CHIO-Vermarkter Michael Mronz: „Aachen hat noch viel ungenutztes Potenzial“

CHIO-Vermarkter Michael Mronz : „Aachen hat noch viel ungenutztes Potenzial“

Turniervermarkter Michael Mronz im Interview

Michael Mronz, Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH, blickt immer über den Zaun, wenn es gilt, den CHIO Aachen voranzubringen. Der Chef-Vermarkter des Reitturniers sieht viele Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch nicht genutzte Potenziale.

Knapp zwei Monate vor dem Startschuss schaute Mronz zum Redaktionsgespräch vorbei, das Helga Raue aufzeichnete.

Heute in 58 Tagen beginnt der CHIO Aachen. Wie ist der Stand der Vorbereitungen?

Michael Mronz: Wir sehen einen positiven Zuspruch, den das Turnier erfährt – bezogen auf die Akzeptanz im Zuschauerbereich. Wir befragen alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule die Zuschauer. Das Einzugsgebiet wächst Schritt für Schritt. Unsere Gäste kommen jetzt im Schnitt aus einer Entfernung von knapp 200 Kilometern nach Aachen. Das ist ein sensationeller Wert für eine Sportveranstaltung.

Die Akzeptanz zeigt sich auch an zunehmenden Zuschauerzahlen.

Mronz: Uns geht es nicht um Rekorde, seien es Zuschauer- oder Preisgeldrekorde. Der entscheidende Faktor ist, dass die Zuschauer mit einem Lächeln nach Hause gehen, dass die Reiter sagen, hier ist die perfekte Infrastruktur, hier können sie den besten Sport abrufen. Das sind die Dinge, die uns tagtäglich motivieren, weil wir sehen, dass das mehr und mehr funktioniert. Und als Ergebnis kommen mehr Zuschauer als im Jahr zuvor, gibt es mehr Preisgeld. Aber es ist nicht das Ziel, das in den Vordergrund zu stellen.

Versucht das Aachener Reitturnier stetig weiterzuentwickeln: CHIO-Vermarkter Michael Mronz. Foto: ZVA/Harald Krömer

Wie benennen Sie das Ziel?

Mronz: Wir sehen uns in einem Wettbewerb zwischen Sport und – ich nenne es mal – Erlebniswelt. Die Menschen suchen nach Unterhaltung. Aber in Aachen heißt es „Reitsport first“. Da ist die Frage: Was wollen die Menschen in einer kurzweiligen Welt, die stärker geprägt ist durch Short Messages, Fünf-Sekunden-Filme und das direkte Erlebnis? Wir fragen, was das übersetzt für den Sport bedeutet. Und wie finden wir Lösungen, die dem Zuschauer zusagen, so dass wir eine weiter wachsende Akzeptanz haben?

Weg von „höher, weiter, schneller, besser“ – ist das ein grundsätzliches Thema analog zu Jürgen Klopps Aussage „Siegen ist nicht alles“?

Mronz: Ich fand Klopps Aussage bemerkenswert. Es ist wichtig, immer eine Selbstreflektion zu haben. Man sieht selten, dass der Politiker einer Partei dem einer anderen Partei eine gute Idee attestiert. Ich glaube aber, dass das gut wäre, dass dadurch eine größere Akzeptanz möglich wäre. Wenn wir andere Turniere besuchen, sagen wir nicht, das ist alles doof. Ich gehe zu vielen Veranstaltungen, auch in anderen Sportarten, um zu sehen, was dort gemacht wird. Man kann von überall etwas mitnehmen. Das heißt nicht, dass man alles übernimmt, sondern, dass man eine neue Idee hat, einen Gedanken entwickelt.

Wo ist das Problem, der Konkurrenz oder dem politischen Gegner zu attestieren, dass er eine gute Idee hat? Könnte man nicht tatsächlich mal anders denken?

Mronz: Ich sehe es bei der Initiative für „Rhein Ruhr City 2032“. Es gibt eine Entscheidung der Landesregierung NRW, die 300 Millionen Euro zum Abbau des Renovierungsstaus in den Vereinen investieren will. Das ist ein sensationeller Betrag, den es so noch in keinem anderen Bundesland gegeben hat. Und diese Position vertrete ich nicht nur, wenn ich bei den Fraktionen bin, die momentan die Regierung stellen. Das ist ein toller Beitrag für unsere Gesellschaft, denn Sport ist ein wichtiges Element, und gerade der Vereinssport ist wichtig – beispielsweise für die Jugend. Es ist wichtig, diesen guten Beitrag zu artikulieren, da man dadurch auch eine höhere Akzeptanz erreicht. Die gesellschaftlichen Formen und die Wahrnehmung ändern sich, daher bin ich nicht so skeptisch, dass sich das Denken nicht auch ändern sollte. Das ist ein Lernprozess.

Gespräch am viereckigen Tisch: Michael Mronz (von links) mit Chefredakteur Thomas Thelen, Lukas Weinberger, Helga Raue und Amien Idries. Foto: ZVA/Harald Krömer

Apropos 2032: Sie sind Geschäftsführer der privaten Initiative „Rhein Ruhr City“, die Olympia in die Region holen möchte – mit Aachen als Reitsport-Standort. Wie sieht es aktuell aus?

Mronz: Mitte April war ich mit Ministerpräsident Armin Laschet bei IOC-Präsident Thomas Bach. Wir gehen unseren Weg. Ich denke, wir haben gute Argumente. Zum einen in Sachen Nachhaltigkeit, weil keine großen Arenen entstehen, sondern bestehende Sportstätten genutzt werden. Zum anderen erreichen 150 Millionen Menschen innerhalb von zwei Flug- oder sechs Bahnstunden die Sportstätten in NRW.

Stichwort Eventisierung: Steht die dem Sport entgegen? Der Hardcore-Fußballfan ist gegen Eventisierung. Beim CHIO Aachen hat man das Gefühl, dass das gut klappt. Gibt es dieses Spannungsfeld im Pferdesport nicht?

Mronz: Ich kann nur für den CHIO sprechen. In meinen Augen sind zwei Dinge wichtig: Zum einen ein klares Bekenntnis dazu, für was man steht – bei uns lautet es „Reitsport first“. Aber wir müssen uns weiterentwickeln. Zwei einfache Beispiele: Als in den 90ern die Liegewiese wegfiel, gab es Proteste, es hieß „das gehört zum CHIO“. Heute steht da eine Tribüne. Das war wichtig für die Weiterentwicklung des Turniers, tangiert aber nicht den Sport. Da muss man den Mut haben, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht im ersten Moment kritisiert werden. Wir müssen immer das Gesamte im Blick haben. Oder die Ladenstraße: In den ersten Jahren, als ich angefangen habe, haben wir versucht, diese klarer zu strukturieren, damit sie ein Anziehungspunkt zwischen den Prüfungen ist. Wenn man heute die Ladenstraße wegnehmen würde, würde ein Teil des CHIO fehlen. Wichtig ist, dass der Sport immer im Vordergrund steht. Wir werden oft gefragt, warum wir keine Konzerte veranstalten. Weil der Rasen unser heiligstes Gut ist. Man könnte ein Sandplatz-Turnier daraus machen und drei, vier Konzerte dort veranstalten – aber dann ist es nicht mehr der CHIO. Und das ist ja auch nicht die Idee: Der Aachen-Laurensberger Rennverein ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung des Reitsports und nicht der Musikkultur.

Gibt es auch Entscheidungen, die wieder revidiert wurden?

Mronz: Ja, beispielsweise der Abschied der Nationen. Den hatten wir verändert, aber nach zwei Jahren eingesehen, dass es nicht funktioniert und die Änderungen wieder zurückgenommen. Man muss Mut haben, Dinge verändern zu wollen, aber man muss auch den Mut haben, sie zurückzunehmen, wenn sie sich nicht bewähren. Nur so kann man sich weiterentwickeln.

Durch das Internet haben sich viele Bereiche verändert. Beim CHIO wurden vor zwei, drei Jahren Blogs eingeführt, der CHIO ist auf den Social-Media-Kanälen vertreten. Was hat sich sonst verändert?

Mronz: Ganz hart gesprochen: Wir denken Social Media und Streaming zuerst und lineare Kommunikationswege, also Print, an zweiter Stelle. Das muss so sein, damit wir, die mit den linearen Kommunikationswegen groß geworden sind, überhaupt in der Lage sind, uns im Kopf zu verändern. Die Millenium-Generation ist mit Social Media aufgewachsen wie wir mit der Tageszeitung, daher muss ich ein Angebot schaffen. Wir erwischen uns selbst immer wieder, dass wir nicht genug daran denken. Ein Beispiel: Beim Tennisturnier in München gab es bei der Abendveranstaltung kein gutes Fotomotiv mit Hashtag. Da wurde eine Chance vertan. Die Leute stellen sich vor die Wand, machen Fotos und posten: „Ich bin jetzt gerade hier.“ Auf dem Parkplatz habe ich zufällig zwei junge Mädchen gehört, die sich darüber unterhielten, was sie auf ihren privaten Kanälen gepostet haben. Das sind alles potenzielle Multiplikatoren, die einen eigenen Kommunikationskanal haben. Und ich muss fragen, wie wir das für uns nutzen können.

Früher hat man der Zeitung ein Interview gegeben. Heute muss man alle möglichen Kanäle bespielen. Finden Sie es gut, weil man sich von den etablierten Medien ein bisschen unabhängig machen kann?

Mronz: Ich bin ein großer Freund des unabhängigen Qualitätsjournalismus. Soziale Medien ersetzen nicht den klassischen Journalismus. Ich denke, es wird immer einen Journalismus geben, für den die Menschen bereit sind, Geld auszugeben.

Wie ist das Zusammenspiel zwischen Sport und Event? Gibt es Diskussionen mit Frank Kemperman, der sagt, „lasst uns den Sport nicht vergessen“?

Mronz: Ich denke, wir haben Erfolg, weil es bei uns die Diskussionen Sport oder Event nicht gibt. Wir haben die beiden Säulen: Frank Kemperman und sein Team überlegen tagtäglich, wie man den Sport entwickeln kann. Mein Team und ich müssen dann überlegen, wie wir den Sport refinanzieren können. Das Spannende sind die Diskussionen, die wir haben, und die sind nicht immer reibungslos. Aber das finde ich super, weil für uns das Produkt im Vordergrund steht. Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen. Es ist nicht wichtig, wer die Idee hat, sondern welche Idee uns weiterbringt. Daher gibt es kein Spannungsfeld zwischen Sport und Kommerz.

Was sind denn aktuelle Diskussionen im Vorfeld des CHIO 2019?

Mronz: Da gibt es ganz viele. Ein Beispiel: Ein für uns extrem wichtiger Punkt ist die Erweiterung der Anlage. Das wird aufgrund der bestehenden Geländestruktur nicht einfach. Wir müssen aber versuchen, die Jugend frühzeitig an die Marke CHIO Aachen zu binden. Dafür benötigen wir einen zweiten Turnierplatz. In Wimbledon wird es ähnlich gemacht. In der zweiten Turnierwoche, wenn das Teilnehmerfeld schon kleiner geworden ist, finden auf den Nebenplätzen die Tennisspiele der Junioren statt.

Ist die Marke CHIO Aachen nicht so stark, dass man den Nachwuchs nicht vorher daran binden muss?

Mronz: Sicher, aber das Besondere des CHIO Aachen wird ja nur bleiben, wenn wir uns immer wieder erneuern und nicht stehenbleiben. Etwas selbst Erlebtes hat eine größere Wirkung und schafft mehr Eindruck als etwas Beschriebenes.

Wo gibt es denn weitere Entwicklungspotenziale?

Mronz: Ich würde mir eine stärkere Vernetzung aus der Stadt heraus und von Seiten der RWTH wünschen. Wir müssen uns fragen, wie können wir die zehn Tage CHIO stärker nutzen, um das Potenzial, das Aachen hat, noch besser zu vermarkten. Man muss überlegen, wie man beides miteinander verbinden kann. Wie beispielsweise mit dem Mobilitätskongress im Rahmen des CHIO. Als ich vor 20 Jahren meinen Job in Aachen angetreten habe, gab es alteingesessene Industrien, wie beispielsweise die Tuchfabrik Becker. Die sind heute verschwunden. Niemand hätte gedacht, dass es 2019 hier zwei Produktionsstätten für Autos geben würde. Aber heute haben wir diese. Das zeigt die Chance, die im Wandel steckt. Wir haben eine tolle TH. In Zusammenarbeit mit der Stadt muss man hinterfragen, wie man beispielsweise mehr internationale Gäste in die Stadt holen kann. Und auch, wie man den CHIO dazu nutzen kann. Ich glaube, dass die Potenziale in der Richtung noch nicht vollständig ausgeschöpft sind.

Warum werden die Potenziale nicht besser genutzt?

Mronz: Die Frage ist, wie können die verschiedenen positiven Elemente, die Aachen zu bieten hat, stärker für den Standort genutzt werden? Ich glaube, dass das gar nicht gesehen wird. Es gibt die RWTH, den CHIO, den AKV, den Karlspreis und vieles andere. Aachen hat für seine Größe viel zu bieten, mehr als andere vergleichbare Städte. Das ist keine Kritik, sondern ein konstruktiver Vorschlag.

Sie sitzen seit 20 Jahren beim CHIO im Sattel. Haben Sie schon gedacht, es läuft erfolgreich, jetzt kann ich mich anderen Dingen zuwenden?

Mronz: Solche Gedankenspiele hatte ich nicht eine Sekunde lang. So lang man eine Idee entwickeln kann, macht es Spaß. Aber ich bin nicht unersetzlich, ich habe eine gesunde Distanz zu der Aufgabe.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Mronz: Ich glaube, meine innere Überzeugung, dass Erfolg nur im Team möglich ist. Man muss auch Verantwortung abgeben können. Es geht nicht um einen selbst, es geht um den CHIO. Zu Beginn war es ein Job mit einer tollen Chance, mich einbringen zu dürfen. Es ist auch weiterhin eine Ehre, Teil der Geschichte des CHIO Aachen sein zu dürfen.