Unicef-Aktion „SOS aus den Trümmern“: Jeder falsche Schritt kann den Tod bedeuten

Unicef-Aktion „SOS aus den Trümmern“ : Jeder falsche Schritt kann den Tod bedeuten

Fliegerbomben in metertiefen Kratern, nicht explodierte Autobomben, Mörser, Granaten, Sprengstoffgürtel – die nordirakische Stadt Mossul gleicht nach dem militärischen Abzug der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) einem Flickenteppich aus Minenfallen und Blindgängern.

Wer genau hinschaut, erkennt kaum sichtbare feine Drähte, Schalter und Zünder, die auf bis zu fünf Meter lange Trittleisten montiert sind – im Schutt sind diese perfiden Konstruktionen nicht zu entdecken, die bei jedem falschen Schritt eine Explosion auslösen und den Tod bedeuten können.

„Jeden Tag kommt es zu Zwischenfällen, vergangene Woche hat es in einem Vorort der Stadt zwei Kinder getroffen. Sie waren gerade einmal acht und zwölf Jahre alt“, sagt Dawoud Sahim, Teamchef beim UN-Minendienst UNMAS (UN Mine Action Service). Mit neun Räumtrupps beseitigten die Männer allein im ersten Halbjahr 2018 rund 33.500 explosive Gefahren, darunter allein 610 Sprengstoffgürtel. „Etwa 300 der Gürtel mussten wir von den Leichen der IS-Kämpfer entfernen und entschärfen“, berichtet der Experte Sahim.

Nur auf öffentlichem Gelände

Noch räumen die insgesamt neun UNMAS-Teams ausschließlich auf öffentlichem Gelände, vor allem dort, wo es um die Wiederherstellung von Wasser- und Stromversorgung und um den Zugang zu Schulen oder medizinischer Hilfe geht. „Das alles hat zunächst Vorrang, bevor wir auf privatem Gelände räumen“, sagt Sahim, der von seiner Familie immer wieder gebeten wird, „dass ich mit diesem Job aufhöre“. Der 41-jährige Familienvater telefoniert täglich mit seiner Tochter, um sie zu beruhigen: „Sie macht sich immer Sorgen.“

Große Ausbeute: Ein Minenräumer zeigt die Hinterlassenschaften der Terrormiliz, die sein Team unter Schutt und Geröll gefunden und entschärft haben. Foto: Silke Fock-Kutsch

Wir stehen auf einem Industriegelände nahe des ehemaligen Fußballstadions von Mossul. Die Trümmer vor uns sind die Ruinen der Tribüne. Das Stadion war im Jahr 2015 Ort einer besonders infamen Hinrichtung. Die Schergen des IS hatten verboten, das Spiel des Irak im Asien-Cup gegen Jordanien im Fernsehen zu schauen, da der Fußball „eine westliche Idee“ sei. Die Terrormiliz ging an jenem Tag in öffentlichen Bars Kontrolle und erwischte 13 Jungen im Alter von zwölf bis 15 Jahren beim Fußballschauen. Sie alle wurden in dieses Stadion geschleppt, über Lautsprecheranlage angeklagt und anschließend erschossen. Der Rädelsführer der Exekution soll deutsch gesprochen haben.

Qualitätssiegel für Landminen

Unweit dieses Ortes befindet sich eine ehemalige Autofabrik, die die Terrormiliz zur Munitionsfabrik umgebaut hat. Hier wurden alle Sorten von Minen und Sprengvorrichtungen hergestellt. Die Terroristen waren sogar in der Lage, Minen ohne Drähte zu produzieren. Die Radikalislamisten bewegten sich dabei technisch – wie auch in der Digitalisierung – auf höchstem Niveau. Der IS vergab sogar Qualitätssiegel für Landminen, berichten uns Experten.

„Die Suche nach den Sprengstofffallen ist ein schwieriges Geschäft“, erläutert Dawoud Sahim. Mehr als eine Fläche von 50 mal 50 Metern sei am Tag nicht zu schaffen. Sein Kollege James Thomas erklärt die Abläufe: „Immer steht ein Rettungswagen bereit, der Sicherheitsabstand zur Räumung beträgt normalerweise rund 100 Meter. Wir setzen zunächst einen gepanzerten Bagger ein, mit dem wir den Schutt abtragen, weil sich verdächtige Gegenstände darin befinden können.“

Gefährliches Spielzeug: In ihrem perfiden Vorgehen haben IS-Kämpfer Puppen mit Sprengstoff gefüllt und damit hingenommen, Kinder zu töten. Foto: Silke Fock-Kutsch

Schließlich gehen vier Männer mit Detektoren und Spaten in einer Linie durch das Areal und suchen nach Munition. Wenn der Schutt als sicher eingeschätzt wird, räumt eine gepanzerte Planierraupe das Geröll weg, und der Ablauf beginnt von vorne.

Scharia-Richter im Gotteshaus

Neun Wochen arbeiten die Teams und dürfen dann drei Wochen nach Hause – berichtet der Engländer Jay Gardner (39), der uns mit seinem Minen-Kommando die geräumten Flächen von zwei benachbarten, 2000 und 400 Jahre alten koptischen Kirchen zeigt. Der IS hat die beiden prachtvollen Kathedralen gesprengt und die Überreste zusätzlich vermint. „Wir haben drei Wochen gebraucht, um beide Gotteshäuser frei von Minen zu bekommen“, sagt Gardner.

Zwischen den Gesteinsbrocken rund um das zusammengestürzte Kirchenschiff finden wir einzelne Blätter aus Gebetsbüchern – aber auch verdreckte Sessel, auf denen die „Allmächtigen“ des Scharia-Gerichtes saßen, das in beiden Gotteshäusern seine mittelalterlich anmutenden Urteile fällte. „Die Exekutionen, Auspeitschungen und Amputationen wurden schließlich auf dem Vorplatz direkt vollstreckt“, weiß Gardner. „In der einen Kirche wurden die Männer abgeurteilt, in der anderen die Frauen“, berichtet der Minenräumer. Wochenlang mussten die Angeklagten zum Teil auf ihr Urteil warten – in kahlen Zellen ohne jedes Mobilar, gleich in einem Nachbarhaus der Kirchen.

Minenkurs der UNMAS: Trainer Husam Hasem warnt die Mädchen und Jungen davor, unbekanntes Spielzeug mit nach Hause zu nehmen. Foto: Silke Fock-Kutsch

Die beiden UNMAS-Mitarbeiterinnen Sara Nashwa (29) und Shara Nufal (25) begleiten uns auf unser Tour durch die Stadt nicht ohne Grund. Die beiden Frauen besuchen regelmäßig Familien, um deren Kinder über die Minengefahren aufzuklären. „Die Kinder wissen schon meistens intuitiv, was gefährlich ist. Aber die Eltern haben natürlich Angst, wenn die Kinder draußen sind“, sagen sie wie aus einem Mund. Ständig bei sich haben die beiden Mitarbeiterinnen der Vereinten Nationen Poster und bunte Broschüren, mit denen sie Gefahrenquellen eindringlich erläutern können.

Rund 20 Kinder besuchen heute einen von UNMAS unterstützten Minenkurs, dessen Coach Husam Hasem gleich zu Beginn die Mädchen und Jungen mit besonders gefährlichen Sprengfallen bekannt macht, die der IS hinterlassen hat – harmlos aussehende Puppen und Teddybären, die im Inneren aber mit Dynamit versehen sind.

Der 25-jährige Minenpädagoge legt die vermeintlichen Schmusetiere auf den Boden, um die Wirklichkeit nachzuahmen. „Was macht Ihr, wenn Ihr eine solche Puppe oder Bären auf der Straße oder im Schutt liegen seht?“, fragt er die Mädchen und Jungen. Er sieht in verdutzte Gesichter. Dann zeigt Husam Hasem ihnen ein großes Foto mit zerfetzten Puppen: „Seht her, da war Sprengstoff drin. Ihr lasst so etwas liegen, wenn Ihr es seht, nicht anfassen!“

Der UN-Mitarbeiter schiebt noch einige Fragen hinterher, hält ein rotes Warnschild und fragt in die Runde: „Was bedeutet das?“ Sechs Hände schnellen hoch – der Ruf „Gefahr“ kommt wie aus einem Mund. Der Lehrer hakt nach und deponiert sein Handy auf dem Boden. „Was macht Ihr, wenn Ihr ein Smartphone findet?“ Die Kinder ahnen es schon: „Liegenlassen“, erschallt es im Chor.

Unfassbare zehn Millionen Tonnen Schutt, so rechnen Experten vor, haben sich in der Altstadt mit Sprengstofffallen vermischt. Es wird Jahre dauern, bis Mossul minenfrei sein wird – vorausgesetzt, die Gelder fließen. Aktuell fehlen der UNMAS-Mission bereits 290 Millionen Dollar für ihre Arbeit.


Lesen Sie die nächste Folge unserer Unicef-Serie aus Mossul „SOS aus den Trümmern“ am kommenden Samstag, 22. Dezember.

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