Aachen: Der alte Mann und der CHIO

Aachen: Der alte Mann und der CHIO

Wer mit Paul Weier über das Turniergelände geht, der muss Zeit mitbringen. „Ich komme hier nicht weit”, sagt der Mann aus der Schweiz und muss dabei herzlich lachen. „Dann kenne ich schon den Ersten.”

Das hat auch, aber nicht ausschließlich damit zu tun, dass Hauptmann Paul Weier 1973 der erste Springreiter aus der Schweiz war, der den Großen Preis von Aachen gewonnen hat. Der ehemalige Soldat hat auch nach seiner Zeit als Leistungssportler tiefe Spuren hinterlassen. In Aachen. Und im Rest der Pferdewelt.

Auf dem Abreitplatz trifft er Jeroen Dubbeldam, den Olympiasieger von 2000, der in dieser Woche mit den Niederländern den Nationenpreis gewonnen hat. „Er ist ein ehemaliger Schüler. Ein toller Kerl”, sagt Weier, winkt Dubbeldam über den Zaun hinweg zu. Der reitet sofort herbei. Das Winken des ehemaligen Militärs wirkt wie ein Befehl, allerdings freundlich und herzlich gemeint.

Ein langes Fach-Gespräch beginnt. Alleine am Rande des Abreitplatzes hätte sich Weier Stunden aufhalten können. Dubbeldam ist ein ehemaliger Schüler als Reiter. Die Parcoursbauer, die gerade an den Hindernissen basteln, hat Weier auch ausgebildet. Selbiges gilt für eine lange Liste von Punktrichtern.

Der ALRV-Vorstandsvorsitzende Frank Kemperman bremst seinen schnellen Schritt sofort ab, als er den Mann aus der Schweiz entdeckt. Das Gespräch dauert jedoch nicht lange. Kemperman hat viel zu tun, wenn Pferde und noch mehr Menschen in der Soers zu Gast sind.

Paul Weier weiß das. Der 77-Jährige ist so etwas wie die Allzweckwaffe des Weltreiterverbandes FEI. Seit mittlerweile 16 Jahren ist er im asiatischen Raum unterwegs, um den Reitsport und die Organisation auf Vordermann zu bringen. Seinem kritisch prüfenden Blick entgeht kein Fehler.

„Eigentlich bin ich ja zu alt. Aber die FEI fordert mich immer wieder an”, berichtet Weier, der aus Indonesien nach Aachen angereist war und bereits heute wieder in Fernost unterwegs ist. Chefsteward und Technischer Delegierter war er bei den Asien-Spielen und denen für die karibischen Staaten.

Die Stippvisite in Aachen war kurz. Aber für Weier ein Muss. „Ich finde es eine großartige Geste, dass der ALRV die ehemaligen Champions jedes Jahr einlädt”, so der 77- Jährige. Paul Weier nimmt diese Einladung immer wieder gerne an. Die Soers bewegt ihn gleich mehrfach. Zum einen, weil die Erinnerungen an den Sommer 1973 jedes Mal wieder aufleben, wenn Weier in Aachen ist.

17 Jahre lang war Weiter in der Soers angetreten, ohne sich in die Siegerliste eintragen zu können. 1957 zum ersten Mal. „1973 ist für mich ein ganz großer Traum in Erfüllung gegangen. In Aachen zu gewinnen war das Größte”, so der Mann, der heute noch im Sattel sitzt, wenn die Zeit es zulässt.

„Aachen ist die Nummer eins”

Einen Großteil des Jahres ist der Schweizer in Asien unterwegs. Entwicklungshilfe in Sachen Reitsport steht auf dem Programm. „Da gibt es noch sehr, sehr viel zu tun”, sagt er, während sein Blick durch die Soers schweift. „Hier nicht”, nickt er anerkennend. Aachen sei nicht nur sportlich seine Nummer eins. Sondern auch was die Organisation angeht.

„Hier habe ich nichts auszusetzen”, sagt er mit militärisch strengem Geschichtsausdruck, um danach direkt wieder zu lachen. Der CHIO ist Weiers Messlatte, mit der sich alle anderen wichtigen Wettkämpfe vergleichen müssen. Ein harter Vergleich. Das weiß auch Paul Weier.

Der ehemalige Soldat kennt von Aachen nicht nur die Soers. Schon bei seinem ersten CHIO-Aufenthalt 1957 hat Weier Wert darauf gelegt, die Stadt kennen zu lernen. „Als junger Mann habe ich meistens die Diskotheken in Aachen erkundigt”, berichtet er mit einem Lächeln. Heute, in Begleitung seiner Frau Monika, genießt er die vielen historischen Kulissen in der Stadt.

Apropos Monika Bachmann-Weier: Die Ehefrau ist ein weiterer Grund, warum ein Spaziergang in der Soers mit Paul Weier dauert. Auch sie zählt zu den besten Reitern, die je ein Pferd für die Schweiz gesattelt haben.