Rolex Grand Prix: Deußer und die verflixten Hundertstel

Rolex Grand Prix : Deußer und die verflixten Hundertstel

Kent Farrington hat den Großen Preis von Aachen gewonnen. Der Springreiter aus den USA setzte sich am Sonntag auf Gazelle mit dem schnellsten fehlerfreien Ritt im Stechen durch. Der 38-Jährige verwies den ebenfalls fehlerfreien Daniel Deußer auf Tobago Z auf den zweiten Platz.

Daniel Deußer hat natürlich gewusst, dass Hundertstelsekunden über Sieg und Niederlage entscheiden können. Das gilt für viele Sportarten, auch für das Springreiten, aber so extrem wie jetzt hat der 37-Jährige das noch nicht erfahren. Oder besser: erfahren müssen. Schließlich war er der Leidtragende, wegen ein paar Hundertstel.

Deußer ist am Sonntag zum Abschluss des CHIO Zweiter im „Großen Preis von Aachen“ geworden: ein „schönes Ergebnis“, ein „super glücklicher“ Reiter. Das Ergebnis hätte aber noch schöner und Deußer noch glücklicher sein können – wenn er und sein Pferd Tobago Z ein kleines bisschen schneller gewesen wären. 0,37 Sekunden schneller, um genau zu sein.

Diese Winzigkeit lag der Gewinner Kent Farrington aus Amerika mit seinem Pferd Gazelle am Ende des Stechens vor Deußer. Der deutsche Springreiter brachte es auf einen einfachen Nenner, er sagte: „So ist unser Sport.“

Deußer ging nach dem Springen auf Ursachensuche. Auf dem Weg zur zweifachen Kombination im Stechen habe er einen Galoppsprung mehr nehmen müssen als geplant, sagte er. Und fügte gleich danach einen durchaus kuriosen Grund für die fehlenden Hundertstel an: „Mein Pferd war zuletzt für das Decken von Stuten abgestellt“, sagte Deußer – und grinste: „Vielleicht war er noch nicht ganz frisch.“

Als Kritik an seinem Pferd wollte er das aber nicht verstanden wissen. Bereits im Nationenpreis hatten ihm ein paar Hundertstelsekunden gefehlt: Weil er und Tobago am Donnerstag 0,28 Sekunden zu langsam waren, hatten sie einen Zeitfehler kassiert; Deußer wurde mit der deutschen Equipe Zweiter hinter Schweden.

„Eine grandiose Leistung“

Am Sonntag aber zollte der deutsche Springreiter vor allem seinem Kontrahenten Farrington und dessen Pferd Respekt. „Eine grandiose Leistung“ habe der US-Amerikaner abgeliefert. „Ich bin volles Risiko gegangen, aber schlagen konnte ich ihn nicht.“ Was Farrington natürlich freute. „Aachen ist das größte Turnier der Welt, beim CHIO starten die Besten der Besten – und jetzt steht mein Name auf der Siegerwand“, sagte der Gewinner von 330.000 Euro. „Ich bin jetzt Teil dieser großartigen Geschichte.“ Mit seinem Sieg in Aachen beginnt für den US-Amerikaner jetzt die Chance auf den sogenannten Grand Slam; bei der nächsten Station der Serie in Calgary kann er zusätzlich zum Preisgeld einen Bonus von 500.000 Euro gewinnen. „Ich bin nicht sicher, ob ich träume oder nicht“, sagte er – und machte seinem Pferd ein besonderes Kompliment: „Gazelle ist ein Profi – und weiß anscheinend, wann es um viel Geld geht.“

Ist mit seinem zweiten Platz zufrieden: Daniel Deußer. Foto: Uwe Anspach

Daran, dass Farrington ein verdienter Sieger ist, ließ auch Otto Becker keinen Zweifel, der Bundestrainer sagte: „Kent war im Großen Preis der Beste.“ Glücklich war er aber auch mit seinen Reitern, „ein schöner Abschluss“, sagte Becker. „Wir können sehr zufrieden sein.“ Es gab ja nicht nur Deußers zweiten Platz zu feiern, sondern auch das starke Ergebnis von Simone Blum. Sie hatte sich auf Alice ebenfalls fürs Stechen qualifiziert, nach einem ärgerlichen Abwurf wurde sie am Ende hinter Farrington, Deußer und dem Briten Ben Maher auf Explosion gute Vierte. Und da war zudem der Überraschungserfolg von Sven Schlüsselburg: Er wurde starker Achter (> Nachgefragt).

Das war umso bemerkenswerter, weil vor allem der erste Umlauf durchaus selektiv war. Es war schnell deutlich geworden, was Frank Rothenberger gemeint hatte, als er den von ihm gebauten Parcours „anspruchsvoll“ nannte: viele Zeitfehler gerade zu Beginn, Stangen purzelten, und Laura Kraut und Curious George sorgten für einen Schreckmoment, als sie am Doppelwasser stürzten; beide verletzten sich aber nicht schwerer. Erst der zehnte Reiter absolvierte die Runde ohne Fehler, es war Darragh Kenny. Dem Iren taten es acht Reiter gleich, darunter Deußer und Blum, die am Ende die beiden Schnellsten im ersten Umlauf waren. Für Vorjahressieger Marcus Ehning auf Funky Fred und Christian Ahlmann auf Clintrexo war der Große Preis hingegen bereits nach einem Ritt beendet: Sie hatten je vier Fehlerpunkte eingesammelt und Zeiten aufgelegt, die nicht für die Qualifikation für den zweiten Umlauf der besten 18 Paare ausreichten.

Dort gelang dem Belgier Jérôme Guery seine zweite fehlerfreie Runde des Tages, Kenny zog nach, und schon jetzt war klar, dass ein Stechen über den Sieger im Großen Preis entscheiden musste. McLain Ward, Maher, Farrington rückten wie Blum und Deußer ebenfalls in die Entscheidungsrunde – in der 0,37 Sekunden entscheiden sollten. „Ein halber Meter oder so“, sagte Deußer noch. Um direkt anzuschließen: „Aber egal! Zweiter im Großen Preis von Aachen – das ist großartig.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Springreiter Farrington siegt im Großen Preis von Aachen