Ein Besuch in Mossul: Verwesungsgeruch ist der ständige Begleiter

Ein Besuch in Mossul : Verwesungsgeruch ist der ständige Begleiter

Rund zehn Millionen Tonnen Schutt haben sich wie eine Decke des Grauens über die zerstörte Altstadt von Mossul gelegt. Die Masse an Trümmern entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft, genauso wie das Schicksal von schätzungsweise 10.000 bis 40.000 zivilen Opfern unbegreiflich ist.

Niemand weiß so ganz genau, wie viele Menschen getötet wurden. Auf jeden Fall sind noch längst nicht alle Leichen geborgen.

Wir stehen im Schatten der einst so stolzen, heute zerbombten Al-Nuri-Moschee, von der im Juni 2014 Abu Bakr al-Bagdadi, der Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), das Kalifat ausrief. Bevor wir die skelettierten Geisterviertel von Mossul erkunden, gibt uns Zedan Hussein, der als Sicherheitschef bei Unicef tätig ist, klare Weisungen: „Bleibt immer auf der Straße, macht keinen Schritt nach links oder nach rechts“, schärft er uns ein, um uns vor der ständigen Minengefahr zu warnen. „Es sind bislang nur öffentliche Flächen von Sprengstofffallen geräumt worden – und auch die noch unvollständig“, warnt der 34-Jährige.

Von Opfern und Tätern

Das Misstrauen innerhalb der Bevölkerung, in der sich Opfer und Täter mischen, ist groß. „Es gibt einen hohen Prozentsatz an verdeckt lebenden IS-Leuten, aber auch an Schläferzellen, die zu Attentaten bereit sind“, berichtet Zedan. Die Gefahr, einem Selbstmordattentäter zum Opfer zu fallen oder entführt zu werden, sei weiterhin hoch. Täglich gebe es entsprechende Zwischenfälle. Das Auswärtige Amt in Deutschland warnt deshalb Reisende vor der Fortsetzung militärischer Aktivitäten: „Es muss weiterhin mit offenen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen IS und irakischen Sicherheitskräften gerechnet werden“, heißt es auf der Homepage.

Von Frieden also keine Spur in Mossul. Die Kameras der Weltöffentlichkeit sind nach dem Rückzug der Terrormiliz im Juli 2017 abgewandert. Das Leid der Menschen in den Trümmern ist kaum noch eine Schlagzeilen wert.

Unser Blick fällt auf eine dieser Gesteinswüsten, in denen sich meterhoch Geröll, Autowrack- und Möbelteile, Abfälle und verbranntes Holz mischen. Da entdecken wir die beiden Jungen Masrut (12) und Abdullah (13), die dort unterwegs sind, um Kupferkabel zu sammeln. „Für die bekommen wir abends bis zu drei Dollar von einem Händler“, sagt Abdullah – und fügt einschränkend hinzu: „Wenn es gut läuft.“ Und was ist mit den Gefahren? Was ist mit den Sprengfallen des IS? Zum Beispiel jene perfide ausgeklügelten Modelle, die in Teddybären oder Puppen versteckt sind? Wir konfrontieren die beiden Jungen mit unseren Bedenken.

Huda Khalil (54/Mitte), ihr Sohn Obaid (21) und die gelähmte Tochter Hiba (33) hausen im Erdgeschoss ihres stark beschädigten Hauses. Foto: Silke Fock-Kutsch

Masrut und Abdullah schauen sich an und zucken nur achtlos mit den Schultern. „Wir haben keine Angst, wir sind mutige Jungen und schauen genau, wo wir hintreten“, erklärt der obdachlose Abdullah. Ihr Überlebenskampf ist größer als jede Befürchtung, ein Opfer des IS zu werden. Von morgens um 6 Uhr an sind die beiden unterwegs, oftmals begleitet von dem süßlichen Verwesungsgeruch der sterblichen Überreste jener Opfer, die weiterhin unter den Trümmern liegen. „Heute haben wir aber noch nichts Wertvolles gefunden“, sagt Masrut mit Bedauern in der Stimme.

Zur Schule sind die beiden seit dem Jahr 2014 nicht mehr gegangen. „Wir würden es aber gerne tun, wenn hier in der Nähe eine aufmachen würde“, versichert Abdullah. Für weitere Fragen lässt uns der Sicherheitschef keine Zeit.

Security-Chef Hussein drängt unmissverständlich zum Aufbruch. Vier irakische Polizisten, die uns auf Schritt und Tritt begleiten, blicken wenig entspannt in alle Richtungen. Die Ansage des Sicherheitsprotokolls lautet: maximal 30 Minuten Verweildauer an einem Ort, keine Minute länger. Man will dem IS keine Gelegenheit geben, auf uns aufmerksam zu werden. Die Auswirkungen auf unsere Arbeit sind groß. Wir können kaum ein Interview in Ruhe führen.

In Geiselhaft des IS

Am Ende einer der fünf zerstörten Brücken über den Tigris liegt das Grundstück von Hazem Schab, gleich neben der Schnellstraße, die in den Ostteil von Mossul führt. „Von hier aus konnte der IS seine Aktivitäten gut steuern“, sagt der 63-Jährige. Von seinem Haus sind nur noch Trümmer geblieben: „Die US-Luftwaffe hat am 2. Mai 2017 um 9 Uhr bombardiert, ich bin gleich raus, mein Sohn Huzaifa kam gemeinsam mit drei IS-Leuten ums Leben“, berichtet er.

Wir gehen mit ihm ins Nachbarhaus, in das er sich rettete. Hier leben seine Schwägerin Huda Khalil (54) mit Sohn Obaid (21) und der von Geburt an gelähmten Tochter Hiba (33). Monatelang war die Familie in Geiselhaft der Terrormiliz, an jenem 2. Mai geriet auch sie unter Beschuss. „Ich war kaum zehn Minuten hier, da wurde auch dieses Haus bombardiert“, sagt Hazem. Die Granaten schlugen oben in den Schlafzimmern und auf der Terrasse ein. Nur der untere Raum, in dem Hiba ihren Rollstuhl steuern kann, blieb einigermaßen unbeschadet.

Zwei Familien, beide zerrissen

Ein Glück – sie überlebten alle. Auch Hudas Ehemann und der älteste Sohn – sie aber sollten vier Wochen später sterben: „Der IS hat sie nach dem Angriff der Befreier abgeholt und umgebracht“, sagt die tapfere Mutter und weint.

Zwei Familien, beide zerrissen. Zwei Häuser, beide zerstört beziehungsweise beschädigt. Kein Auskommen, keine gesundheitliche Versorgung – Verzweiflung pur. „Mein Vater hatte als irakischer Soldat ein Gehalt von 230 Dollar – und schon das reichte nicht“, sagt Obaid. „Wir stehen seit über einem Jahr vor dem Nichts.“

Die ganze Häuserzeile nahe der Brücke ist betroffen. Ganze 400 US-Dollar bekamen Abdulbasit Khali Ismael (54) und Ehefrau Saná Asaad (54) vom irakischen Roten Kreuz für die Reparatur ihres schwer beschädigten Hauses. „Das reicht gerade einmal, einen Teil zu reparieren, allem voran die Fenster, die kaputt sind“, meint Abdulbasit, der selber mit anpacken kann – er ist Schreiner. Doch seine Werkstatt wurde vernichtet. Und neue Arbeit hat er bislang nicht gefunden.

Der IS hatte die Eltern und ihre fünf Kinder aus dem Haus vertrieben, um es als eigenen Fluchtort zu nutzen. „Sie fuhren mit zwei Autos vor, waren sehr aggressiv. Wir flohen nur mit dem, was wir am Leib hatten“, berichtet die Mutter. Sie landeten in einem der zahlreichen Camps rund um Mossul im kurdischen Gebiet. Als die Stadt im Sommer 2017 befreit wurde, zog die Familie zunächst zur Miete in den weitgehend unversehrten Osten der Stadt. „Wir hätten auch im Lager bleiben können, aber das wollten wir nicht“, meint der Vater. Zurück ins eigene Heim im zerstörten Westteil Mossuls war aber noch unmöglich: „Es gab kein Wasser, keinen Strom, und überall lagen Minen und Sprengkörper herum.“

So lebten Saná und Abdulbasit monatelang zwar nur zwei Kilometer Luftlinie vom eigenen Haus entfernt – und trotzdem unerreichbar. Der Vater: „Wir wurden regelrecht depressiv und krank von diesem Zustand. Wie sollten wir das alles den Kindern erklären?“ Die waren nach drei Jahren ohne Schule ohnehin „völlig durcheinander“, so die Eltern.

Der erste Schritt ist für diese Familie, so wie für viele andere auch, jetzt getan. Zurück ins eigene Haus, so zerstört es auch sein mag. Eine Perspektive sehen diese Rückkehrer deswegen noch nicht: „Das einzig Gute an der Situation ist, dass die Kinder wieder zur Schule gehen können und wir Wasser haben“, resümieren die Eltern. Sie lassen keinen Zweifel: Eine Flucht nach Deutschland kommt für sie trotz allem nicht in Frage: „Die Kinder sind unsere Zukunft – und die sehen wir hier, in unserer Heimat“, sagen Saná und Abdulbasit mit Nachdruck. Securitychef Zedan drängt wieder zum Aufbruch.

Lesen Sie die nächste Folge unserer Unicef-Serie „SOS aus den Trümmern“ am kommenden Montag, 10. Dezember.

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