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Aachen: Björn Otto: „Stabhochspringer bist du ein Leben lang“

Aachen : Björn Otto: „Stabhochspringer bist du ein Leben lang“

Selbstverständlich hat sich Björn Otto auf das 12. NetAachen-Domspringen vorbereitet, diesmal aber hatte er ein bisschen mehr zu tun als bei seinen vorherigen Teilnahmen. Otto, 38, hat sich nicht nur auf den Wettkampf am Mittwoch vorbereitet, sondern auch auf sein Karriereende. Wenn so etwas überhaupt geht.

Das Springen auf dem Katschhof ab 18.30 Uhr wird Ottos letztes sein — nach einer Silbermedaille bei Olympia, je einmal Silber und Bronze bei Welt- und Europameisterschaften und seinem deutschen Rekord von 6,01 Metern, den er 2012 in Aachen sprang. Er sagt: „Sicher ist nur, dass es sehr emotional werden wird.“

 Der Jubel aus dem Jahr 2012: Björn Otto springt Deutschen Rekord.
Der Jubel aus dem Jahr 2012: Björn Otto springt Deutschen Rekord. Foto: Wolfgang Birkenstock

Im Interview spricht Otto über seinen letzten Wettkampf, die Party danach, seinen neuen Job als Pilot und das Versprechen an alle Stabhochspringer.

Herr Otto, wo waren Sie eigentlich am häufigsten in Aachen? Im Dom, im Rathaus oder dazwischen auf dem Katschhof?

Björn Otto (lacht): Im Dom war ich zwei Mal, im Rathaus sogar ein bisschen öfter — wegen der Pressekonferenzen vor dem Domspringen. Aber wahrscheinlich war ich tatsächlich am häufigsten auf dem Katschhof.

Warum haben Sie sich das Springen in Aachen als letzten Wettkampf Ihrer Karriere ausgesucht?

Otto: Das Domspringen war schon immer etwas Besonderes für mich, weil der Wettkampf einfach genial ist. Ich hatte für mich schon lange entschieden, dass ich gerne in Aachen aufhören möchte, und der Deutsche Rekord 2012 hat mich darin noch mal bestärkt. Das war das i-Tüpfelchen, dadurch ist Aachen noch wichtiger für mich geworden. Die Kulisse ist toll, das Publikum erste Sahne. Für mich gibt es keinen besseren Ort für das Karriereende.

Wissen Sie denn schon, was Sie nach Ihrem letzten Sprung als Erstes tun werden?

Otto: Ich habe mir tatsächlich Gedanken darüber gemacht, was ich tun werde, wenn es so weit ist. Ich glaube aber, dass man so etwas nicht planen kann. Und selbst wenn du etwas geplant hast, kommt es eh anders. Ich warte einfach ab, was passiert. Sicher ist nur, dass es emotional werden wird.

Es ist ja auch das Ende einer langen Karriere.

Otto: Allerdings. In 30 Jahren Stabhochsprung habe ich so ziemlich alles mitgemacht, Höhen und Tiefen. Ich habe fünf wunderbare Medaillen gewonnen, durfte die Welt bereisen, habe Dinge erlebt, die ich nie erlebt hätte, wenn ich nicht Stabhochspringer geworden wäre. Da geht natürlich etwas zu Ende.

Was ist das für ein Gefühl?

Otto: Irgendwie ist das natürlich schon komisch. Ich versuche mich einfach relativ normal auf den Wettkampf vorzubereiten, gestern hatte ich zum Beispiel noch Physiotherapie. Aber manchmal habe ich dann doch dieses Kopfkino und stelle mir vor, wie der letzte Wettkampf wohl laufen könnte.

Wie soll er denn laufen, wenn Sie es sich aussuchen könnten?

Otto: Ich will einfach Spaß haben. Ich hoffe, dass mein Fuß ein Einsehen hat, nicht rumzickt, sondern mich meine Sprünge machen lässt. Es wäre natürlich schön, nach 30 Jahren mit einem gültigen Versuch aufzuhören — auch wenn das im Stabhochsprung natürlich nicht so einfach ist, weil man ja eigentlich immer noch ein bisschen mehr will. Und ich wünsche mir fürs Publikum, dass es einen verdienten Sieger mit einer schönen Höhe geben wird.

Viele werden kommen, um sich von Ihnen zu verabschieden.

Otto: Ja, ich bringe auch selbst ein paar Leute mit. Aber das Sportliche darf da doch nicht in den Hintergrund geraten. Wenn es sich die Waage hält, mein Abschied und ein toller sportlicher Wettkampf, das wäre doch schön.

Und danach gibt es eine Party?

Otto: Joa, da gehe ich mal schwer von aus (lacht). Ich muss jedenfalls nicht mehr fahren.

Am Donnerstagmorgen wachen Sie dann auf und sind kein Stabhochspringer mehr . . .

Otto: Stabhochspringer bist du ein Leben lang. Wir ticken ein bisschen anders, haben abgedrehte Hobbies, das findest du in den anderen Disziplinen nicht so häufig. Wenn du einen Sport so lebst, wirst du das nicht nur die ersten 40 Jahre deines Lebens tun, sondern auch die anderen 40. Und es gibt ja Wege, wie man dabeibleiben kann, ohne dass man selber springt.

Werden Sie denn noch Stäbe in die Hand nehmen?

Otto: Klar, ich werde nicht komplett aufhören zu trainieren. In Spitzenzeiten hatte ich elf, zwölf Einheiten pro Woche, das werde ich jetzt natürlich reduzieren. Ich habe aber Angst davor, wie sich mein Körper verändern wird . . . (lacht)

Sie sehen nicht so aus, als würden Sie sofort 20 Kilogramm zunehmen.

Otto: Nee, nee. Ich glaube, ich habe da auch ganz gute Gene mitgegeben bekommen. Aber dennoch wird sich ja etwas verändern.

Hat sich auch die Stabhochsprungszene verändert? Es scheint so, als seien die ganz großen Höhen für viele Springer — mit Ausnahme von Renaud Lavillenie — nicht mehr möglich.

Otto: Das ist schwer zu sagen. Bei den großen Meisterschaften sind große Höhen ohnehin eher selten, weil die Springer auf eine gute Platzierung aus sind und das Risiko scheuen. Bei normalen Meetings ist das ein bisschen anders, da sind die ganz großen Höhen möglich. Aber auch da müssen alle Faktoren passen: Bedingungen, Form, Konkurrenz. Da ist jede Saison anders. Nächstes Jahr kann sich das wieder drehen.

Sorgen Sie sich um den deutschen Stabhochsprung?

Otto: Nein. Natürlich war es nicht schön, dass es kein deutscher Springer ins olympische Finale geschafft hat, aber im Sport gibt es diese schlechteren Phasen eben genauso wie gute. Immer oben dranzubleiben, ist schwierig. 2012 gab es einen großen Kampf um die Olympia-Plätze, dieses Jahr hat sich das Team quasi von selbst aufgestellt. Raphael Holzdeppe zum Beispiel plagt sich länger mit Verletzungen herum. Er wird sicher wiederkommen.

Und was ist mit dem Nachwuchs?

Otto: Wir hatten starke Springer, die in den 70er Jahre geboren wurden: Tim Lobinger, Danny Ecker, Richard Spiegelburg, ich. Und ich bin überzeugt, dass wieder gute Jahrgänge kommen. Da ist sicher der eine oder andere, der noch nicht alles gezeigt hat, was er kann. Das habe ich ja auch selbst erlebt.

Wie meinen Sie das?

Otto: Mir hat mal ein Trainer gesagt, dass ich stolz sein kann, wenn ich mal über fünf Meter springe. Es sind dann 6,01 Meter geworden. Damit hat der Trainer bestimmt nicht gerechnet. Im Stabhochsprung sind Prognosen schwierig. Die Zukunft wird es zeigen.

Apropos Zukunft: Ihre ist geklärt, oder? Es geht weiter hoch hinaus.

Otto: Ja, das sieht ganz gut aus. Ich werde im Cockpit der Flugzeuge vorne rechts Platz nehmen, als Co-Pilot.

Es könnte also sein, dass im Ferienflieger demnächst die Durchsagen von Björn Otto kommen?

Otto: In der Regel macht der Kapitän die Durchsagen, da muss ich noch ein bisschen warten. Aber der Co-Pilot informiert ja immerhin übers Wetter (lacht), und ich hoffe wirklich, dass ich das bald machen darf. Ich freue mich auf das Fliegen, das zum Beruf zu machen, war ein Kindheitstraum. Und als Pilot kann ich allen Stabhochspringern etwas versprechen.

Und zwar?

Otto: Dass niemals Stäbe am Flughafen liegenbleiben, wenn ich im Cockpit sitze. Bei knapp 600 Wettkämpfen ist es auch bei mir nicht ausgeblieben, dass ich mal ohne Stäbe irgendwo gelandet bin. Bei meinen Flügen kommt das nicht vor. Versprochen.