

Immerhin hat Rath beim Turnier in Wiesbaden bewiesen, dass er nach einem verkorksten Auftakt sein wunderbares Pferd noch in den Griff bekam. Wie eine Schablone liegt Totilas Vergangenheit auf Rath. Unter Edward Gal ist der Ruhm erst entstanden. Er wurde mit dem „Königlich-niederländischen Sportpferd” dreifacher Weltmeister, ehe sein Reiter ihn für geschätzte zehn Millionen Euro nach Deutschland abgeben musste. „Totilas holt noch nicht die Punkte, die er mit mir geholt hat. Mit seinem neuen Reiter bildet er noch keine echte Einheit”, hat Gal aus der Ferne gesagt, als die beiden zum ersten Mal auftraten. „Die Zeit wird zeigen, ob er wieder so gut wird wie bei uns.” Das ist die Hypothek, die Rath auferlegt wurde. Gals Vermächtnis.

Viele Reiter wie Isabell Werth haben abgewunken, als Schockemöhle die anspruchsvolle Reiterstelle ausgeschrieben hatte. Ein Himmelfahrtskommando. Gibt es hohe Noten, liegt es am Pferd, andernfalls am Reiter.

Der ungemein bodenständige Rath ist die Sache anders angegangen: „Ich habe das als Riesenchance gesehen, etwas zu lernen.” Vielleicht hat ein junger Mann in der Ausbildung noch etwas mehr Kredit. „Ich bin auf dem Weg, muss nicht jedes Turnier gewinnen”, sagt Rath. Es ist auch die Bitte um Verständnis, dass so ein Prozess Zeit braucht. Rath muss das Siegen lernen. Bislang hat der freundliche junge Mann EM-Bronze und WM-Bronze mit dem Team gewonnen. Aber er hat jetzt die größte Aufgabe in der Szene übernommen.

Noch ist er für viele das unbekannte Wesen. Seine Popularität wird langsam aufgebaut. Vor ein paar Wochen erschienen Ritterfotos von ihm, dann flog der sonst so zurückhaltende und konzentrierte junge Mann nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft in einen Brunnen. Fotografen waren dabei, nichts geschieht zufällig. Allmählich soll auch der Reiter bekannt gemacht werden. Schon vor dem Turnier gingen die Vermarkter auf Magazine wie RTL Explosiv, auf Stern, Spiegel und Süddeutsche zu. Seit Jahren hatten sich die Redakteure nicht mehr in die Nische Dressursport verirrt, für eine Heldengeschichte schauten sie vorbei. Es ging um dieses Pferd, das wohl auch über Wasser reiten kann. „Es fängt erst langsam an, dass Rath auch als Reiter wahrgenommen wird”, sagt Kai Meesters.

Meesters ist, wenn man so will, die Stimme von Totilas. Die Agentur MM Promotion von Michael Mronz hat ihn für das Projekt abgestellt. Meesters organisiert, koordiniert und dosiert wie auch in dieser Woche in Aachen. Rath hat ein professionelles Medientraining hinter sich. Er hat nicht nur einen Physiotherapeuten, sondern auch einen Sportpsychologen in seinem Team, zu dem natürlich in erster Linie eine pferdesportbegeisterte Familie gehört.

Man kann den Druck, der auf diesem völlig unprätentiösen, freundlichen Reiter lastet, nur erahnen. In Raths Gästebuch läuft die deutsch-niederländische Feindschaft zeitweise wieder an. Und nachdem die Premiere von Totilas ein paar Mal verschoben wurde, kamen schnell die Unkenrufe aus der Szene. Der ehemalige Dressur-Bundestrainer Klaus Balkenhol wunderte sich in der FAZ, dass bereits vom Olympiasieg geredet wurde, obwohl das Paar noch kein einziges Mal gestartet sei. „Wer hoch fliegt, kann auch tief stürzen.”

An Neidern mangelt es nicht, weil ein Großteil der medialen Aufmerksamkeit nur den beiden gilt. „Er ist auch nur ein Pferd”, sagt der Springreiter Marcus Ehning. Zweifellos sei Totilas ein herausragendes Pferd, „aber es hat immer schon herausragende Tiere wie Gigolo, Rembrandt oder Bonaparte gegeben”. Der bodenständige Westfale kann diesem Rummel nichts abgewinnen. „Ich verstehe den Hype nicht, er ist absolut inszeniert.”

Totilas Vermarktung funktioniert: Sein Sperma ist weltweit gefragt, die Portionen gehen für 4000 Euro weg, ist die Stute trächtig, gibt es die Summe noch einmal. Auch so werden die Kosten im Wortsinn „gedeckt”. Jährlich sollen so etwa zwei Millionen Euro eingenommen werden, dazu werden Preisgelder von mindestens 200.000 Euro erhofft. Als dritte Einnahmequelle ist die Vermarktung durchgeplant. Die neue Mit-Besitzerin Ann-Kathrin Linsenhoff hält die Sportrechte, die Modemarke „Sansibar” hat eine eigene Modelinie für die Turnierattraktion erstellt. Käppies, Fleece-Jacken, Shirts sind im Angebot, natürlich sind Rath und Schockemöhle auch hier Vor-Reiter: Sie tragen die Klamotten regelmäßig.

Der Verkaufsstand steht in der Gigolo-Straße beim CHIO. Die mobile Boutique begleitet Totilas bei seinen Turnieren. In München, Wiesbaden, Balve. Die Nachfrage ist groß, sagt Sabine Henf, die den Stand betreut. Die Produktpalette lässt sich leicht ausbauen: Decken, Halfter, Sattel - die Fhantasie ist unendlich. In Aachen gibt es erstmals Totilas-Tassen. Die Palette Tassen (für jeweils 9,95 Euro) geht besser weg als Regenschirme. Vielleicht wird es auch einmal einen Film mit einem vierbeinigen Hauptdarsteller geben.

„Wir begleiten die Dinge nur”, sagt Michael Mronz, „der sportliche Erfolg ist für diese Geschichte notwendig.”

Zufälliges Treffen mit Gal

Edward Gal traf seinen alten Weggefährten Totilas in dieser Woche zum ersten Mal. Mit Rath führte er ein kurzes und entspanntes Gespräch am Trainingsplatz. Gal sagt, dass mit dem Verkauf des Wundertieres auch die Erwartungen verkauft wurden. Der Druck steht nun im Kleingedruckten des neuen Reiters, der die Erwartungen erfüllen muss. Rath ist nervös gewesen vor seinem ersten richtungsweisenden Auftritt am Donnerstag, er zog sich in seinen Transporter zurück.

Als er beim Grand Prix einritt, wartete am Rand des Stadions Ann-Kathrin Linsenhoff. Sie wirkte fast eingefroren, als sie ihren Stiefsohn beobachtete. Sie taute in den nächsten Minuten auf, ihre blauen Cowboystiefel begannen zu wippen, schon nach den Piaffen knipste sie ihr Lächeln an. „Sie sind verschmolzen”, sagte sie später völlig überwältigt, als sie wildfremde Journalisten fast umarmte.

Die Begeisterung der Olympiasiegerin wirkte ansteckend. „Sie haben die Menschen berührt, der Funke ist übergesprungen.” Wie groß die Anspannung gewesen ist, lässt sich am Sieger festmachen, der jubelte wie ein Fußballer nach einem Treffer im WM-Finale. Der Triumph könnte der Durchbruch sein, weil Rath erstmals bewiesen hat, dass er Totilas in der Weltspitze etablieren kann. „Ich hätte nicht gedacht, dass er es so schnell schafft”, sagt seine stolze Stiefmutter.

Später am Abend sitzt Rath entspannt mit Journalisten zusammen, die ewige Konzentration ist gewichen. Er hat die Zweifel hinter sich gelassen. „Das war ein weiterer Schritt: In Aachen bestehen zu können, ist wichtig für das Selbstbewusstsein.” Der nächste Schritt auf dem Weg zum Olympia-Triumph. Rath hat der Belastung standgehalten. Totilas muss ein bisschen von seinem Ruhm abgeben.

Erklärbar ist das Phänomen nur bedingt: „Sind wir nicht alle gern ein bisschen gaga? Wenn Obama vor der Siegessäule in Berlin spricht, pilgern die Menschen dahin, weil sie ihn sehen wollen. Heute strömen Massen zu Totilas und Matthias, die noch noch nie beim Reiten, geschweige denn bei der Dressur waren”, grinst Michael Mronz. Zur Siegerehrung im Reitstadion kam Rath statt mit dem lackschwarzen Siegerpferd mit dem Braunen „Dancing Elvis”. Das fiel vielen gar nicht auf: „Da ist ja endlich Totilas.”