Isabell Werth feiert Fünfzigsten: „Geburtstag ist ja nur ein Zufallprodukt“

Isabell Werth feiert Fünfzigsten : „Geburtstag ist ja nur ein Zufallprodukt“

Business as usual, für Isabell Werth ist am Sonntag kein besonderer Tag. „Wenn man in Aachen reitet, ist der Adrenalinspiegel immer hoch, zumal wenn es um den Großen Dressurpreis geht“, sagt sie.

„Schließlich ist der CHIO neben den jeweiligen Championaten das Nonplusultra – und manchmal sogar noch bedeutender.“ Für die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt steht der Sport im Fokus, immer, um sich selbst macht sie nicht so viel Aufhebens. Auch nicht am Sonntag, an ihrem Geburtstag. 50 Jahre wird Isabell Werth alt und könnte mit Bella Rose diesen Tag mit dem 13. Sieg im „Großen Dressurpreis von Aachen“ krönen.

„Mal an einem Freitag, mal am Samstag, diesmal eben am Sonntag: In der Aachener Turnierwoche habe ich ja öfter Geburtstag“, sagt Werth. Nichts Besonderes für sie. „Das war bei uns zu Hause schon immer so, da wurde sogar eher mein Namenstag – Isabell Regina, irgendwann im Februar – gefeiert. Ein Geburtstag ist ja irgendwie nur ein Zufallsprodukt.“ Okay, ein „runder“ ist doch vielleicht etwas spezieller, aber „ob 40 oder 50 hat für mich keine Bedeutung, auch mit (fast) 50 fühle ich mich noch immer frisch und fit. Ich wundere mich nur, wie schnell die Jahre vergangenen sind.“

Ein paar Anekdötchen

Und so wird sie sich ganz aufs Reiten fokussieren – am heutigen Samstag im Spécial, zugleich Teil zwei des Nationenpreises, und am Sonntag in der Kür. „Viele tun schon so, als wäre es selbstverständlich, dass ich mir mit dem Sieg auf Bella Rose selbst das schönste Geschenk machen kann – aber das ist kein Selbstläufer“, sagt sie. „Man hat in Balve gesehen, wie schnell die Hoffnungen zerplatzen können.“

Dort hatte Werth – im Spécial einen Moment unkonzentriert – mit der Fuchstute den falschen Weg eingeschlagen und war mit zwei Punkten Abzug wegen Verreitens bestraft worden: Platz vier statt des erhofften Titels. Werth grinst und ergänzt: „In einem Jahr habe ich in Aachen mal die Kür mit ,Warum nicht’ als schlechtester deutscher Reiter verpasst. Wegen Gewitters war der Spécial unterbrochen worden, danach standen die Rails anders, und mein Pferd wollte nicht mehr auf diese Seite.“

Auch wenn die Dressurreiterin mit erhobenem Zeigefinger, aber gut gelaunt diese Anekdoten aus ihrem Reiterleben erzählt, weiß sie natürlich, dass die Siege am Wochenende nur über sie führen. Bringen sie und Bella Rose ähnlich wie bei der Weltmeisterschaft in Tryon die gewohnte Top-Leistung, dürfte sich die Konkurrenz die Zähne ausbeißen.

Wieder mal die große Favoritin: Isabell Werth will am Sonntag mit Bella Rose im „Großen Dressurpreis von Aachen“ siegen. Foto: dpa/Uwe Anspach

Wie so oft in den vergangenen 30 Jahren. 1989 erschien Werth mit Weingart erstmals bei einem Championat, der Europameisterschaft in Mondorf, wo sie sogleich Teamgold holte. Weingart gehörte dem bekannten Ausbilder Uwe Schulten-Baumer, der die talentierte Reiterin mit 17 Jahren in seinen Stall holte und ausbildete. Die Landwirts­tochter aus dem niederrheinischen Rheinberg war mit Tieren groß geworden, hatte sich schon als Kind auf diversen Ponys „durchgebissen“, Dressur, Springen und Vielseitigkeit geritten, ehe sie „beim Doktor“ ganz in den Dressursattel umstieg.

Ihre Erfolge in den vergangenen 30 Jahren sind jetzt schon legendär: sechs olympische Goldmedaillen (plus vier Mal Silber), neun WM-Titel (plus zwei Mal Bronze), 17 EM-Siege (plus drei Mal Silber und ein Mal Bronze) und zwölf Siege im Großen Dressurpreis von Aachen mit vier verschiedenen Pferden, davon alleine acht mit ihrem ersten Top-Pferd Gigolo, mit dem sie sich legendäre Duelle mit der Niederländerin Anky van Grunsven und Bonfire lieferte.

Gigolo wurde 2000 kurz nach Olympia in den Ruhestand verabschiedet, nicht viel später endete auch die Zusammenarbeit mit Schulten-Baumer. „Das hatte sich schon längere Zeit angedeutet“, zwischen Reiterin und Trainer hatte es gekriselt.

Die großzügige Mäzenin

Die Trennung vom „Doktor“ erforderte ein Hinterfragen der eigenen Ziele. „Ich habe vor vielen Jahren zu Margit gesagt, dass ich mit 30 mit dem Turnierreiten aufhören und mich auf den Beruf konzentrieren werde“, erinnert sich Werth an ein Gespräch mit der französischen Dressurreiterin Otto-Crepin. Dazu kam es nicht: In Madeleine Winter-Schulze fand Werth nicht nur eine gute Freundin, sondern auch eine großzügige Mäzenin, die sie mit neuen Pferden unterstützte, 2001 zog sie auf deren Hof nach Mellendorf. „Madeleine habe ich es zu verdanken, dass ich heute so frei und glücklich meine Passion leben kann“, sagt Werth, sie weiß das zu schätzen.

Eine Zeit lang versuchte die Juristin, Reiterei und Beruf unter einen Hut zu bringen. Zwei Jahre lang – „wenn wegen der Reiterei auch nur in Teilzeit“ – arbeitete sie in einer Kanzlei und im Marketing. „Dann stellte sich die Frage, was aus meinem elterlichen Hof werden soll – und am Ende setzten sich meine Emotionen durch.“ 2004 kehrte sie nach Rheinberg zurück und baute auf dem Hof ihren eigenen Dressurstall auf.

Die Dressurreiterin Isabell Werth gestikuliert nach ihrem Ritt. Foto: dpa/Uwe Anspach

Was die Dressurreiterin auszeichnet, sind nicht nur die Erfolge, sondern, dass sie diese mit vielen verschiedenen Pferden erritten hat – Weingart, Gigolo, Satchmo, Warum nicht, Don Johnson, Emilio, Weihegold und Bella Rose, und das sind nur die Wichtigsten. „Junge Pferde zu finden – und ich hatte ja bisher eine ganz gute Trefferquote – und deren Ausbildung machen mir viel Spaß“, sagt Werth.

„Ich liebe es, sie drei, vier Jahre im Verborgenen zu trainieren und dann im Sport zu präsentieren.“ Geduld dürfte eine der Stärken sein, die sie zur erfolgreichsten Dressurreiterin aller Zeiten gemacht haben: Geduld beispielsweise mit dem schwierigen Satchmo, Geduld und der Glaube, dass Bella Rose nach über dreijähriger Verletzungspause wieder tanzen würde. Die Belohnung blieb nicht aus: Satchmo holte 2006 WM-Gold in Aachen, Bella Rose brillierte 2018 mit Doppel-Gold bei den Weltreiterspielen in Tryon.

„Die Familie ist das Wichtigste“

Trotz aller Erfolge hat Werth die Bodenhaftung nie verloren. Und sie weiß, dass der Sport nicht alles ist. „Es gibt wichtigere Dinge, als 75 oder 80 Prozent – aber das heißt nicht, dass ich nicht immer motiviert und ehrgeizig bin“, sagt sie. Ende 2009 wurde Frederik geboren, und auch wenn der Sport weiterhin im Fokus steht, kommen ihr Sohn und ihr Lebensgefährte Wolfgang Urban, die sie so oft wie möglich zu Turnieren begleiten, an erster Stelle.

„Die Familie ist das Wichtigste“, sagt Werth. „Aber natürlich hat man als Mutter in diesem Metier permanent ein schlechtes Gewissen, wenn man nicht so viel Zeit wie andere Eltern hat.“ Wenn sie zu Hause ist, gehören der Morgen und der Abend der Famile. Und es gibt „quality-Time“, wie es neudeutsch heißt: ein besonderer Sonntagnachmittag an einem turnierfreien Sonntag oder auch mal eine Reise mit Frederik.

Noch ist für ihren Sohn der Traktor interessanter als das Reiten. „Frederik hilft im Stall und reitet auch schon mal das Pony meiner Nichte.“ Die Mama lässt es ganz entspannt auf sich zukommen, ob der Sohn einmal in ihre Fußstapfen treten wird.

Würde sie etwas anders machen in ihren Leben, wenn sie es mit Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre ändern könnte? „Vielleicht hätte ich lieber eine Medaille weniger und dafür ein Kind mehr“, sagt Isabell Werth spontan. Ansonsten: „Nein, es ist gut so, wie es gekommen ist: So eine Karriere hätte ich mir nicht erträumen können.“ Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Der Vorteil von Reitern gegenüber anderen Athleten ist, dass sie ihren Sport länger ausüben können.

„Es gibt kein Datum für den Rücktritt, keine Planung. Es ist auch nicht die Frage, ob ich vielleicht irgendwann in einer Prüfung mit einem neuen Pferd nur Fünfte oder Zehnte werde – solange man Potenzial sieht bei den Pferden, die ich vorstelle, so lange werde ich weiter reiten.“

Nach dem Abschied der Nationen geht es am Sonntagabend zurück nach Rheinberg. „Vor 20, 21 Uhr bin ich nicht zu Hause, dann werden wir aber sicher etwas mit der Familie zusammensitzen.“ Statt einer Geburtagsparty hat Werth schon wieder die nächsten Turniere im Blick: „Nächstes Wochenende ist Cappeln, und dann geht’s in die Vorbereitung auf die EM.“ Business as usual eben.

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