Aachen: Sein Traumritt bereitet Ehning Probleme

Aachen : Sein Traumritt bereitet Ehning Probleme

Und noch einer, dachte Pret a Tout. So eine Siegerehrung beim CHIO, besonders nach dem Großen Preis, kann schon mal sehr lang sein. Aber der Wallach wendete jedesmal höflich den Kopf zur Seite, wenn der nächste Politiker oder Ehrenmann einen weiteren Preis überreichen wollte.

Zwischendurch rupfte der 15-jährige Franzose am kargen Gras, den das Springstadion nach den heißen Wochen noch hergab. Ein genügsames Pferd, das seinem Reiter gerade 330.000 Euro eingebracht hatte. Und der ist ähnlich genügsam, zumindest was sein Mienenspiel angeht. Westfale eben. Aber immerhin ein Lächeln huschte über das markante Gesicht von Marcus Ehning, als die 40.000 Zuschauer im Stadion ihm zujubelten. Ein Lächeln, das bedeutet schon was.

Es grüßt der Sieger: Marcus Ehning gewinnt zum zweiten Mal den Großen Preis von Aachen. Foto: Thomas Rubel

Der Borkener löst aber trotz seiner knorrigen Art durchaus Emotionen aus, nicht nur beim CHIO-Publikum. Die Zweitplatzierte, Luciana Diniz, wird ihn bereits vor den Ehrungen auf dem Abreiteplatz nicht nur wegen der 200.000 Euro, die sie gewonnen hatte, so intensiv gehalst haben, wie sie es sonst nur nach dem letzten Sprung mit ihren Pferden macht, Fit for Fun in diesem Fall. Die Portugiesin mag und bewundert Ehing. „Ich wollte es so wie Marcus machen“, schilderte sie ihre Spionagearbeit während des Stechens. Der 44-Jährige hatte eine phantastische Runde hingelegt. Nah an der Perfektion? Ehning sagte: „Das müssen andere beurteilen. Aber ich war schneller.“ Eben auch als Diniz bei deren Kopierversuch. „Ich bin nicht in seinen Flow gekommen“, sagte sie. So wurde die 47-Jährige wie im letzten Jahr Zweite, diesmal vor dem Brasilianer Pedro Veniss, der für seinen dritten Rang auf Quabri de L‘Isle mit 150.000 Euro belohnt wurde.

Noch emotionaler als Diniz reagierte Otto Becker. Der Bundestrainer war zu Tränen gerührt nach dem Sieg seines „Oldies“. „Ich gönne es Marcus besonders“, gestand der Bundestrainer der deutschen Springreiter. Nicht nur, weil Ehning am Donnerstag als letzter Starter kaltblütig den Triumph im Nationenpreis gesichert hatte. „Wie er die anderen beraten hat, ihnen geholfen hat: Sie hören auf ihn.“ Und Becker gehört zu eben den „anderen“, die die sportliche Leistung des Rotschopfes am Sonntag einschätzen können. „Es war ein Traumritt!“

Die Sache mit der Zigarette

Als dritter Starter von fünf Doppelnullern im Stechen fand Ehning die richtige Mischung aus Risiko und Sicherheit. „Wir kennen uns sehr gut. Und Pret a Tout hat eben auch Erfahrung“, erklärte der Borkener. Die Gelassenheit im Parcours haben sie gemeinsam. Doch beim Reiter endete sie direkt nach seinem Ritt. „Es waren fürchterlich lange 40 Sekunden“, schilderte er seine Gefühle beim Beobachten des Diniz-Rittes. 40,96 Sekunden genauer gesagt — gegenüber seinen 38,34 Sekunden. Und diese Tortur überstand er nur mit einem Hilfsmittel: Die Zigarette drückte er erst hastig und fast schuldbewusst in den Stadionrasen, als sein Sieg feststand und die Fernsehkamera auf ihn schwenkte. „Ich war nervös“, gestand Ehning.

Bei der anschließenden Pressekonferenz war der Münsterländer wieder ganz der Alte, inklusive knochentrockenem Humor. „Ich glaube, ich mag Aachen“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen, was ihm eben auch nicht besonders schwerfällt. Es ist das zweite Mal, dass er beim Turnierhöhepunkt erfolgreich ist. Im Jahr 2006 gewann er zum ersten Mal den Großen Preis, damals auf seinem Pferd Küchengirl.

Darauf muss Maurice Tebbel noch warten. Der 24-Jährige verpasste nach einem exzellenten ersten Umlauf extrem unglücklich das Stechen. Am letzten Hindernis fiel die letzte Stange — mit Verspätung. „Das war trotzdem vom Feinsten“, tröstete ihn der Bundestrainer. Ein „Pflaster“ von 10.000 Euro für Platz elf wird die Wunde womöglich auch schneller heilen lassen.

Schneller als bei Philipp Weishaupt, bester Deutscher nach Ehning. Sein Fehler im Stechen bugsierte ihn auf Platz neun und kostete ihn zusätzlich 250.000 Euro, die er als Bonus nach seinem Sieg in Calgary in der Grand-Slam-Tour bei einem weiteren Erfolg erhalten hätte (> Text unten). Nicht weniger hart traf es Niels Bruynseels. Der Belgier scheiterte bei seiner großen Chance, die gleiche Summe zu erreiten. Er verpasste es obendrein, die Möglichkeit zu wahren, den Grand Slam — Siege bei drei oder gar vier Springen der Serie in Folge (eine beziehungsweise zwei Millionen Euro) — zu gewinnen.

Geld kann motivieren aber auch Probleme bescheren. Bei Ehning zum Beispiel. Nach dem Sieg sagte er: „Bisher war für mich die WM am Wichtigsten. Jetzt aber haben wir eine andere Situation.“ Für ihn beginnt sein Grand-Slam-Zyklus, der in Calgaray (5. September) weitergeht. Die WM startet sechs Tage später. Jetzt muss er entscheiden, mit welchem Pferd er wo springt. Das große Geld winkt. Der niederländische Turnierchef Frank Kemperman riet ihm grinsend: „Ich würde den Schwerpunkt auf Calgary legen.“ Geld statt Ehre. Ehnings trockener Konter: „Aber ich bin Deutscher.“

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