Aachen: Ein Freund, ein guter Freund

Aachen: Ein Freund, ein guter Freund

Grüner Rasen mit weißen Einfassungen in gleißender Hitze, blauer Himmel und leise Musik. Es ist früher Nachmittag in der Soers. Im Rücken der Haupttribüne wird in der Dressur hochklassiger Fahrsport geboten. Hoch auf den Kutschböcken der Vierspänner schwitzen Boyd Exell, Christoph Sandmann und Ijsbrand Chardon unter dunklen Maßanzügen, oben thront der Zylinder, Stil muss sein.

Einer, der früher die Zuschauer in Aachen beinahe zur ekstatischen Raserei brachte, steht bei der eleganten Fahrt seines sportlichen Erzrivalen Ijsbrand Chardon ruhig an der Seite, braungebrannt, in Jeans, Polohemd und Cappy, ein Handy wie ans Ohr geklebt.

Aachens langjähriger Lieblings-Gespannfahrer Michael Freund (54), seit drei Jahren „außer Dienst”, berichtet hektisch auf Englisch, was sich da gerade tut auf dem Rasen vor ihm, schließlich ist er Trainer der zwei besten US-Gespannfahrer Tucker Johnson und Chester Weber, englischsprachige Medien reißen sich um seine Kommentare.

„Ich muss jetzt eben zum Interview”, meint er entschuldigend zur Traube seiner Bewunderer, stiefelt nichtsdestoweniger schnurstracks auf das ausrollende Gespann seines ewigen Rivalen zu. Der erfolgsverwöhnte Niederländer Ijsbrand Chardon ist ein guter Freund vom deutschen Freund, so hart ihre Kämpfe, so herzlich ist ihr Verhältnis geprägt von gegenseitig höchstem Respekt.

So auch jetzt. Chardon hat gerade eine tolle Fahrt hingelegt, ist zwar „nur” Zweiter in der Dressur geworden, strahlt aber trotzdem. Freund reicht ihm die Hand hoch zum Kutschbock und gratuliert: „Super, super!”. Später sagt er dazu im „Nachrichten”-Gespräch: „Er ist heute wirklich super gefahren. Selbst ihm ist das nicht oft so perfekt gelungen.”

Freund hält ein, denkt über die Formulierung nach, doch sie ist korrekt. „Die Niederländer sind hier sehr dominant”, erklärte er entschuldigend und hält Chardon wieder für den Favoriten im Aachener Turnier.

Wie hat sich Aachen gemacht? Vor Jahren saß man noch im Fahrerlager mit den Cracks der Gespanne zusammen. Und die Marathon-Fahrt der Gespanne, zu der 40000 in den Öcher Bösch pilgerten, war gefürchtet. Jetzt läuft alles nebenan, die wilde Kutschenfahrt ist im dritten CHIO-Jahr gezähmt in der Soers. Ist Aachen inzwischen überprofessionell geworden?

„Nein”, meint Freund spontan und bestimmt: „Für uns Fahrer ist es in der Soers besser. Im Wald war das manchmal sehr anstrengend, auch für die Tiere.” Und im übrigen sei Aachen „das Turnier überhaupt” weltweit. So gibt der Publikumsliebling den Aachenern ihre „Freund”-Sympathiebekundungen voll und ganz zurück.

„Es ist einfach toll, wenn man durch die Gassen geht und alte Freunde trifft. Da denken wir schnell daran, was wir hier in Aachen so alles erlebt haben”, lacht der vielfache Einzel- und Mannschaftsweltmeister.

Was hält er von der neuen Disziplin „Jump & Drive”, die am Freitag wieder im Hauptstadion ausgetragen wird? Eine ganz schöne Verbindung zwischen Sport und Show sei das, das mache schon Spaß und habe seine Berechtigung.

Reit-WM in Kentucky

In 15 Monaten muss er beweisen, was „Mr. Fahrsport” an den Zügeln vermitteln kann. Dann ist die Reit-WM - natürlich auch für die Viererzüge - in Kentucky. Seine US-Boys starten also im eigenen Land, eine Herausforderung, zumal Chester Weber bereits Vizeweltmeister wurde. Beide Amerikaner sind dieses Jahr nicht beim CHIO. Haben sie Titelchancen?

Der Trainer Freund will die Latte nicht zu hoch hängen. „Ich bin überzeugt, dass sie mithalten können”, meint er, das mit dem Titel will er angesichts der übermächtigen Niederländer nicht beschwören. Was macht der Pferdenarr Freund nach dem CHIO? „Urlaub”, strahlt er und gibt ohne zu murren das Ferienziel preis: Es geht ins 17\. Bundesland der Deutschen, auf die Sonneninsel Mallorca also.

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