Aachen: Sportchef Peiler setzt auf eine langfristige Entwicklung im deutschen Reitsport

Aachen : Sportchef Peiler setzt auf eine langfristige Entwicklung im deutschen Reitsport

In seiner aktiven Zeit als Voltigierer startete Dennis Peiler selber beim CHIO Aachen. Nach drei Jahren als Pressechef zeichnet der promovierte Sportwissenschaftler seit 2012 als Geschäftsführer Sport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und Geschäftsführer des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) verantwortlich.

Mit dem 39-Jährigen unterhielten sich Helga Raue und Lukas Weinberger.

Herr Peiler, Sie kennen den CHIO als Aktiver, Pressesprecher und Funktionär. Wie oft sind Sie gestartet?

Dennis Peiler: 2005 beim Testevent erstmals und dann jährlich bis 2009. Der CHIO ist ein unvergleichliches Turnier.

Das war am Donnerstag zu sehen, als die deutschen Springreiter den Nationenpreis gewonnen haben.

Peiler: Die Mannschaft hat unsere Erwartungen übertroffen. Ich war vergangene Woche bei der Nachwuchs-EM in Fontainebleau — 18 Medaillen zeigen, dass wir mit der Ausbildung unseres Nachwuchses auf dem richtigen Weg sind. Wenn man sieht wie der Übergang zum Seniorensport funktioniert, ist das um so erfreulicher. Die junge Garde und auch Marcus Ehning haben diesen Weg selbst durchlaufen. Es zeigt, dass unser System funktioniert und immer wieder neue tolle Sportler mit olympischem Format hervorbringt. Wir wollen zwar nicht nur Medaillen zählen, aber es ist doch am Ende die Währung, an der man gemessen wird.

Die FN war in Sachen Ausbildung Vorreiter. Inzwischen haben andere Nationen aber aufgeschlossen.

Peiler: Unser Ausbildungssystem für Pferd und Reiter wird weltweit kopiert, weil es erfolgreich ist. Der Sport ist global geworden, die besten Pferden gehen immer öfter ins Ausland. Es ist schwer für uns, wenn utopische Summen gezahlt werden, die besten Pferde in Deutschland zu halten. Das wird eine der zentralen Aufgaben für die Zukunft sein. Inzwischen werden ganze Systeme eingekauft, viele Reiter haben deutsche Trainer, das spricht für uns. Das sorgt aber auch dafür, dass wir die Vormachtstellung, die wir einmal hatten, verloren haben.

Und was kann man da tun?

Peiler: Die Spitze ist heute eng beieinander. Wir müssen permanent überlegen, an welchen Stellschrauben wir drehen können, um besser zu werden. Da kommen zwei Dinge zusammen: Alte Traditionen, die klassische Reitweise und Trainerwissen zu bewahren, aber auch auf Innovation zu setzten, wie die Leistungsdiagnostik von Reiter und Pferd, mit der man das Training optimieren will, um vorne zu bleiben.

Es wurde von einer Krise im Springsport geredet. Gibt es eine?

Peiler: Ich bin immer sehr vorsichtig mit dem Wort Krise. Die Reiterei ist nur bedingt planbar. Man kann nur versuchen, seine Hausaufgaben zu machen. Nicht nur auf ein Top-Pferd zu setzen, sondern entsprechenden Nachwuchs zu haben. Ich kann nicht erwarten, dass das Nachwuchspferd im gleichen Moment da ist, wenn das Top-Pferd in den Ruhestand geht. Insofern kommt bei uns diese Wellenbewegung zustande. Daher muss man Geduld haben, wenn mal der Spitzenerfolg nicht da ist. Das ist aber weit entfernt von einer Krise.

Die Dressurreiter sind vor dem Spécial, Teil zwei des Nationenpreises, Zweite. Was geht da noch?

Peiler: Unsere Dressurreiter haben sich beim traditionellen Mannschaftsabend am Donnerstag sehr kämpferisch gezeigt, da ist niemand, der sagt, die Messe ist gelesen. Alle sind hochmotiviert, wollen es den Springreitern nachmachen.

Wie stufen Sie den Sieg im Spring-Nationenpreis mit Blick auf die WM in Tryon (11. bis 23.9.) ein?

Peiler: Der Erfolg hat gezeigt, dass über die Saison hinweg gut gearbeitet worden ist. Ohne Wenn und Aber: Diese vier Reiter haben sich wärmstens empfohlen für große Aufgaben. Aber es sind noch Paare dahinter, es zählt das Gesamtbild der Saison. Das unterscheidet uns von den Qualifikationen in anderen Ländern. Unsere Sichtungen sind nur ein Indiz. Wir haben Ausschüsse, der Bundestrainer empfiehlt, und gemeinsam wird beraten, wer nominiert wird. Wer ist in einer Hochform, wer hat eine ab- oder aufsteigende Form? Damit fahren wir sehr gut. Wir müssen uns in Aachen noch nicht festlegen, wer nach Tryon fährt.

Wie groß ist der Aufwand für die Reise zur WM in die USA?

Peiler: Wir gehören zu den wenigen, die Starter in allen acht Disziplinen haben. Wir wollen keinen Championats-Tourismus, sondern nominieren nur die Sportler, die ein Wörtchen um die vorderen Platzierungen mitreden können. Einige Zahlen: 51 Pferde kommen mit, 46 Athleten, insgesamt 135 Personen, mit akkreditierten Besitzern 250. Wir nehmen 20 000 Kilogramm Gepäck und 5500 Kilogramm Futter mit. Und drei Gespannfahrer mit je zwei Kutschen, die vier Wochen als Seefracht unterwegs sein werden.

Und der Kostenfaktor?

Peiler: Die Weltreiterspiele kosten uns 1,5 Millionen Euro. Bei den olympischen Disziplinen Springen, Dressur und Vielseitigkeit sowie den Para-Disziplinen der behinderten Reiter werden wir vom Innenministerium unterstützt, für die restlichen 800.000 Euro für Fahren, Voltigieren, Distanzreiten und Reining wurde gespart.

Gibt es eine Medaillenvorgabe?

Peiler: Minimalziel ist die Qualifikation für Tokio 2020, das ist ein Platz unter den ersten Sechs beziehungsweise bei den Para-Reitern unter den Top drei. Zudem wollen wir im Medaillenspiegel das Niveau der beiden vorherigen Weltreiterspiele halten — also unter die Top drei kommen.

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