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Aachen: ALRV-Vermarkter Michael Mronz: „Nur wer sät, kann auch ernten“

Aachen : ALRV-Vermarkter Michael Mronz: „Nur wer sät, kann auch ernten“

Am Sonntagabend fand es Michael Mronz dann fast schade, dass dieser CHIO nach zehn Tagen wieder vorbei war. Für den ALRV-Vermarkter war es dennoch ein schwieriges, emotionales Turnier. Erstmals stand er nach dem Tod seines Partners Guido Westerwelle wieder in der Öffentlichkeit.

Unser Redakteur Christoph Pauli traf ihn.

Viele Vertreter von Randsportarten haben während der letzten Wochen die TV-Allmacht des Fußballs kritisiert. Teilen Sie die Kritik?

Mronz: Ich kann das Phänomen kritisieren, oder ich verwende die Energie dafür, Ideen zu entwickeln, um einen Platz in den Medien zu finden. Das halte ich für konstruktiver. Die Berichterstattung befriedigt ja das Bedürfnis des Publikums, das den Fußball liebt. Es gibt ja keine vorgeschriebenen Aufteilung der Berichterstattung. Deswegen ist unsere Ausgangsfrage: Wie kann ich es trotz dieser Dominanz schaffen, ein relevanter Faktor in der Berichterstattung zu sein.

Sportarten werden über Stars populär. Es gibt herausragende deutsche Spring- und Dressurreiter. Fehlt da etwas der Glamourfaktor?

Mronz: Der Reitsport würde ein klarer Turnierkalender gut tun, aus dem hervorgeht, was sind Top-Turniere sind. Die Situation im Reitsport ist speziell, weil die Pferde oft den Mäzenen gehören, deswegen präsentieren sich die Reiter vielleicht nicht so in der Öffentlichkeit, wie es für den Sport wünschenswert wäre. An der ein oder anderen Stelle könnten die Sportler durchaus noch verstärkt an der eigenen Marke arbeiten. Ein Vergleich: Der Diskuswerfer Robert Harting schreibt mehr Geschichten und Schlagzeilen als zum Beispiel Marcus Ehning und Ludger Beerbaum, die sich sehr mag.

In Deutschland beklagen Reitsportveranstalter die sinkende Resonanz. Spüren Sie, dass es schwieriger wird, auch ein Premium-Produkt zu vermarkten?

Mronz: Es soll nicht altklug klingen: Aber ich habe das schon vor Jahren in den entsprechenden Gremien gesagt, dass nur die Turniere eine Chance haben, die investieren, die sich entwickeln wollen. Nur wer sät, kann auch ernten. Dazu waren viele Veranstalter nicht bereit. Wir haben im Zuge der Weltreiterspiele eine Fluchtlichtanlage installiert. Das wäre nicht notwendig gewesen, aber es war eine perspektivische Entscheidung. Heute profitieren wir davon, weil wir eine phantastische Eröffnungsfeier und einen grandiosen Mercedes-Benz-Nationenpreis am Abend erlebt haben. Leider fehlt die Investitionsbereitschaft vielen Veranstaltern — jeweils im Rahmen der Möglichkeiten.

Ist es für Aachen leichter, weil es eine so etablierte traditionelle Veranstaltung ist?

Mronz: Tradition spielt dann eine Rolle, wenn ich verantwortungsbewusst damit umgehe. Wo komme ich her, was sind meine Werte? Tradition muss gepflegt werden, sonst liegt irgendwann so viel Staub darauf, dass ich sie nicht mehr erkenne. Unsere Werte dürfen wir nie in Frage stellen. Vor 20 Jahren hätte nie jemand gedacht, Vielseitigkeit ins Programm zu nehmen. Inzwischen ist das in Aachen fast schon etabliert.

Die AachenMünchener scheidet nach 60 Jahren als Sponsor aus. Trifft den ALRV das oder gibt es eine Warteliste von Interessenten?

Mronz: Es ist schade, wenn ein so treuer Partner nach so langer Zeit ausscheidet. Es gehört zur normalen Fluktuation, dass Unternehmen gehen oder in diesem Jahr wie Schüco oder Lavazza dazukommen.

Die Vermarkter nennen den CHIO selbstbewusst „Weltfest des Pferdesports“. Welchen Stellenwert hat das Turnier in der deutschen Sportszene?

Mronz: Das sollen andere beschreiben. Wir freuen uns hier darüber, dass wir diesen Zuspruch, diese TV-Zeiten, diese mediale Präsenz haben, dass das Einzugsgebiet unserer Besucher jedes Jahr größer wird. Uns geht es nicht um Rekorde, vielmehr darum, dass die Besucher und Sportler mit einem Lächeln nach Hause gehen, weil sie einen tollen Tag erlebt haben.

Dieses Turnier hatte einen royalen Faktor. War das auch gezieltes Marketing, um Leute auf den CHIO aufmerksam zu machen, die weniger an Pferden, denn mehr an hohen königlichen Tieren interessiert sind?

Mronz: Majestäten waren schon häufiger da. Exponiert war es diesmal, weil das schwedische Königspaar hier war. Das ist eine Auszeichnung für Aachen. Schweden hat den CHIO genutzt, um auf die Europameisterschaft im nächsten Jahr aufmerksam zu machen.

Werden Sie die königlichen Pfade weiter beschreiten?

Mronz: Nein, unser Konzept heißt Partnerland und nicht Königshäuser. Wenn bei dem Partnerland ein Königshaus sagt, dass es gerne dabei wäre, freuen wir uns darüber. Aber das ist kein Auswahlkriterium. Es geht immer um die Verbindung des Landes zum Pferd.

Die CHIO-Macher analysieren das Publikum. Können Sie einen Trend, einen Zeitgeist ausmachen?

Mronz: Wir ermitteln die Daten alle zwei, drei Jahre. Das Zuschauerverhalten verändert sich im Zuge der Digitalisierung der Gesellschaft immer mehr. Wir müssen uns täglich damit beschäftigen, wie können wir das Turnier organisch weiterentwickeln, ohne unsere Werte zu vergessen.

Was wird gerade im digitalen Labor ausgetüftelt?

Mronz: Da haben wir gerade ein sehr spannendes Thema. Ich bin davon überzeugt, dass sich mehr Menschen für eine Sportart begeistern, wenn sie sie verstehen. Vor gut zehn Jahren haben wir das Dressurradio eingeführt, das inzwischen viele Veranstalter übernommen haben. Inzwischen ist das ausgebaute Dressurstadion an drei Tagen ausverkauft, weil die Besucher den Sport besser begreifen. Das wollen wir jetzt auf den Springsport übertragen, der sehr komplex ist. Was ist der ideale Absprungpunkt, wie viele Galoppsprünge brauche ich zwischen den Hindernissen, was ist die beste Linie? Wir testen eine Trekking-Variante gerade im Hintergrund. Wir wollen diese Analysemöglichkeit mit SAP und einem Software-Dienstleister entwicklen.

Wie kommt das Ergebnis zum Kunden?

Mronz: Wenn das System ausgereift ist, lässt sich das über eine App herunterladen. Dann kann man dieselben Analysen wie das TV-Publikum sehen. Mit der App bekommt der Zuschauer im Stadion die zusätzlichen Informationen und er hat dieses Live-Erlebnis. Und er kann bei einer Weiterentwicklung auch noch am Ipad oder Smartphone eine gewünschte Kamera auswählen und wird sein eigener Regisseur. Das digitale Zeitalter eröffnet phantastische Möglichkeiten.

Die Abendveranstaltungen waren sehr stimmungsvoll. Wird die Nische ausgebaut?

Mronz: Unser Team hat bei allen Großveranstaltungen der letzten Jahre etwas mitgenommen. Von der 100-Jahre-ALRV-Feier ist es der Soerser Sonntag, von der Weltmeisterschaft der Nationenpreis am Donnerstagabend unter Flutlicht und von der EM die stimmungsvolle Eröffnungsfeier. Bei Großereignissen probieren wir gerne Dinge aus und übernehmen sie dann in den CHIO-Alltag, wenn sie funktionieren. Es ist nicht unser Ziel, jetzt alles in den Abend zu verlegen, aber es ist auch ein schönes Angebot für Leute, die tagsüber arbeiten müssen.

Sind Sie ein Fan von Großveranstaltungen wie EM oder Weltreiterspielen, oder mögen Sie lieber den vertrauten CHIO, den sie ohne Einfluss der Verbände entwickeln können?

Mronz: Durch diese Großereignisse haben wir immer wieder unsere Anlage infrastrukturell ertüchtigt, auch mit Subventionen der öffentlichen Hand. Man darf allerdings nicht verkennen, dass der Verein operativ die Veranstaltungen alleine finanziert ohne Zuschüsse. Sportlich haben EM und WM natürlich einen besonderen Stellenwert. Ich mag einfach den CHIO, jeder Tag ist ein Genuss, und bin dann fast traurig, wenn er nach zehn Tagen wieder vorbei ist.

Wann gibt es wieder Weltreiterspiele in Aachen?

Mronz: Wir konzentrieren uns auf den CHIO. Wir kennen die Gerüchte, dass die Macher 2018 im kanadischen Bromot angeblich Probleme haben sollen. Es gibt ja bereits entsprechende Mitteilungen. Unsere Position ist: Wir stehen gerne als Aachener Team bereit, um vor Ort zu helfen.

Während des Turniers gibt es täglich eine Konferenz der Turniermacher. Was steht auf Ihrem To-Do-Liste am Ende?

Mronz: Wir können noch besser werden im Social-Media-Bereich. Wir testen gerade die Zusammenarbeit mit Bloggern. Hier wächst gerade eine Welt zusammen. Es geht um den Reitsport, aber auch darum sich hier mit Freunden zu treffen oder durch die Ladenstraße zu bummeln. Wir können weitere Kommunikationswege aufbauen.

Vor dem Hintergrund gibt es die Idee, einen Jugendbeirat zu installieren, der Ihnen sagt, was gerade hip ist.

Mronz: Wir diskutieren darüber. Vom Grundsatz ist das gut, aber man muss eine klare Aufgabenstellung haben, damit keine falsche Erwartungen entstehen. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir mit unserem Angebot ganz schlecht liegen. Man sollte nicht arrogant sagen, dass man weiß, wie alles funktioniert. Aber man muss sich auch nicht von jedem Trend verrückt machen lassen. Es muss passen.

Es war Ihr erstes Turnier seit dem Tod Ihres Mannes Guido Westerwelle im April, den Sie beim Reitturnier kennengelernt haben. Waren es schwierige emotionale Tage oder kommen Sie während der zehn Tage ohnehin nicht zur Ruhe?

Mronz: Ja, es ist eine sehr emotionale Woche. Die schwerste, seitdem ich hier bin.

Was steht nach dem CHIO an?

Mronz: Am Dienstag ist eine bilanzierende Aufsichtsratssitzung und dann mache ich Urlaub.