Aachen: Mit 96 Jahren beim CHIO: „Was will man mehr?”

Aachen: Mit 96 Jahren beim CHIO: „Was will man mehr?”

Wer das Glück sucht, findet es mit Kunigunde Holtz auf dem CHIO. 96 Jahre ist die Aachenerin im Januar alt geworden. Und jetzt geht die feine alte Dame mit ihren noch erstaunlich beweglichen Füßen wie - fast - jedes Jahr über das Gelände in der Soers. Sie plaudert, schwärmt, zeigt, vor allem aber strahlt sie.

Fast ist es, als leuchte sie von innen. Diese Stunden auf dem Reitturnier sind ein Geschenk. Sie weiß das. Und sie genießt es. Nach einem Gang einmal quer über das riesige Gelände und durch das Ladendorf mit zwei kurzen Pausen für einen Kaffee und einen Reibekuchen wird Kuni Holtz, wie alle sie nennen, müde ins Taxi fallen und sagen, dass dieser Tag eine Erfüllung für sie war. Ein großes Wort. Aber in ihrem Alter hat man wohl genug Vergleichsmöglichkeiten im Leben sammeln können.

Die Generation von Kuni Holtz ist die letzte in Aachen, die die Geburt des CHIO Ende der 20er Jahren noch miterlebt hat: Als der erste Große Preis von Aachen 1927 ausgetragen wurde, war sie zwölf. Das Mädchen mit den rot-blonden Zöpfen erlebte die Springen bis zum Zweiten Weltkrieg von der Picknickwiese neben dem Richterturm aus, dem sogenannten Wiesenstehplatz. Das Turnier des Aachen-Laurensberger Rennvereins war zu dieser Zeit noch nicht das gesellschaftliche Ereignis in der Stadt, das es heute ist. Es war ein Fest von und für Bauern und Pferdeliebhabern.

Kuni Holtz war dort, weil ihre Großeltern Landwirte im Aachener Stadtteil Horbach waren: „In der Soers trafen sich abends alle Bauern der Umgebung”, erinnert sie sich. Der „Rennverein” im Namen des ALRV wurde mit dem Beginn des Turniersports allerdings zur reinen Tradition: Anfang des Jahrhunderts, bis 1921, hatten die Bauern noch ihre besten Pferde gegeneinander um die Wette rennen lassen.

Daran erinnert sich Kuni Holz nicht mehr. Aber die Melodien und Märsche der Bergmannskapelle des EBV, die damals zwischen ihr auf der Picknickwiese und den Richtern im Turm spielte, hat sie heute noch im Ohr. „Sehr festlich” sei das gewesen. Doch die Märsche zeigen vor allem, dass die besten Reiter in den Anfängen des Turniersports einflussreichen Offiziersfamilien entstammten. Nur beim Militär wurde auf einem Niveau geritten, das internationalen Wettkämpfen standhielt. Die Vorkriegs-CHIO-Reiter dürften folglich ausnahmslos im Krieg eine führende Rolle gespielt haben.

Historisch verbrieft ist der Fall von Oberleutnant Heinz Brandt, CHIO-Gewinner von 1933 - unter der Hakenkreuzflagge. Beim Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 spielte er als Erster Generalstabsoffizier eine zufällige, aber möglicherweise geschichtsentscheidende Rolle: Brandt wollte im Führerhauptquartier Wolfsschanze selbst besser an den Tisch herankommen, an dem auch Hitler stand. Also schob der Offizier die von Stauffenberg auf dem Fußboden platzierte Aktentasche mit der Bombe, die Hitler töten sollte, mit dem Fuß weiter unter den Tisch - hinter die massive Stütze des Konferenztisches. Hitler überlebte die Explosion, Brandt starb einen Tag später an den Folgen.

Das Fräulein Kunigunde

Der Krieg hat das Leben von Kuni Holtz auf links gekrempelt. Bis dahin war sie als behütete Tochter des späteren Direktors der Aachener Krantz-Maschinenfabrik, Josef Lüttgens, aufgewachsen. Sie lernte vier Jahre in einem belgischen Ursulinen-Internat fließend Französisch, nach dem Abitur nahm der Vater sie auf seine vielen Reisen mit und schickte sie für ein Jahr zu einer befreundeten Familie nach England. Das Fräulein Kunigunde führte ein modernes Leben ohne Sorgen. Sie weiß noch genau, wie ihre Mutter sie in den 30er Jahren jedes Jahr wieder für den CHIO extravagant ausstaffierte. „Sie war eine Hutnärrin.”

Doch dann brach der Zweite Weltkrieg in ihr Leben wie in viele andere. In den Kriegswirren lernte sie ihren Mann kennen. Doch während der verwundet in irgendeinem Lazarett fern der Heimat lag, musste sie ihr Haus an der Eupener Straße - nur wenige hundert Meter von der belgischen Grenze entfernt - verlassen: „Im Garten lagen die Minen der deutschen Verteidigungslinie.” Ihr erstes Kind, eine Tochter, kam während der Ardennen-Offensive im Dezember 1944 auf die Welt. „Eine schreckliche Geburt”, sagt sie, schüttelt die Sorgenfalten aber sofort wieder aus dem Gesicht. Schließlich war das Kriegsende nicht mehr weit.

Ein Jahr nach dem Krieg fand das erste Pferdefestival wieder in der Soers statt. Es ging schnell aufwärts. 1949 wurde laut Chronik schon wieder um ein Preisgeld von 40.000 Mark geritten. Kuni Holtz erinnert sich: „Wir Kriegsmütter durften damals verbilligt auf einen Tribünenteil direkt neben dem Wassergraben.” Die Kinderbetreuung wurde pragmatisch gelöst: Die eigenen Kinder, 1946 war noch ein Sohn geboren worden, wurden von einer anderen Mutter betreut, die dann am nächsten Tag ihre Kinder vorbeibrachte, damit sie selbst gehen konnte.

Auch mit dem Holtzschen Gartenbaubetrieb ging es schnell aufwärts. Doch der Vorkriegs-Luxus ließ auf sich warten: „Ich weiß noch, dass ich ein bisschen neidisch auf meine Freundin war, die schnell wieder mit den modernsten Hüten, Handtaschen und Schuhen zum Reitturnier kam.” Schließlich ging es beim CHIO immer schon ein bisschen um das alte Spiel Sehen-und-gesehen-werden. „Das ist doch das Schöne”, sagt Kunigunde Holtz, „man kommt unter Menschen, trifft den ein oder anderen und man sieht großen Reitsport.”

Der CHIO sei Unterhaltung und Sportfest in einem. „Was will man mehr?”, sagt sie und ihre blauen Augen blitzen so verschmitzt, als ob hinter der nächsten Ecke noch eine Liebschaft warten könnte. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass dort ein fescher 96-Jähriger wartet, eher gering: Das Durchschnittsalter der CHIO-Besucher liegt seit Jahren zwischen 40 und 44 Jahren.

Kunigunde Holtz hat miterlebt, wie die Turnieratmosphäre sich verändert hat: „Erst waren zwei Buden da, dann wurden es mehr, dann kamen die Zelte, heute ist es ein ganzes Dorf.” In den ersten Jahren sei es in der Soers wie auf der Kirmes gewesen. Und in den einfachen Bretterbuden wurden nur die Bedürfnisse der Bauern und Jäger gedeckt. Ein Kreditinstitut oder eine Krankenkasse suchte man damals vergeblich. Festgefahrene Autos auf den regendurchweichten Soerser Wiesen wurden von den Bauern noch mit Pferden herausgezogen.

Doch Kunigunde Holtz ist keine Frau, die früher alles besser fand. „So ein Turnier muss doch mit der Zeit gehen”, sagt sie entschieden. „Wer stillsteht, geht einen Schritt zurück!” Heute würden die Menschen eben im Gehen essen und Eis schlecken. Punkt. Sie selbst zwinge ja niemand, es ihnen gleichzutun. „Eine Dame tut so etwas nicht”, sagt sie und isst ihren Reibekuchen auch im Jahr 2011 an einem Tisch im Sitzen.

Auf dem Turnierplatz hat die 96-Jährige alle großen Springreiter gesehen: Thiedemann, Winkler, DInzeo, Pessoa, Schockemöhle, Beerbaum und wie sie alle heißen. Als Pferd hat sie Halla nachhaltig beeindruckt. „Atemberaubend”, seien deren Ritte gewesen. „Was man von Totilas hört, muss dieses Pferd noch schöner sein.”

Offenbar ist die alte Dame bestens informiert. In ihrem Haus von 1884 voller knarzender Dielenböden, einem Herrenzimmer mit den Jagdtrophäen ihres Mannes, Souvenirs aus der ganzen Welt, Kristallleuchtern und einem Bosch-Kühlschrank aus den späten 40er Jahren, für den der ein oder andere über den Beginn einer kriminellen Karriere nachdenken könnte, steht ein großer Flachbildfernseher. Jeden Tag liest sie die Zeitung. „Man muss doch mitreden können”, sagt sie. Jedes Springen schaut sie im Fernsehen. Einen ganzen Tag könne sie einfach nicht mehr auf den harten Stadionstühlen sitzen: „Mir fehlt das Fleisch auf den Knochen.”

Ob es das letzte Mal ist?

Dem Kutschenmarathon im Aachener Wald trauert sie ein wenig nach. Natürliche Hindernisse. „Hmm!” Beim ersten Mal, 1977, sei ihr Mann auf Bitten des ALRV den Parcours mit ihrem Jeep abgefahren, ob die Strecke kutschentauglich ist. Dreckig bis zum Hals vom hochgeschleuderten Schlamm seien sie oft von dort nach Hause gekommen. Sie legt den Kopf in den Nacken und lacht.

Das Leben von Kunigunde Holtz ist so lebendig wie sie selbst. Immer noch. Sie ist den ganzen Tag auf den Beinen. Ihre rheumageplagten Hände ruhen nie. Freundinnen aus dem Wander-, Kegel-, Schwimm- oder Turnverein kommen zum Plausch. Mittagsschlaf gibt es nur, „wenn mal Zeit ist”. Im Sommer offenbar nicht. Das Johannisbeergelee steht schon im Regal. Die Stachelbeermarmelade ist auch schon fertig.

Gestern wurden zwei Socken gestopft. Auf ihrer Dachterrasse voller Blumen gibt es kein verwelktes Blättchen. Bald ist das Apfelmus dran. „Ich kenne keine Langeweile”, sagt die Frau, die nur eine Lesebrille braucht und hervorragend hört. Die positive Energie dieser Frau ist so atemberaubend wie mancher Pferderitt. „Manchmal fühle ich mich wie 65”, sagt sie spitzbübisch - und kann es kaum fassen, dass ihr Sohn genau so alt ist.

Aber es wäre gelogen, wenn sie ihr Alter nicht auch spüren würde. Im vorigen Jahr ist sie gefallen. Über das Kopfsteinpflaster am Dom auf dem Weg zum Kegelverein. Die Hand war gebrochen. „Seitdem geht es nicht mehr so richtig”, sagt die Frau, die bis ins 95. Lebensjahr hinein noch mit ihren Freundinnen durch den Wald gegangen ist. Jetzt fühlt sie sich unsicherer auf den Beinen.

An diesem schwül-warmen Julitag sitzt sie in der Soers, blickt in das Stadion, sieht die Pferde, die Menschen. „Ist das nicht eine wunderbare Atmosphäre hier?” Sie weiß nicht, ob sie noch einmal wiederkommen wird. „Ob es dieses Mal das letzte Mal ist?” - Keine Angst. Diese Frage hat Kuni Holtz sich die vergangenen elf Jahre auch schon gestellt.

Mehr von Aachener Nachrichten