Aachen/Tacloban: „Haiyan“: Jetzt Angst vor noch mehr Kinderhandel

Aachen/Tacloban : „Haiyan“: Jetzt Angst vor noch mehr Kinderhandel

Das Leiden der Kinder im Katastrophengebiet der Philippinen hat ungezählte Facetten. 1,5 Millionen sind von Hunger und Mangelernährung bedroht, Tausende wurden zu Waisen, andere streunen bis heute unbegleitet durch die verwüsteten Landstriche. Jetzt droht gar eine Verschärfung des Kinderhandels, dessen Drehscheibe der asiatische Inselstaat schon vor „Haiyan“ war.

„Kinder sind bevorzugte Beute von Menschenhändlern, die sie verschleppen, so werden sie oft zu Opfern der Pädophilie und anderer Formen der Ausbeutung. Dies ist eine schreckliche Vorstellung, doch leider sehr realistisch nach Naturkatastrophen“, sagt der irische Missionar P. Shay Cullen. „Angesichts des großen Ausmaßes der Verwüstung wird die Hungersnot und die Unterbringung in Flüchtlingsquartieren wohl über Monate andauern“, so der Priester. Dies begünstige die Aktivitäten der Menschenhändler. „Wir müssen unser Möglichstes tun, um den Handel mit Kindern zu stoppen.“

Therapie mit Traumapuppe: geschändetes Mädchen im von Unicef unterstützten Schutzprojekt „Marilac Hills“. Foto: Silke Fock-Kutsch

Ungezählte Kinder alleingelassen

Fingerzeig bei der Fahndung in Manila: Darlene R. Pajarito (2. v. re.), Executive Officer bei der Task Force Kindesmissbrauch im philippinischen Justizministerium, knackt im Team globale Chat-Rooms von Pädaphilen. Foto: Silke Fock-Kutsch

Auch Unicef schlägt Alarm: „Besonders Mädchen und junge Frauen sind jetzt von sexueller Ausbeutung bedroht. Es gibt Berichte, dass Kinder ohne Eltern in den Evakuierungszentren ankommen, weil diese im Ausland arbeiten oder sie von ihren jobsuchenden Eltern alleingelassen werden“, zeigt die Kinderhilfsorganisation die Gefahr eines rapiden Anstiegs von Kinderhandel auf. Letzte Woche berief das Werk der Vereinten Nationen ein Kinderschutz-Training für Polizistinnen und Sozialarbeiter in Leyte und Tacloban ein.

Unicef ist dem weltweiten Geschäft mit Kindern auf den Philippinen seit langem auf der Spur - mit einer bitteren Erkenntnis: „Die Opfer werden immer jünger“, heißt es in einer Studie des Kinderhilfswerkes. Allein 60 000 bis 100 000 Minderjährige würden sich im asiatischen Inselstaat prostituieren und so zum Opfer sexueller Ausbeutung werden.

Die Haiyan-Krisenregion mit 14 Millionen Betroffenen im Osten des Landes spielt der gängigen Vorgehensweise der Syndikate und Einzeltäter in die Hände, insbesondere auf dem verarmten Land: „Gut organisierte Schlepper versprechen den Eltern in deren Verzweiflung und Armut, dass sie ihrem Kind einen guten Job in der Stadt vermitteln können“, weiß Jesus F. Far, Unicef-Kinderschutzbeauftragter auf den Philippinen.

Besonders aufmerksam sind in diesen Tagen die Leitstellen im Kampf gegen Kinderhandel und —prostitution auf dem Flughafen der Hauptstadt Manila sowie im Justizministerium, wo die humanitäre und von Unicef unterstützte Eingreiftruppe IACAT in Alarmbereitschaft steht: „Gerade bei Evakuierungsmaßnahmen, wie sie Millionen Entwurzelte hinter sich haben, sind die Opfer anfällig“, weiß Darlene R. Pajarito, Executive Officer bei der Task Force Kindesmissbrauch. Erst vor wenigen Tagen griff IACAT sieben Männer und sechs Kinder auf, die angeblich als Landarbeiter angeheuert worden waren.

Wie sehr das miese Geschäft schon vor „Haiyan“ blühte, zeigt dieses Beispiel: „Bei einer Operation in einem Dorf auf der Insel Cebu haben wir im Mai dieses Jahres 8000 Videos und Fotos sicher gestellt und rund 40 missbrauchte Kinder identifiziert“, berichtet Pajarito. Die Spuren von Täter und Opfern führten zum Cyber-Sex. Das pädophile Netzwerk hatte ein Amerikaner geknüpft, der festgenommen werden konnte. Auch die Eltern der missbrauchten Kinder hatten sich zum Teil verstrickt — sie waren von dem US-Bürger geschmiert worden.

Die Gewinne im virtuellen Sklavenmarkt sind gewaltig, in jedem Moment sind nach Angaben von Vereinten Nationen und FBI etwa 750.000 Täter online auf der Suche nach minderjährigen Opfern. Die Organisation „Innocence in Danger“ weiß um „50.000 regelmäßige Konsumenten von Kinderpornographie in Deutschland“.

Neben Armut, Duldung, Sextourismus und zu lascher Strafverfolgung benennt Unicef in der Studie die digitale Technik als eine der Hauptverursacher der Verbrechen an Kindern auf den Philippinen: „Internet und Kommunikationstechniken wie Chatrooms erleichtern die weltweite Verbreitung der Bilder des Missbrauchs und sind damit auch eine neue Form der Ausbeutung“, bestätigt Ermittlerin Pajarito. Die Studie erklärt das simple Prinzip: „Fotos und Videos lassen sich auch von Amateuren und Profis ganz einfach mit Digitalkameras und Mobiltelefonen machen und verbreiten — oft merken es die Opfer nicht einmal.“

„Enorme Gewinnspannen“

Unicef spricht von „riesigen Märkten“ und „enormen Gewinnspannen“. Die Täter seien nicht nur im Ausland zu suchen, sondern auch unter den Filipinos: „Fotos und Filme werden auf den Philippinen produziert, aber zumeist von anonymen Internetcafés aus weltweit vertrieben.“ Es gebe „international agierende Ringe“ mit so schillernden Namen wie etwa „Orchid Club“ oder „Wonderland“.

Das Aufspüren einschlägiger Websites und verdächtiger Geldströme gehört ebenso zum Alltagsgeschäft der IACAT wie die Präsenz auf dem Airport der Hauptstadt, einem Umschlagplatz von Tätern und Opfern im Tohuwabohu von jährlich 28 Millionen Passagieren, wo zuweilen ein waches Kontrollauge spektakuläre Einzelfälle heraus filtert: „In einem Fall wurde uns von einem Menschenhändler vorgetäuscht, dass neun junge Nonnen nach Malaysia ausfliegen wollen“, nennt IACAT-Chef Joanathan B. Lledo ein Beispiel.

Dann aber fiel der geschulten Flughafen-Security auf, dass einige der schwarz verhüllten jungen Mädchen lackierte Fingernägel hatten. Ergebnis der aufkommenden Skepsis: Sie waren alle verkleidet, alle minderjährig. Werden Sextäter einmal gefasst, drohen ihnen auf den Philippinen härteste Gesetze, oft 30 Jahre Haft, lebenslänglich bis hin zur Todesstrafe.

„Aber die Dunkelziffer ist gewaltig. Die meisten Verbrechen werden nicht angezeigt, weil die Kinder sich nicht trauen, die Familien den Täter vielfach kennen und die Korruption im Land immer noch weit verbreitet ist“, weiß Ermittler Lledo. Als korrupt gelten nicht nur Teile der Polizei, sondern auch der Banken, „die Zahlungen von über 10 000 Euro überwachen sollten, dies aber oft nicht tun“, so die Ermittler über die „tägliche Geldwäsche in diesem Business“. Um welche Größenordnungen es dabei geht, macht ECPAT, die Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder, deutlich: Die Organisation taxiert den weltweiten Umsatz mit Kinderpornografie und Kinderprostitution auf zwölf Milliarden US-Dollar.

An den Flughäfen kämpfen Sicherheitskräfte und NGO´s Seite an Seite. Nichts ist den Jägern der Menschenhändler fremd — auch nicht deren falsche Altersangaben ihrer Begleiter. „Das finden wir anhand der Zähne und Knochen schnell heraus“, berichtet Lledo. Fündig werden die Ermittler auch, „wenn ein Dokument fehlt, es erkennbar gefälscht ist oder Grund der Reise oder die Beziehung zur Begleitperson nicht klar wird“.

Kindgerechte Verhörräume mit Videotechnik stehen zur Verfügung: „Es bringt ja nichts, Kinder von Richtern oder Staatsanwälten vernehmen zu lassen, die einschüchternde, lange Roben tragen“, so Lledo, ein untersetzter, temperamentvoller Mann, dessen Stimme automatisch laut wird, wenn er mit den Armen fuchtelnd „von diesen Drecksäcken“ spricht und wutentbrannt mit Kreide eine Tafel traktiert, um die Wege der illegalen Migration aus entlegenen Armutsregionen Asiens in die urbanen Zentren von Hongkong, Japan, Australien, USA und Europa nach zu zeichnen.

Der Blick in die rund 8000 Quadratmeter große, restlos überfüllte Abfertigungshalle des Flughafens Manila macht deutlich, dass IAACAT wie nach Nadeln im Heuhaufen fahndet. Dennoch: „Wir kommen im Monat zu 15 bis 20 Festnahmen im Menschenhandel“, lässt sich ein Mann wie Lledo nicht entmutigen. Aber auch im Land selber erscheint der Feind übermächtig: Bei den bis zu 100 000 in der Sexindustrie missbrauchten Minderjährigen sind nicht die ungezählten Kinder eingerechnet, die als Haushaltshilfen versklavt sind und vielfach missbraucht werden. „Das ist dann der gute Job, den die Händler den arglosen, unter großem Armutsdruck stehenden Eltern, versprochen haben“, merkt Officer Parajito zynisch an.

„Plan international“ konzentriert sich im Kampf gegen Kinderhandel auf Hafenstädte, häufige Umschlagplätze des Geschäftes mit Kindern. Plan klärt Händler, Zollbeamte, Polizisten und Schiffsbesatzungen auf. Auf den betroffenen Haiyan-Inseln Samar und Leyte wurden Helpdesks eingerichtet, um befreiten Kindern und Frauen eine erste Anlaufstelle anzubieten. „Gruppen von fünf, sechs Mädchen, die sich absondern und mit niemandem reden, sind immer verdächtig“, erklärt Plan-Sprecherin Shirley Bastero.

„Das öffentliche Bewusstsein für Kinderhandel ist gering“, klagt Ermittlerin Pajarite. Prostitution ist als Hinterlassenschaft der 1992 abgezogenen amerikanischen GIs im Alltag des Landes verwurzelt, die Verlockung des schnellen Geldes groß — insbesondere bei den 40 Prozent der knapp 100 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung, die bereits zu Zeiten vor „Haiyan“ in Armut lebte, darunter die Hälfte von weniger als einem Dollar. Die Sorge ist groß: Unter den 14 Millionen Opfern des Tropensturms hat sich die Zielgruppe der Kinderhändler um ein vielfaches vergrößert.