Aachen: Grandiose Aufholjagd im Nationenpreis: Deutschland feiert Titel-Hattrick

Aachen : Grandiose Aufholjagd im Nationenpreis: Deutschland feiert Titel-Hattrick

Titelverteidigungen stehen in diesem hitzigen Sommer bislang nicht hoch im Kurs für deutsche Teams. Die Fußball-Nationalmannschaft hat gerade erst ziemlich verkatert ihren Ausflug zur WM abrupt abbrechen müssen. Auch in Aachen ging es am Donnerstagabend um eine Titelverteidigung.

Allerdings hatte der Bundestrainer der Springreiter dann doch schlechtere Voraussetzungen als sein Ball-Kollege, als der Nationenpreis aufgerufen wurde. Otto Becker konnte zwar aus unterschiedlichen Gründen nicht sein bestes Team beim CHIO an den Start bringen. Das war aber kein Handicap an diesem Abend. In bester Länderspielatmosphäre verteidigte seine Mannschaften den Teamtitel der letzten beiden Jahre.

„Sensationell, wie die Manschaft das geschafft hat. Das ist eine famose Truppe mit einem grandiosen Zusammenhalt“, feierte Becker am Ende. Als Marcus Ehning um 22.24 Uhr nach seinem Ritt die Faust ballte, war der Sieg geschafft. Der Jubel war vermutlich noch in den Nachbarländern zu hören. Deutschland siegte mit vier Fehlerpunkten vor Europameister Irland (6). und den Niederlanden (9). Die Schweiz (12), USA (16), Belgien (18), Frankreich (21), Italien (29) belegten die folgenden Plätze.

Prominente Verweigerer

Becker muss unverändert auf zwei Top-Reiter verzichten. Daniel Deußer (Weltranglistenplatz 7) und Christian Ahlmann (24) weigern sich, die Athletenvereinbarung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zu unterschreiben und können so nicht nominiert werden. Und Philipp Weishaupt konzentriert sich primär auf den lukrativen Preis von Aachen am Sonntag, wenn ihm im Erfolgsfall eine Sonderprämie von 250 000 Euro winkt.

Als nach dem ersten Umlauf die Rechner angeworfen wurden, war schon erkennbar, dass da ein in jeder Hinsicht heißer Wettkampf lief. Das lag auch an dem durchaus fair, aber (zu) leicht gebauten Parcours, den Frank Rothenberger entworfen hatte. Die Hälfte aller Starter bewältigten die 15 Sprünge auf der 550 Meter langen Bahn fehlerfrei. Es gab schon größere Herausforderungen für die besten Springreiter der Welt. So blieb die Frage völlig offen, für wen am Ende der Siegesscheck über 110.000 Euro ausgestellt werden muss.

Die Niederländer brauchten nicht einmal ein Streichergebnis: Leopold van Asten, Maikel van der Vleuten, Marc Houtzager und Frank Schuttert kamen fehlerfrei aus dem Stangenwald heraus. Das gleiche Ergebnis wie der amtierende Weltmeister erzielten auch die Schweizer. Das Ergebnis der Eidgenossen war umso bemerkenswerter, weil Martin Fuchs und sein Chaplin kurzfristig passen mussten. Aber Werner Muff, Paul Estermann und Steve Guerdat hielten sich vorerst schadlos. Belgien, der nicht so geheime Geheimfavorit, lag zur Halbzeit nur einen Zeitfehler zurück.

Für den Titelverteidiger sattelte also primär die junge Garde die Pferde. „Auch große Namen haben jung angefangen“, sagt Simone Blum, bevor sie einritt. Blum hat der hoch gehandelten „Alice“ das Etikett „unverkäuflich“ umgehängt. Die Fuchsstute leistete sich einen Flüchtigkeitsfehler. Der unterlief auch Schlussreiter Marcus Ehning, der mit etwas zu viel Schwung am Oxer ankam. Der Stilist aus Borken ist mit seinen 44 Jahren der älteste Reiter in diesem Quartett, sein Pret a tout mit seinen 15 Jahren das älteste Pferd.

Gefeiert wurden an diesem Abend zunächst die jüngsten, 24 Jahre alten Athleten. Beim Sieg vor einem Jahr war Laura Klaphake nur Ersatzreiterin, jetzt schwebte sie über den Parcours, ihre Catch me if you can , genoss den Auftritt vor 40.000 Besuchern im ausverkauften Reitstadion. Auch Maurice Tebbel schaffte mit Chaccos Son eine Null-Runde. Genaugenommen war es sogar die dritte in Folge, denn auch bei seiner Premiere vor einem Jahr gelang ihm dieses Kunststück. Deutschland lauerte nach dem ersten Umlauf auf Platz vier mit vier Fehlerpunkten, gefolgt von Irland (5), den USA (8), Italien (9) und den Franzosen (16), die in anderen Sportarten erfolgreicher sind.

Der Parcourschef reagierte, verbreiterte Oxer und erhöhte Steilsprünge für den zweiten Umlauf. Ein Stechen wolle er verhindern, sagte Rothenberger. Das war der Rahmen, als die Paare in einen phantastischen Sonnenuntergang hineinritten.

Es begann eine fulminante Aufholjagd der deutschen Equipe, während bei der Konkurrenz regelmäßig die Stangen fielen: Simone Blum fehlerfrei, Laura Klaphake wieder fehlerfrei, Maurice Tebbel ausnahmsweise ein Fehlerchen. Und so hatte Ehning plötzlich die Hand am Tresor. Er öffnete ihn ...

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