CHIO 2019: Turnierdirektor Frank Kemperman zieht Bilanz

CHIO-Turnierdirektor Frank Kemperman : „Unsere Veranstaltung hat Vorbildfunktion“

„Winke, winke“ beim Weltfest des Pferdesports in Aachen

Frank Kemperman ist Turnierdirektor des CHIO Aachen, er ist der Mann, der den Überblick über das gesamte sportliche Geschehen in der Soers hat. Im Interview spricht er über diesen und den nächsten CHIO, über das Wohl der Pferde und den Klimawandel – und über den Stellenwert Aachens.

Für Frank Kemperman geht eine anstrengende Woche zu Ende, eine Woche, in der er fast in jedem Winkel des Reitturniergeländes in der Aachener Soers gewesen ist. Bei den Voltigierern, im Dressurstadion, bei den Springreitern, im Gelände. Kemperman (64) hat sich Wettbewerbe angeschaut, Siegern gratuliert, Gäste begrüßt; als Turnierdirektor des CHIO Aachen gehört all das zu seinen Aufgaben. „So ist das eben“, sagt der Niederländer.

Herr Kemperman, haben Sie sich schon bei Daniel Deußer, Simone Blum und Isabell Werth bedankt?

Frank Kemperman: Weil sie für einen so tollen Abschluss des Turniers gesorgt haben?

Genau.

Kemperman: Ich habe ihnen gratuliert, natürlich. Wir haben die gesamte Woche großartigen Sport gesehen, auch am Sonntag. Der Große Preis in der Dressur mit dem Sieg von Isabell an ihrem 50. Geburtstag war fantastisch, der Rolex-Grand-Prix im Springen mit dem zweiten Platz von Daniel und Rang vier von Simone stand dem in Nichts nach. Und wir hatten ja noch mehr Höhepunkte, am Donnerstag im Mercedes-Benz-Nationenpreis der Springreiter zum Beispiel. Da gab’s mit den Schweden, die zum ersten Mal nach 90 Jahren den Sieg geholt haben, einen großartigen Gewinner und eine famose Aufholjagd Deutschlands. Es war ein tolles Turnier. Und darum geht es.

Gut gelaunt: Frank Kemperman freut sich über den Verlauf des diesjährigen Turniers. Foto: Wolfgang Birkenstock

Dass es immer besonders schön ist, wenn die Deutschen beim CHIO gewinnen oder weit vorne landen, müssen Sie selbst als Niederländer zugeben, oder?

Kempermann(lacht) Ja, das hat schon etwas. Wenn deutsche Reiter oder ein deutsches Team weit vorne landen, ist die Atmosphäre noch ein bisschen besser. Wobei ich auch immer sage: Hier in Aachen findet das Weltfest des Pferdesports statt – da kann jeder siegen! Und wir haben ein sehr faires Publikum beim CHIO, das sich auch für Sieger aus anderen Nationen freuen kann. Das war ja bei der Siegerehrung nach dem Großen Preis im Springen zu sehen, als Kent Farrington gefeiert wurde.

Wann ist für Sie als Turnierdirektor ein CHIO ein guter CHIO?

Kemperman: Das ist einfach: Wenn alles geklappt hat. Die Reiter und Zuschauer sollen Spaß an großartigem Sport und dem Drumherum haben. Und natürlich spielt auch das Wetter eine Rolle. Dass es am Samstag mal geregnet und gewittert hat, ist schade, aber das lässt sich bei einer Freiluftsportart nicht ändern. Und nicht zuletzt: Mir ist wichtig, dass alle Reiter und Pferde nach dem Turnier gesund zurück in den eigenen Stall kommen.

Es hat in diesem Jahr ein paar schwerere Stürze gegeben . . .

Kemperman: . . . die aber alle relativ glimpflich ausgegangen sind. Jeder Sturz ist einer zu viel, und das möchte niemand sehen. Verhindern lässt sich das in unserem Sport aber nicht.

Es kommt auch immer mal wieder vor, dass Reiter nicht antreten, weil sie das Gefühl hatten, dass ihre Pferde nicht hundertprozentig fit sind – wie Henrik von Eckermann beim Großen Preis.

Kemperman: Ja, zum Glück! Ein Pferd ist keine Maschine. Gewinnen ist schön, aber nicht um jeden Preis. Das ist echte „horsemanship“, so nennen wir in Reiterkreisen den vernünftigen Umgang des Reiters mit seinem Pferd.

Und dennoch gibt es bei jedem CHIO die Vorwürfe, dass Reitsport mit Tierquälerei gleichzusetzen sei. Haben Sie sich daran gewöhnt?

Kemperman: Es wird immer Leute geben, die sagen, ein Mensch solle nicht auf einem Pferd reiten. An einer ehrlichen Diskussion sind diese Menschen gar nicht interessiert.

Ein heiß diskutiertes Thema ist die sogenannte Rollkur, mit der vor allem Dressurpferde durch das Überstrecken des Halses gefügig gemacht werden können. Der ALRV hat in diesem Jahr Info-Stewards eingesetzt, die am Abreiteplatz der Dressur Fragen der Zuschauer beantworten. Hat sich das bewährt?

Kemperman: Das ist sehr gut angenommen worden. Die Stewards haben am Abreiteplatz Rede und Antwort gestanden, haben erklärt, warum welche Dinge erlaubt sind oder warum sie es nicht sind. Ich sage immer wieder: Wir haben nichts zu verstecken. Es gibt zum Beispiel keine Verpflichtung, dass alle Trainingsplätze für Zuschauer zugänglich sind – und bei uns ist es den Besuchern dennoch möglich, das alles zu sehen. Wir haben uns bewusst für den Weg entschieden, offen und transparent zu sein, dazu gibt es für uns keine Alternative.

Weil Aachen ein weltweit beachtetes Turnier ist?

Kemperman: Es ist unser Anspruch, dass der CHIO für faires Reiten steht. Und wenn es Diskussionen darüber gibt, wie genau faires Reiten aussieht, müssen wir es den Zuschauern erklären. Wir sind sicher: Was wir in der Soers präsentieren, ist großartiger und fairer Sport.

Und wer überwacht das eigentlich den ganzen Tag?

Kemperman: Es gibt ein klares Regelwerk des Weltverbands FEI, und das gilt natürlich auch für unser Turnier. Die Stewards schauen überall genau hin, sie leiten manche Reiter an, sie reagieren – und verhindern so, dass es schlimme Bilder gibt.

Plötzlich ist auch die Klimakrise ein Thema beim Reitturnier: Es wird über Plastikmüll und Verschwendung gesprochen – und auch Sie haben in der Turnierwoche dazu Stellung genommen. Wie nehmen Sie solche Diskussionen wahr?

Kemperman: Ein wichtiges Thema, das in Aachen ja vor allem wegen der „Fridays for future“-Proteste aktueller denn je ist, wir haben es aber schon lange auf dem Schirm. Wir haben schon seit 1998 eine Solaranlage, wir versuchen mit unseren Caterern, Plastikmüll möglichst zu vermeiden. Wir strengen uns sehr an und haben schon einige Schritte gemacht. Eine große Sportveranstaltung wie unsere hat da auch eine Vorbildfunktion.

Vor allem war der CHIO für die meisten Reiter die Generalprobe für die Europameisterschaft. Warum ist Aachen der perfekte Ort dafür?

Kemperman: Viele Starter wissen nach unseren Turnier, ob sie eine Chance haben, bei der EM starten zu dürfen oder nicht. In der Regel gilt ja: Wenn du in Aachen einen guten Auftritt hast, fährst du auch zur EM.

Macht Sie das stolz?

Kemperman: Der CHIO ist eben kein gewöhnliches Turnier, es ist speziell; das sagen Reiter, das sagen Equipechefs, das sagen Zuschauer. In Aachen ist es schwierig – weil die Besten der Besten an den Start gehen. Und jeder Reiter will seinen Namen auf der Siegertafel sehen.

Nervt es Sie eigentlich, dass der CHIO immer wieder mit der Global Champions Tour der Springreiter verglichen wird, weil es dort noch mehr Geld zu gewinnen gibt?

Kemperman: Nein, nein. Ich sehe das so: Preisgeld ist schön – aber längst nicht alles. Uns geht es um den Sport, die besten Reiter, die vielen Zuschauer, einen schönen Rasenplatz, die Tradition. Es geht uns um Qualität. Beim CHIO muss keiner Geld bezahlen, um starten zu dürfen, und die Stärksten kommen dennoch. Qualität steht für uns an erster Stelle, danach kommt das Preisgeld. Das ist unser Konzept, und ich glaube, dass es das richtige ist. Aachen ist einmalig, das betonen Reiter und Zuschauer immer wieder.

Der nächste CHIO ist noch besonderer, weil er schon Ende Mai beginnt.

Kemperman: Weil die Olympischen Spiele in Tokio schon im Juli stattfinden, ist der gesamte Kalender ein bisschen durcheinandergewirbelt worden, das war auch nicht so einfach für uns. Aber das Konzept steht. Wir werden ein tolles Turnier haben, mit den besten Reitern – die sich in Aachen auf ein absolutes Großereignis vorbereiten.

Gibt es neben dem ungewöhnlichen Termin noch mehr Neuerungen?

Kemperman: Wir werden wieder an ein paar Schräubchen drehen, um Dinge zu optimieren. Es gibt immer Verbesserungsvorschläge, und die haben wir brav aufgeschrieben und werden sie abarbeiten. Wir werden aber nichts Großes umkrempeln. Am Ende wollen wir, dass alle auch mit dem CHIO 2020 wieder zufrieden sind.

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