Aachen: Dr. Swagemakers: „Tierarzt muss die Stimme des Pferdes sein”

Aachen: Dr. Swagemakers: „Tierarzt muss die Stimme des Pferdes sein”

Es gibt sicher angenehmere Jobs, als derzeit verantwortlicher Mannschaftstierarzt für die deutschen Springreiter zu sein. Seit zwei Wochen übt Jan-Hein Swagemakers diese Funktion aus.

Macht der Job noch Spaß?

Swagemakers: Eine Aufgabe, eine Herausforderung zu haben, ist doch schön. Es herrscht Unruhe, aber alle wollen voran. Daran mitarbeiten zu dürfen, ist klasse. Die Bundestrainer Otto Becker und Heinrich-Hermann Engemann sind tolle Leute. Es macht viel mehr Spaß, als ich gedacht habe.

Aber die Tierärzte rücken immer mehr ins Fadenkreuz der Kritik.

Swagemakers: Es steht nicht der ganze Berufsstand im Zwielicht. Es gilt für alle Tierärzte das Ziel, die Pferde zu schützen und die Gesundheit zu bewahren. Die Vorstellung, wie man da hinkommt, mag unterschiedlich sein. Aber ich bin überzeugt: Jeder Tierarzt versucht, das Beste für das Pferd zu tun.

Auch Ihr Kollege, Hans Stihl, der Isabell Werths Pferd das nicht zugelassene Medikament Fluphenazin verordnete?

Swagemakers: Beim Thema Shivering (Anmerkung: Zitterkrankheit) herrscht viel Unsicherheit, weil alle denken, dass so ein Pferd krank sei. Aber was ist krank? Ist ein Brillenträger krank? Ein solches Pferd hat keine Schmerzen, die besten Pferde besitzen dieses Syndrom, das sich nur beim Hufschmied, beim Huf auskratzen zeigt oder wenn das Bein angehoben werden muss.

Ist es ein Überzüchtungsmerkmal?

Swagemakers: Nein, es ist nicht erblich, ist nicht an bestimmte Linien gebunden. Es ist vergleichbar mit dem Augenzwinkern bei Menschen, eine neurologische Geschichte, die den Beobachter irritiert, aber absolut nicht leistungsmindernd ist.

Gibt es überhaupt noch gesunde Pferde im Hochleistungssport?

Swagemakers: Gibt es gesunde Menschen? Ab und zu Kopfschmerzen, Magenprobleme - wer hat das nicht! Geht es also um Gesundheit oder auch um Wettkampf-Fitness?

Und was macht man bei Shivering?

Swagemakers: Gar nichts!

Der Fußballer, der mit Kopfschmerzen aufwacht, nimmt Aspirin.
Swagemakers: Wir dürfen weder Schmerzmittel noch Entzündungshemmer verabreichen. Es geht eigentlich darum, den Normalzustand wiederherzustellen. Beim Pferd geht das im Moment nicht. Weil alle Stoffe aus dem Körper wieder raus sein müssen. Es gibt zudem noch einen gewaltigen Unterschied: Der Mensch kann selbst entscheiden. Pferde können nicht reden, deshalb brauchen sie eine Stimme. Das sind unter anderen die Tierärzte.

Sollten die besser auch den Eid des Hippokrates ablegen?

Swagemakers: Das ist nicht nötig. Der Tierschutzgedanke und die Gesundheit des Pferdes sind unsere Grundprinzipien.

Aber schwer durchzusetzen, wenn es um so viel Geld geht.

Swagemakers: Natürlich spielt Geld eine Rolle. Aber die Reiter denken schon sehr pferdegerecht. Wenn ich empfehle, dass das Pferd nicht starten soll, habe ich noch nicht erlebt, dass es doch gestartet ist. Damit habe ich schon einen Reiter um die Olympia-Teilnahme gebracht. Das Gegenteil ist schon passiert: Ich habe mein Okay gegeben, der Reiter aber hat verzichtet, um ganz sicher zu sein.

Na, dann ist ja alles gut, und man kann es so weiterlaufen lassen!

Swagemakers: Nein, es hat schon Fehler gegeben, und es müssen klarere Regeln geschaffen werden. Und es tut sich was. Es wird öffentlich diskutiert, die Reiter rufen an, die Tierärzte rufen an - manchmal bei jedem Furz.

Die Reiter sind sensibilisiert?

Swagemakers: Ja, sie sehen: Wir stehen jeden Tag mit Negativ-Meldungen in der Zeitung, aber der Blick ist jetzt nach vorne gerichtet, alle sagen: Lasst uns für einen sauberen Sport sorgen. Mit Transparenz und Kommunikation.

Müssen denn Tierärzte besser für den Pferdesport geschult werden?

Swagemakers: In der Basis-Ausbildung ist das nicht möglich. Da gehts ja auch um Katzen, Mäuse oder Hunde. Aber Tierschutz wird schon unterrichtet. Und ethische Grundsätze gelten für alle im Pferdesport, vom Reiter über den Besitzer bis hin zum Hufschmied. Dem Pferd muss es gut gehen - dann ist es auch erfolgreich. Und zum Thema Schulungen: Von mir werden zum Beispiel 40 Fortbildungsstunden im Jahr verlangt.

Was muss sich konkret tun?

Swagemakers: Es ist wie beim Autofahren: Es gibt Geschwindigkeitsvorschriften, die eingehalten werden müssen. Wir haben Tierschutzgesetze. Aber selbst die werden unterschiedlich ausgelegt. Wir brauchen eindeutige Vorgaben. Eine Positiv-Liste mit Mitteln, die erlaubt sind, eine Negativ-Liste mit Mitteln, die verboten sind.

Aber auch das, was nicht auf der Negativ-Liste steht, kann verboten sein. Fluphenazin etwa, weil es für Tiere gar nicht zugelassen ist.

Swagemakers: Experimentelle Medizin ist verboten.

Zur Person: Jan-Hein Swagemakers

Jan-Hein Swagemakers (48) ist in Tilburg/NL geboren. Heute lebt er in Gehrde und betreibt eine Pferde-Klinik in Bakum-Lüsche.

Seine Reaktion bei der ersten Anfrage: „Nein, das muss ich nicht haben.” Trotzdem machte er sich Gedanken und stellte beim Anruf von Bundestrainer Otto Becker fest, dass ihre Ideen übereinstimmten.

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