Aachen: Der große Abschied bleibt Sam verwehrt

Aachen : Der große Abschied bleibt Sam verwehrt

Er ist ein Kind aus dem Ländle, schüchtern und sensibel. Die Rede ist nicht von seinem Reiter, dem Ausnahme-Athleten Michael Jung, sondern von dem unter Jungs zahlreichen Sportpartnern, der ihm am meisten ans Herz gewachsen ist: Sam. Der 18-jährige Wallach sollte eigentlich beim CHIO zum letzten Mal an einem deutschen Turnier teilnehmen.

Doch Sams Schwachpunkt waren immer schon die Hufe. Nun verlor er ein Eisen, ein Stück des Hufs brach aus und machte einen Auftritt in Aachen unmöglich. Momentan lässt Jung offen, ob Sam überhaupt noch einmal ein Turnier gehen wird, in Rede stehen das englische Burghley und Pau in Frankreich. „Wir haben noch keinen Plan“, sagte Jung. In Aachen sollte Sam ab morgen mit Jung in der deutschen Equipe antreten. Der Reiter aus Horb startet nun nicht in der Vielseitigkeit, sondern nur bei den Spezialisten im Springen.

„Das ist unheimlich schade. Wir wollten eigentlich noch mal genauso antreten wie bei den Olympischen Spielen in Rio“, schildert Bundestrainer Hans Melzer den durchkreuzten Plan. Da auch Doppel-Weltmeisterin Sandra Auffarth ihren Start mit Opgun Louvo abgesagt hat, musste er zwei Paare nachnominieren: Andreas Dibowski (Döhle) mit Corrida und Kai Rüder (Blieschendorf) mit Colani Sunrise.

Selbst wenn Sam noch einmal starten sollte, geht es für ihn danach schnurstracks in Richtung Ruhestand, doch für den eigenwilligen Wallach wird sich nicht viel ändern. „Er ist sowas wie ein Familienmitglied, für den ist alles auf Lebenszeit reserviert“, bekräftigt Michael Jungs Vater Joachim. Sam hat im heimischen Horb seine eigene Koppel. Er ist ein Einzelgänger, will und braucht keine anderen Pferde in Sichtweite. Im Stall hat er eine überdimensionale Box mit einer Stute als Nachbarin. Hin und wieder stellt er sich mal an ihre Seite, lieber jedoch abgewandt in die andere Richtung. Kommen Fremde in den Stall, will der Champion auf keinen Fall von ihnen direkt angefasst werden.

„Ein Tierarzt oder Hufschmied kann ihn nicht einfach aufhalftern. Das muss schon die Pflegerin oder einer von uns machen. Sonst dreht er sich im Kreis und macht es den Menschen schwer“, sagt Jung. Auch beim Transport hat die Familie für Sam eine höchstpersönliche Lösung gefunden. „Wir haben gemerkt, wenn er auf dem Lkw eng an eng mit den anderen Pferden gestanden hat, war er bei der Ankunft immer verschwitzt und gestresst. Wir haben dann eine Box im Lkw installiert, in der er mehr Platz hat und unangebunden stehen kann.“ Anfangs waren sich die Jungs noch unsicher, ob das eine sichere Variante ist. Doch nachdem erst ein Begleiter hinten mitgefahren war und später auch eine Kamera immer die Gewähr gab, dass es dem Pferd gut ging, war insbesondere Sams entspannter Zustand beim Ausladen genug Begründung, diese aufwändige Lösung zu nutzen. „Mittlerweile kopieren uns schon andere“, sagt Joachim Jung und lacht.

Richtig spannend wird es mit Sam immer bei Turnieren, sobald die Geländeprüfung bevorsteht. „Bei manchen Turnieren sind der Geländestart und der Abreiteplatz oder die Stallungen ja recht nahe beieinander. Man hört alles, was auf der Strecke passiert. Dann kann Sam sich sehr schnell innerlich aufheizen. Er ist wirklich heiß auf das Gelände.“ Deshalb versucht Michael Jung nach Möglichkeit, so weit entfernt vom Geländestart wie nur möglich abzureiten. „Das geht in Aachen wunderbar, da steht sogar eine Halle zur Verfügung“, erklärt sein Vater. Erst eine Viertelstunde vor dem Start macht Jung sich mit Sam auf den Weg zur unmittelbaren Startvorbereitung, während er dafür bei anderen Pferden 45 Minuten einplant.

Das Problem mit der Siegerehrung

Was für Sam der absolute Graus wäre, ist eine Teilnahme an einer Siegerehrung oder, noch schlimmer, an einer Zeremonie wie der Verabschiedung der Nationen. „So eng an eng mit anderen Pferden, wo er ohnehin immer schon die Ohren anlegt, wenn ihm andere Pferde nahe kommen, das geht gar nicht“, schildert Joachim Jung. So wissen inzwischen zahllose Turnierveranstalter Bescheid, dass Jung bei Siegerehrungen immer auf ein Ersatzpferd zurückgreift. „Zum Wohle von Pferd und Reiter“, wie sein Vater betont. Das stehe an erster Stelle. Immer.

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