Unicef-Aktion „SOS aus den Trümmern“: Rückkehr in die Geisterviertel von Mossul

Unicef-Aktion „SOS aus den Trümmern“ : Rückkehr in die Geisterviertel von Mossul

Die nordirakische Stadt Mossul ist inzwischen vom IS befreit, doch für die Menschen gestaltet sich der Alltag nach wie vor schwer. Mit „SOS aus den Trümmern – Helft den Kindern von Mossul“ startet am Samstag unsere neue Unicef-Weihnachtskampagne.

Können Wände bluten? Die im Wohnzimmer der Familie von Baas Ahmad (39) ganz sicher – bildlich gesprochen. Aufgerissen in scharfkantigen Zacken, brüchig, der Putz von einer gewaltigen Explosion verkohlt. Ein banger Blick zur Decke hier im Erdgeschoss des dreistöckigen Hauses. Sie ist nicht herunter gekommen, obwohl die Granaten die beiden oberen Etagen zerstört haben – so wie auch die Dachterrasse mit Blick auf die einst zauberhafte Altstadt von Mossul.

Erst vor ein paar Tagen, nach Ende der Minenräumarbeiten in ihrem Viertel, ist Baas Ahmad mit seiner Familie heimgekehrt, er war auf der Flucht bei Verwandten untergekommen. Sein Zuhause hat sich jetzt auf 40 Quadratmeter im Parterre reduziert. „Uns allen ging es vor der IS-Zeit so gut“, erzählt der 39-Jährige: „Wir hatten ein Auto, ein wunderbares Haus, auf der Terrasse haben wir gegrillt, mein kleiner Supermarkt lief gut.“

Quer durch das verräucherte Wohnzimmer der Familie Ahmad führt eine Leine von einer aus den Angeln hängenden Luke zu den Resten eines Motorrads, das immer noch nicht weggeräumt ist. Wäsche baumelt an der Leine. Der weiße Drei-Flammen-Herd mittendrin, an einem schmalen Mauergerippe aufgebockt, wirkt fast unnatürlich neu. „Immerhin kann uns meine Frau Fladenbrot machen“, sagt der Vater von fünf Kindern.

Eine Zeitenwende

Als Abu Bakr al-Bagdadi, der Führer des sogenannten Islamischen Staates (IS), am 14. Juni 2014 in der benachbarten Al Nuri-Moschee das Kalifat ausrief, war das nicht nur für Baas Ahmad eine Zeitenwende.

Ein paar Hundert Meter weiter treffen wir auf die 42-jährige Khauda Abdullah, die ihre Kinder während der gesamten Besatzungszeit des IS zu Hause eingesperrt hatte. „Sie sollten in keine IS-Schule gehen, und sie sollten die Gräuel auf offener Straße nicht erleben“, berichtet uns die Mutter. Also blieben die Söhne Ali Ahmed (12), Obaid (9) und Tochter Ala (10) in der rund 60 Quadratmeter kleinen Wohnung. Unfassbare drei Jahre lang.

Ein wenig Alltag: Der zwölfjährige Ahmed (l.) zeigt seiner Mutter Khauda Abdullah und den Geschwistern das Bild einer Friedenstaube, das er in der Schule gemalt hat. Foto: Silke Kutsch

Als sich Khaudas Ehemann Mohamed als Liegenschaftsbeamter der Stadt Mossul weigerte, dem IS Geländeflächen abzutreten, „haben sie ihn regelrecht in den Tod getrieben“, erinnert sich die Frau. Dann schweigt sie. Bevor sie mit leiser Stimme fortfährt: „Sie haben ihn ständig angerufen, waren hier zu Hause, haben ihn bedroht“, so Khauda. „Als die Kämpfer auch noch Gewalt gegen die Kinder androhten, waren seine Kräfte am Ende.“ Ende November 2015 lag der bis dahin gesunde, erst 40-jährige Mann tot auf seiner Schlafdecke auf dem Boden – vermutlich gestorben an einem Herzinfarkt.

Tötungen auf offener Straße

Immer wieder schüttelt Khauda den Kopf, als sei das alles nicht wahr, was sie hat erleben müssen. Mit fast schlechtem Gewissen begründet die Mutter, warum sie die Kinder so lange eingesperrt hat: „Ich bin ja auch selber kaum raus gegangen in dieser Zeit. Die Nachbarn erzählten von den ständigen Tötungen auf offener Straße.“ Einmal zum Beispiel habe sie einen Termin beim Arzt gehabt und auf dem Weg dorthin erleben müssen, „wie zwei Männer Rücken an Rücken gekreuzigt wurden“, berichtet Khauda. Auch der Druck auf sie als Frau sei extrem gestiegen: „Die Kleider sollten immer weiter und länger werden, die Hände bedeckt, das Gesicht verschleiert.“

An tobende Kinder in der Wohnung, „die ständig draußen spielen wollten“, erinnert sich Khauda. Nicht mal Fernsehen war möglich, weil alle Satellitenschüsseln beschlagnahmt wurden – ebenso wie die Handys. Hinzu kam, dass ausgerechnet in Khaudas Vorgarten der Eingang zu einem Tunnelsystem des IS existierte, durch das die Terroristen ganze Stadtviertel queren konnten. Was zur Folge hatte, dass die Dschihadisten zuweilen Betten und Toilette der Familie nutzten. Ein zermürbender Alltag für die Mutter: „Diese drei Jahre waren die Hölle“, sagt Khauda.

Dass ihr kleines, rosarot getünchtes Haus in diesem einst ruhigen Wohnviertel der Trümmerstadt Mossul weitgehend unbeschädigt blieb, führt sie darauf zurück, „dass wir am Tunneleingang natürlich Geiseln des IS waren und die Armee dies wusste“. Schwer zu glauben. Für derartige Rücksichtnahme waren die „Befreier“ nicht gerade bekannt.

In Schläferzellen vereint

Die radikal-islamistische Terrormiliz gilt heute zwar militärisch als besiegt – dennoch ist sie in Mossul weiterhin präsent. Viele Sympathisanten leben inkognito unter dem Deckmantel einer unauffälligen Vergangenheit, andere haben sich in Schläferzellen vereint und sind nach wie vor zu Anschlägen bereit. Es passiere jeden Tag etwas, sagt Zedan Hussein, der als Security-Chef von Unicef Irak für unsere Sicherheit verantwortlich ist.

Wir Reporter werden von zwei Militärwagen begleitet, die mit vier Soldaten besetzt und mit Granaten ausgestattet sind. Der Personenschutz ist engmaschig. „Wir können an keinem Punkt länger als 30 Minuten verweilen“, ist die Maxime des 34-jährigen Hussein. „Wir dürfen niemandem Zeit lassen, etwas vorzubereiten“, begründet er die Maßnahme. Der Unicef-Fahrer fährt uns in einem gepanzerten Toyota durch die Gegend – vorsichtshalber ohne UN-Schriftzug. Dafür aber mit Notausstieg im Dach, Verbandskasten vor jedem Sitz und der Direktive von Zedan: „Bitte nicht anschnallen! Wenn etwas passiert, ist es besser, so schnell wie möglich aus dem Auto raus zu sein.“

Eine reale Apokalypse

Jeden Tag fahren wir die 70 Kilometer von Mossul ins Hotel nach Dohuk, einer kurdischen Universitätsstadt im Dreiländereck von Syrien, Irak und Türkei. Brenzlige Situationen gibt es viele für die Pendler auf der Nationalstraße – im Straßenverkehr ohne jedwede Regeln, an den sechs Checkpoints mit willkürlich agierenden Uniformierten, auf Plätzen und an Straßenrändern, an denen sich Menschen sammeln und Gefahr laufen, zum Opfer von Selbstmordattentätern mit Sprengstoffgürteln oder von Autobombenanschlägen zu werden.

„Wie jüngst vor ein paar Tagen“, berichtet Zedan, als wir mit Blick auf öde Steppe und stählerne Gerippe von Stromträgern einen Haufen Mauerreste und abstrus deformierte Rohre jenseits der Schnellstraße passieren: „Genau hier starben vor ein paar Tagen acht irakische Soldaten, die Kanalarbeiten bewacht haben.“ Wenig später fahren wir über die provisorisch passierbare Brücke des Tigris und haben wieder freien Blick auf den Westteil von Mossul, auf ein Sodom und Gomorrha der Neuzeit.

Vom Alltagsleben sind die Geisterviertel noch weit entfernt

Hunderttausende Bewohner leben hier in nahezu pulverisierten Geistervierteln. Manche Gebäude haben die tragenden Mauern verloren und sind wie tot zur Seite gekippt. Zwischen den Trümmern finden sich Autoreifen, Kühlschränke, Uniformen, Kindersandalen. Musik oder Vogelgezwitscher wollen nicht in diese gespenstische, aber reale Apokalypse passen, die von einem Alltagsleben noch weit entfernt ist – auch wenn der 36-jährige Abu Zayn gegenüber der Al Nuri-Moschee unter freiem Himmel einen Kebab-Grill kreisen lässt. „Komm, ich lade Euch ein“, ruft er, während sich die Mimik unseres Sicherheitschefs verfinstert: „Wir müssen weiter.“

Unser Reporter Manfred Kutsch berichtet aus Mossul

Gespräche werden selten zu Ende geführt. Der ständige Zeitdruck, die misstrauischen Blicke nach links und rechts. In der Bevölkerung staut sich inzwischen spürbar pure Wut auf. Auf den als korrupt geltenden Provinzgouverneur Nawfal Hammadi, dem vorgeworfen wird, Gelder für den Wiederaufbau verschwinden zu lassen und Günstlinge zu bedienen. Wut auf die schiitisch geprägte Regierung in Bagdad, von der sich die sunnitischen Landsleute im Norden schon immer vernachlässigt fühlten. Wut auch auf die Amerikaner, die Mossuls Altstadt zwar in Schutt und Asche legten, aber mit der Aufbauhilfe nichts zu tun haben wollen. Von der Wut auf den immer noch unterschwellig präsenten IS ganz zu schweigen. Allerdings mit Angst vermischt. „Noch trauen sich viele nicht, in der Öffentlichkeit zu rauchen oder ihre Bärte kürzer schneiden zu lassen“, weiß Zedan Hussein. Selbst viele Mädchen laufen mit Kopftuch herum, „nur weil sie Angst vor Strafen haben“.

Zu Recht warnte Entwicklungsminister Gerd Müller im vergangenen April bei einem Besuch in Mossul: „Keine andere Stadt hat mehr unter dem IS-Terror gelitten als Mossul. Wir dürfen mit unserem Engagement nicht nachlassen, damit der Terrorismus nicht wieder Fuß fassen kann.“ Auch die Bundesregierung fördert den Neuaufbau des Schulwesens.

Neue Perspektiven

Bildung gilt unter solchen Umständen als wichtigstes Bindeglied zu einer menschenwürdigen Zukunft – für Familien wie die von Baas Ahmad und Khauda Abdullah allemal. „Seitdem Unicef unseren Kindern wieder einen Unterricht ermöglicht, sehen wir trotz allem endlich Perspektiven“, sagen beide Eltern. Der Vater von Hala (12), Ola (10), Nur (6), Rasan (3), Shaima (2) und Abdul (1) hat inzwischen einen kleinen Kredit aufgenommen und in der Nähe einen Kiosk eröffnet. „Natürlich wollen wir als erstes zumindest unser Wohnzimmer wieder herrichten“, sagt er.

Nachbarin Khauda hat mit Hilfe von Freunden in ihrem Hof den Tunneleingang des IS zugemauert. „Ich habe nie mehr jemanden von denen gesehen“, sagt sie. Vor ihrem Abzug im Juli 2017 hätten die Milizionäre noch einmal Angst und Schrecken verbreitet: „Sie fuhren mit Motorrädern durch die Straßen und schossen grölend in die Luft.“ Khauda sagt, sie selber sei ja Muslimin: „Aber was diese Terroristen im Namen ihres Glaubens gemacht haben, das steht in keinem Buch.“

Vier Jahre Kindheit verloren

Dann lächelt sie. Weil ihre Kinder sie dazu animieren. Ahmed hat in der Schule eine Friedenstaube gemalt und zeigt sie der Mutter stolz – mitten auf der Straße, auf der wir uns begegnen. Seine Geschwister springen ausgelassen um ihn herum. „Die Kinder haben jetzt wieder Freundinnen und Freunde, sie sind wieder frei“, sagt Khauda. Fast vier Jahre Kindheit haben Ala und die beiden Brüder verloren. Niemand kann sie ihnen zurückgeben – jeder aber auf ihren Notruf reagieren: „SOS aus den Trümmern.“