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Juba: Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Sauberes Wasser gegen Cholera

Juba : Unicef-Aktion „Wir wollen leben“: Sauberes Wasser gegen Cholera

Gurgelnd jagt das dreckige Nilwasser durch meterdicke Rohre den Hang am Ufer hinauf, hinein in chemisch angereicherte Filterbecken. Die Luft ist feucht und heiß. Die Pumpen zischen, drei Generatoren rattern. Sie treiben das Wasser an, das schließlich in mehreren flachen Betonbecken durch Sand und Stein hindurchfließt und sich dabei noch einmal selbst reinigt.

„Das Wasser soll heute 300.000 Menschen erreichen, das sind für jeden von ihnen 20 Liter“, benennt Unicef-Mitarbeiterin Angela Griep das Tagesziel in einem Land, das keinen versorgenden Staat kennt.

Mit gelben Kanistern holen die Dorfbewohner sich Wasser am Brunnen. Viele Menschen im Südsudan müssen dagegen dreckiges Wasser trinken. Foto: Silke Fock-Kutsch

Wir stehen am Rande der südsudanesischen Hauptstadt Juba unter prachtvollen Mangobäumen an diesem maroden Wasserwerk. Von hier aus bekämpft Unicef eines der verheerendsten Probleme des Südsudan — die Knappheit an sauberem Trinkwasser. Nur 40 Prozent der Bevölkerung haben Zugriff darauf. Die meisten trinken schmutziges Wasser, zumeist aus dem Nil, sie kochen und waschen auch damit.

Wie etwa Viola Kejy, Mutter von drei Kindern, die wir an einer der vielen grünen Uferlungen des Nils treffen. „Meine drei Söhne (8, 14 und 17 Jahre) sind mit Krankheiten groß geworden, aber sie leben alle“, berichtet die 44-Jährige, die auf das verschmutzte Wasser des Flusses angewiesen ist. „Auf dem Markt bekomme ich manchmal, aber nicht immer, Wasserreinigungstabletten“, sagt sie — und bittet verzweifelt: „Dieses Land braucht Hilfe. Menschen wie wir haben nichts, kein Wasser, keine Nahrung, keinen Strom.“

Das hat Folgen, erklärt Angela Griep. „Seit Jahren breitet sich aus all diesen Gründen Cholera aus“, sagt sie. Der Krankheitserreger bedeutet für unbehandelte Betroffene den sicheren Tod. Bei Pest und Pocken können die Menschen nur in Quarantäne gerettet werden. Erschwerend kommt die schlechte Hygiene des täglichen Lebens in Armut und Krieg hinzu: 75 Prozent der Menschen verrichten ihre Notdurft unter freiem Himmel.

Bewahrung des Lebens

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen bezahlt im Wasserwerk den Diesel für die Generatoren und die reinigenden Chemikalien. Es sind Spendenmittel zur Bewahrung des Lebens. Nicht mehr. Nicht weniger. Draußen vor den Toren des Werkes fahren fortwährend blaue Laster unter meterhohe Rohre, die wie Straßenlaternen aussehen und durch die das Wasser direkt in den Tank der Lastwagen fließt.

Im 15.000-köpfigen Flüchtlingscamp scharen sich derweil vor allem Kinder mit hunderten gelben Kanistern um 24 Wasserstellen, wenn die Laster nahen. Die Truckfahrer klettern auf brüchigen Leitern mit nur wenigen Stufen hoch zum sechs Meter hohen Wassercontainer und lassen über einen Schlauch das „flüssige Gold“ hinein. Um die daran angeschlossenen Brunnen herum, spielt sich allerorts ein lautstarkes Tohuwahobu ab. Es hat angefangen zu regnen, schnell verwandelt sich die Erde in Matsch.

Derweil fällt uns ein Mädchen ins Auge, das ungerührt im strömenden Regen steht und darauf wartet, ihren Eimer zu füllen. Sie wirkt zierlich, schüchtern. Wir kommen in Kontakt, sie heißt Niyamai und ist sechs Jahre alt. Wir folgen ihr nach Hause, durch ein Labyrinth an engen Gassen zwischen Behausungen aus Wellblech, Planen oder Holzplanken.

Das „Elternhaus“ der Kleinen hat sogar zwei aufgebockte Matratzen, ein paar Querstreben halten auf rund acht Quadratmetern Kartonagen und Spanplatten zusammen. Niyamai reicht der Mutter wortlos den Wasserkanister, bevor wir sie, die Oma und eine kleine Schwester kennenlernen: „Alle Männer in unserer Familie leben nicht mehr“, berichtet Mutter Nyajuba. Ihr Mann, ihre beiden Brüder — tot.

Plötzlich ändert sich die Situation schlagartig. „Wir sollten alle weg von hier gehen, ins Auto, auf jeden Fall in Sicherheit“, warnt uns Angela Griep. Fünf bewaffnete Blauhelme haben zwischen uns Position bezogen. „Vor wenigen Minuten hat es hier eine Schießerei gegeben. Wir sind nicht sicher, ob die Situation wirklich aufgelöst ist“, werden wir aufgeklärt. Die ruandischen UN-Soldaten begleiten uns, bis wir später abfahren.

Das Auswärtige Amt warnt

Die Sicherheitslage in den Camps ist oft fragil, zum Teil ethnisch bedingt. Aber auch die „normale Kriminalität“ wie Bandenkriege oder Raubzüge im öffentlichen Raum ist exorbitant. 83 Entwicklungshelfer kamen seit Kriegsausbruch 2013 ums Leben. Selbst in der Hauptstadt Juba geht kein Fremder nach Dämmerung mehr auf die Straße. Das Auswärtige Amt warnt in jeder Hinsicht davor, das Land zu besuchen, „eine Durchquerung“ sei „nicht gefahrlos möglich“.

Derweil erreichen wir über ausnahmslos holprige Pisten ein von Unicef unterstütztes Teacher Hospital in Juba, in dem die Opfer des schmutzigen Wassers liegen — Cholerakranke. Nachdem wir unsere Schuhe desinfiziert haben, dürfen wir die Quarantäne-Station in einem überdachten Innenhof betreten. Auf Anhieb ist spürbar, in welchem Zustand diese Menschen sind. Insgesamt liegen hier elf Frauen, Männer und Kinder auf kargen Pritschen, deren Kunststoffauflage in Höhe des Hinterteils ausgeschnitten ist, darunter steht ein Eimer.

Unter denselben Bedingungen, etwas abseits, entdecken wir die sechsjährige Ashon. Auch bei ihr war die Diagnose nach einer Stuhlprobe zweifelsfrei: Cholera! „Ja, wir haben manchmal das Wasser aus dem Fluss nicht abgekocht“, sagt Vater Peter, ein Soldat. Seit drei Tagen erhält seine Tochter das Präparat ORS, um die Feuchtigkeitsbalance im Körper wieder herzustellen. Das Mädchen war völlig dehydriert. „Am Wichtigsten ist, dass die starken Flüssigkeits- und Salzverluste ersetzt werden. Das können wir in ganz schweren Fällen auch als Infusion handhaben“, sagt der diensthabende Arzt Dr. Brian Mamur.

Der 40-Jährige berichtet vom Krankheitsverlauf, der in der Regel sechs Tage dauert — wenn die Patienten die ersten 24 Stunden überleben! „Das ist die schwerste Phase. Die Ausscheidung liegt da pro Stunde bei bis zu einem Liter wässrigem Stuhl“, sagt Mamur. Es gebe auch Fälle, „in denen Patienten innerhalb von wenigen Stunden der Cholera erliegen“.

Alle Kranken werden über die Therapie hinaus für die Zukunft im Umgang mit Choleragefahren geschult. „Ich habe mein Haus bereits vollständig desinfiziert“, berichtet Peter. Außerdem wisse er jetzt, „dass wir nicht nur das Wasser abkochen, sondern auch den Deckel darauf halten müssen, damit kein Ungeziefer oder Schmutz reinfällt“. Auch davon kann ein Kinderleben im Südsudan abhängen.