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Flüchtlingsfamilien in Athen: Ohne Obdach, ohne Hoffnung

Flüchtlingsfamilien in Athen : Ohne Obdach, ohne Hoffnung

Auch auf dem griechischen Festland erwartet die Flüchtlinge kein neues Zuhause. Von Begegnungen mit Familien auf dem Victoria Square von Athen, einem Sehnsuchtsort ohne Perspektive.

„Welcome in my home“, „willkommen in meinem Zuhause“, sagt der 30-jährige Akbar. Er lächelt ein wenig bitter und zeigt auf drei prall gefüllte Mülltüten mit seinen letzten Habseligkeiten. Daneben liegen zwei Decken, die eine rot, im Schatten liegend, die andere grün gemustert, von Sonnenstrahlen gestreift – das Lichtspiel eines Bitterorangenbaum am Viktoria Square von Athen, nur drei Kilometer von der Akropolis entfernt. Akbars neues Zuhause ist umtost vom Autoverkehr. Und doch ist es nach Folter, Bedrohung und monatelanger Flucht eine neue Heimat. Erst Lesbos, jetzt Athen – auf dem von den Insel-Flüchtlingen so begehrten Festland.

Nur trügerisch wirkt der Baum wie ein Schutz für die Familie des ehemaligen afghanischen Soldaten, seiner Frau Manisha (25) und den Kindern Bakdash (5) und Mashda (4). „Nachts werden wir oft von Drogenabhängigen bedroht – oder der Polizei, die den Platz immer wieder räumt.“ „Ich schlafe nur wenig“, sagt Akbar.

Erst jüngst wieder haben die Ordnungskräfte eingegriffen, rund 400 Flüchtlinge wurden nach „Eleonas“ deportiert. Ein hoch umzäuntes Camp in einem Industriegebiet der Sechs-Millionen-Metropole. Auch Athen befindet sich im Lockdown. Die Stimmung ist gereizt, nachdem auch ein Fußballplatz mit Baracken ausgestattet wurde und das Lager mit 2700 Personen um 900 überbelegt ist.

Seit Sommer 2015 hat sich der Victoria Square zur Anlaufstelle der Flüchtlinge entwickelt. Dafür gibt es viele Gründe: Die Maulbeerbäume spenden Schatten, zudem hat der Platz einen U-Bahn-Anschluss und ist im Umfeld auf Migranten ausgerichtet: Kleine Läden bieten Mobiltelefone, SIM-Karten, billige Kleidung und Koffer an. Und die Caritas Pakistan bringt ab und an Essbares.

Das einst pulsierende Stadtviertel Vathis rund um den Platz leidet schon lange. Bis in die 1980er hinein galt das hippe Quartier als Schwabing von Athen. Intellektuelle, Künstler und Theaterleute waren hier zu Hause, dann kam die Luftverschmutzung. Wer es sich leisten konnte, zog weg in die Vororte, es blieben die sozial Schwachen.

„Die Behörden haben vor vielen Jahren begonnen, den billig gewordenen Wohnraum an Migranten zu vermieten, hier will kein Athener mehr leben“, sagt unser Taxifahrer Michalis Zisis – und zeigt, was er meint. Überall verriegelte Läden, zerbrochene Fenster, herumfliegender Müll, Drogendealer an den Ecken, Prostituierte mit ausgemergelten Gesichtern inmitten von Motorengeheul und Hupkonzerten. Allerorts Menschen auf der untersten Sprosse des Lebens, zusammengekauert in Hauseingängen, erschöpft auf Parkbänken liegend.

Der nie versiegende Zustrom der Hoffnungslosen dieser Welt hat das Vathis-Quartier dem bürgerlichen Leben der Hauptstadt förmlich entrissen. Und so weiß auch die Familie unter dem Bitterorangenbaum, „dass wir hier nicht gewollt sind“. Aber wohin? Seit vier Wochen campieren Akbar und Mainischa hier mit ihren Kindern, nachdem sie der Hölle des Lagers Moria auf Lesbos entkommen waren. „Dort waren wir ein halbes Jahr, bis kurz vor dem Brand“, berichtet der Vater.

Ihre Dokumente sind seit der Odyssee ihrer Flucht unvollständig, ein erfolgreicher Asylantrag erscheint hoffnungslos. „Von bis zu zwei Jahren Dauer der Bearbeitung war bei den Behörden die Rede“, erinnert sich der Vater.

Erregt mischt sich ein junger Mann ins Gespräch, der interessiert zugehört hat – Arian, 16 Jahre alt, er campiert mit seiner Schwester Eria (17) und Mutter Mahboobo gleich neben Abkar und seiner Familie. Es bricht förmlich aus ihm heraus: „Wir sind hergekommen, um unser Leben zu retten, weil wir in Afghanistan nicht sicher sind. Unser Problem ist, dass wir in Europa, in Griechenland aufgenommen wurden, aber keine Unterkunft bekommen. Wo sollen wir hin?“

 Der 16-Jährige Arian campiert mit seiner Schwester Eria (17, links) und Mutter Mahboobo gleich neben Abkar und seiner Familie.
Der 16-Jährige Arian campiert mit seiner Schwester Eria (17, links) und Mutter Mahboobo gleich neben Abkar und seiner Familie. Foto: Silke Fock-Kutsch

Die Stimmung von fassungsloser Enttäuschung grassiert im Umfeld wie ein Virus und kippt in pure Verzweiflung. Lautes Schluchzen neben uns auf dem Bürgersteig unterbricht Arians Redefluss. „Ich habe drei Kinder! Wo ist mein Mann? Ich kann nicht mehr“, übersetzt unser Dolmetscher das Weinen einer etwa 35-jährigen Frau. In völlig aufgelöstem Zustand lernen wir Sakia Nuri kennen, ebenfalls Afghanin. Ihr fließen Bäche von Tränen in die weiße Gesichtsmaske. Was ist passiert?

Nuri berichtet von ihrem Mann, der vor zwei Wochen „aus unserem Lager am Rande der Stadt krank in ein Hospital kam“. Seitdem scheint die griechische Metropole sein Schicksal verschluckt zu haben. Es bleibt eine böse Ahnung: „Ich habe große Angst, dass er tot ist.“ Ein Freund habe ihr am Handy von „bad news“ erzählt.

 Eine Frau ohne Papiere sucht ihren Mann ohne Papiere: Sakia Nuri.
Eine Frau ohne Papiere sucht ihren Mann ohne Papiere: Sakia Nuri. Foto: Silke Fock-Kutsch

„Aber ich weiß nicht, wo er ist und an wen ich mich wenden kann.“ Jetzt weint sie nochmal enthemmt gen Himmel: „Ich kann nicht mehr.“ Eine Frau ohne Papiere sucht ihren Mann ohne Papiere. Sie zeigt uns ihr einziges Dokument – einen abfotografierten Zettel mit zwei für uns unleserlichen Angaben und einer Telefonnummer.

Betroffen verfolgt auch die vierköpfige Familie unter dem Bitterorangenbaum die herzzerreißende Szene. Immerhin sind Manisha und Akbar und ihre Kinder noch zusammen. In der Welt der Entwurzelten von Athen ist das schon eine gute Nachricht.