Aachen: Meyer statt Müller: Shootingstar vor Sprung zur WM

Aachen: Meyer statt Müller: Shootingstar vor Sprung zur WM

Als die Kellner die Gläser weit nach Mitternacht zusammenräumten, stand der fesche Team-Neuling noch mit einem Bier in der Hand am Tresen. Selig lächelnd feierte Janne-Friederike Meyer mit Trainern und Kollegen ihren gelungenen Einstand ins deutsche CHIO- Team.

„Sensationell” fand die erfrischende Norddeutsche ihr Debüt - und bekam von Reitsport-Guru Paul Schockemöhle schon den Adelsschlag: „Sie ist unheimlich cool und ein absoluter Wettkampf-Typ.”

Dass sie eine Kämpferin ist und auch mit Rückschlägen umgehen kann, bewies die 29 Jahre alte Reiterin bei ihrem Team-Debüt in Aachen mit Lambrasco eindrucksvoll. Gleich beim ersten Hindernis fiel eine Stange, die 42 500 Zuschauer zuckten zusammen und Meyer rutschte kurz „das Herz in die Hose”. In ihrer eigenen Art und Sprache erklärte die Reiterin aus Schenefeld: „Scheiße habe ich gedacht. Das ist schon blöd, wenn man gleich den ersten um hat. Ich bin froh, dass es ohne größere Ausfälle zu Ende gegangen ist.”

Danach ohne Abwurf und in der zweiten Runde nur mit einem Zeitfehler, so empfahl sich die flotte Blondine für einen Platz in der WM-Mannschaft. Meyer könnte das für den Reitsport sein, was Thomas Müller für die deutsche Fußball-Mannschaft bei der WM war - der Shootingstar im Team. Bundestrainer Otto Becker, der den Mut aufbrachte, die Newcomerin statt Vize-Europameister Carsten-Otto Nagel (Wedel) beim größten Reitturnier der Welt einzusetzen, durfte sich bestätigt fühlen. „Es war wichtig, dass sie ruhig geblieben ist”, sagte der Coach, der mit dem zweiten Platz hinter Irland und vor dem US-Team „im Großen und Ganzen zufrieden” war.

Lob gab es vor allen Seiten. „Janne war spitze”, schwärmte Meredith Michaels-Beerbaum, die erfolgreichste Springreiterin der Welt. Die ehemalige Nummer eins der Welt kommt nach der Geburt ihrer Tochter langsam in Form, sieht sich selbst aber nur als Nummer sechs auf der Liste der WM-Kandidaten. Mindestens Nummer fünf ist nun Meyer.

Die sonst so forsche Reiterin, die seit neun Jahren einen eigenen Turnierstall in der Nähe von Hamburg betreibt, wird beim Thema WM ganz vorsichtig. „Das ist noch weit weg”, sagte sie: „Es freut mich, dass es nicht ausgeschlossen ist.”

Der dieses Mal geschonte Nagel mit Corradina, Marcus Ehning (Borken) mit Plot Blue und Marco Kutscher (Riesenbeck) mit Cash dürften gesetzt sein, auch wenn nach Aachen noch die deutsche Meisterschaft in Münster im August als letzter WM-Test ansteht. Auch Ludger Beerbaum (Riesenbeck) hat mit Gotha beste Chancen auf einen Platz im WM-Team. Nachdem er in der ersten Runde fast gestürzt wäre und 18 Strafpunkte sammelte, gab Beerbaum ein beeindruckendes Mini- Comeback und sicherte mit einem fehlerfreien zweiten Umlauf den zweiten Platz.

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