Aachen: Nun hört Werth wieder in Emilio hinein

Aachen : Nun hört Werth wieder in Emilio hinein

Zum Schluss gab es noch einmal Piaffen am laufenden Band. Und als Emilio zu Beethovens Musik sogar noch eine Pirouette — wohlgemerkt in einer Piaffe — drehte, hielt sich das Publikum nicht mehr zurück. Es klatschte rhythmisch zur klassischen Musik mit und feierte Isabell Werth schon vor der Grußaufstellung.

Die ritt die letzten Meter mit den Zügeln in einer Hand und ballte die Faust nach dem Gruß in die Höhe. Jeder Zweifel war ausgeräumt, Emilio kann und mag Piaffen, und die Frage nach der Siegerin stellte sich nicht: Mit Standing Ovations wurden Werth und Emilio von den 6000 Zuschauern beim Ausritt gefeiert. Mit 87,550 Prozent gewann die 49-jährige Rheinbergerin zum zwölften Man den Großen Dressurpreis von Aachen vor den US-Amerikanerinnen Kasey Perry Glas auf Dublet (85,205) und Laura Graves auf Verdades (85,080).

Für den Auftritt mit ihrem Pferd Emilio erhielt die sechsmalige Olympiasiegerin 87,550 Prozent. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

„Das war seine sehr lehrreiche und emotionale Woche für mich. Ich bin glücklich und stolz auf meine Pferde“, machte Werth aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

Da war zum einen Bella Rose, mit der sie 2014 WM-Gold mit dem Team gewonnen und die danach dreieinhalb Jahre pausiert hatte. In Aachen siegte die Fuchsstute im Grand Prix und Spécial der CDI-Tour. Und zum anderen Emilio: Im Grand Prix am Donnerstag hatte der elfjährige Braune sich in den Piaffen, eigentlich eine seiner Paradelektionen widersetzt — Platz 17 und nur der zweite Rang für die deutsche Equipe hinter den USA nach Teil eins des Nationenpreises. „Ich muss eine Nacht drüber schlafen“, hatte Emilio seine Reiterin zuerst ratlos hinterlassen. Werth analysierte, wechselte das Gebiss, und schon piaffierte Emilio wie gewohnt. „Das war mein Fehler, ich war nicht einfühlsam genug, ich hätte mehr in Emilio reinhören müssen“, war Werth nur mit sich unzufrieden.

Danach horchte sie in ihr Pferd hinein. „Ich bin in der Halle abgeritten, damit Emilio etwas mehr Ruhe hat und es für ihn nicht so warm war, bevor er ins Viereck musste“, versuchte sie ihrem Pferd beste Voraussetzungen zu bieten. Und Emilio rollte im Spécial das Feld buchstäblich von hinten auf — gewann mit 79,128 Prozent vor Helen Langehanenberg (Billerbeck; 79,021) auf Damsey und Perry-Glass (78,787) auf Dublet. Und führte auch die deutsche Equipe mit Dorothee Schneider (Framersheim; 76,404) mit Sammy Davis jr. und Jessica von Bredow-Werndl (Aubenhausen; 76,255) als Sechste bzw. Siebte mit knapp sechs Punkten Vorsprung — nach gut zwei Rückstand nach Teil eins — an den USA vorbei noch zum Sieg im Nationenpreis.

Verdades und die Kamera

Der fiel doch noch so deutlich aus, da Graves‘ Verdades im Spécial zwei Mal in der Passage angaloppierte und einen Wechselfehler hatte — 74,085 und Rang elf. „Er hat auf die sich bewegende Kamera am Rand geschaut, wurde schneller, aber dann wurde auch die Kamera schneller. Es fühlte sich ein bisschen wie Springreiten an“, bewies seine Reiterin Humor. Graves fand sich in der sonntäglichen Kür in ähnlicher Rolle wieder wie Werth tags zuvor — und legte vor, knapp übertroffen nur von Teamkollegin Perry-Glass.

Das Duell um die Podestplätze gab Langehanenberg mit einem Fehler in den Zweierwechseln aus der Hand. „Es lief gut, innerlich hatte ich die Wechsel schon beendet, habe dann aber doch noch zwei machen wollen“, nahm die 36-jährige, die nach der Babypause erst seit vier Wochen wieder trainiert, den Fehler auf ihre Kappe.

Mit einem Wort beschrieb sie ihre Turnierwoche: „Abgefahren!“ Erst vor einer Woche ins Team nachgerückt, verbuchte sie zwei zweite und einen fünften Rang in der Kür (82,575) und darf nun auf ein Ticket für die Weltreiterspiele hoffen. Ebenso wie Schneider und Sammy auf Rang sieben (81,295). Jessica von Bredow-Werndl hatte sich nicht für die Kür qualifiziert, da nur drei Reiter pro Nation zugelassen waren. Ihre elfjährige Stute Dalera hatte bis zur Piaffe eine sehr starke Runde gezeigt, ein Patzer warf sie dann zurück. „Das ist das Pferd der Zukunft“, lobte Monica Theodorescu.

Erwartungsgemäß vertagten Bundestrainerin und Dressurkomitee die Nominierung für die Weltreiterspiele in Tryon und benannten eine Longlist. „Wir haben mit Weihegold (Werth) und Cosmo (Sönke Rothenberger) ja auch noch zwei weitere Top-Pferde in der Hinterhand. Wir wollen alle potenziellen WM-Kandidaten noch einmal bei einem Turnier sehen, ehe wir uns entscheiden“, verkündete Equipechef Klaus Roeser.