Unicef-Aktion „SOS aus den Trümmern“: Ein Wimpernschlag zwischen tiefer Trauer und Glück

Unicef-Aktion „SOS aus den Trümmern“ : Ein Wimpernschlag zwischen tiefer Trauer und Glück

In Mossul seien 750.000 Kinder ohne jede gesundheitliche Versorgung, schlägt Unicef Alarm. Was das bedeutet, weiß Dr. Sarmad Zuheir nur allzu gut.

Er ist Chef der aktuell einzigen Kinderklinik in der nordirakischen Provinz und sagt mit bitterem Ton: „Jeden Monat müssen hier rund 60 Kinder sterben, weil wir nicht ausreichend versorgt sind.“ Seinem Khanza-Hospital, zu 40 Prozent zerstört, fehlt es an allem: „Vom Stift bis zum Ultraschallgerät“, sagt der Direktor.

Immerhin haben hier 16 Kinderärzte und sechs Allgemeinmediziner ihre Arbeit aufgenommen – „zumeist ohne Bezahlung“, weiß der Chef. Aber nach der Zerstörung des Al-Shifaa-Hospitals, der zweitmodernsten Klinik des Landes mit 3500 Betten, wird in Mossul jede helfende Hand gebraucht: „Und trotzdem tut es weh zu sehen, wie ohnmächtig wir manchmal sind“, klagt Zuheir.

In die Luft gesprengt

Der OP-Saal gleicht einem ausgebrannten Ofen, auf circa 250 Quadratmetern besteht er nur noch aus verrußten Eisenträgern, Metallstangen, verkohlten Kabeln und Mauerresten: „Hier haben wir früher Leben gerettet“, sagt ein Arzt und zeigt uns das Ausmaß der Zerstörung. Bevor der IS das Krankenhaus räumen musste, sprengte die Terrormiliz den gesamten Operationsbereich in die Luft. „Zuvor hatte der IS das Khanza-Hospital monatelang für sich in Beschlag genommen, mit eigenen Ärzten, die seine Kämpfer versorgten“, berichtet Klinik-Chef Zuheir.

Unicef hat hier inzwischen die pädiatrische Abteilung wieder aufgebaut und Inkubatoren für Frühgeborene zur Verfügung gestellt. Außerdem unterstützt das Kinderhilfswerk die lokale Gesundheitszentrale mit Impfstoffen und drei Kühlräumen. Hohe Risiken tragen schwangere Frauen, sie leiden stressbedingt unter Anämie, Eisen- und Vi­taminmangel. „Die Folge ist, dass ihre Babys kaum Immunkräfte aufbauen können und wir sie mit Zusatznahrung von Unicef unterstützen müssen,“ sagt Dr. Nadia Taria vom „Al Quad Public Center“. Zudem würden die Neugeborenen vielfach unter zu geringem Gewicht leiden, weiß die Ärztin.

Zu wenig Abwehrkräfte

Die mit zehn Betten teilweise völlig überfüllten Krankenzimmer im Khanza Hospital zeigen es: Überwiegend liegen hier Kleinkinder mit Mangelernährung, Virusinfektionen, Durchfall, Atemwegserkrankungen und Krankheiten, die durch den Schmutz der Straße verursacht werden.

Die Ärzte zeigen uns Fallbeispiele: Hussein, vier Monate alt, ist mit Bauchschmerzen ins Krankenhaus gekommen, bekommt therapeutische Milch. Madak, acht Monate alt, ist mangelernährt – und erhält die Erdnusspaste Plumpy Nut. Wagas, acht Monate alt, spuckt und hat Durchfall und wird ebenfalls mit der süß und lecker schmeckenden Paste stabilisiert. Das Überleben vermeidbarer Erkrankungen ist in Mossul keine Selbstverständlichkeit: „Die Kinder haben alle zu wenig Abwehrkräfte“, sagt Zuheir.

Draußen, vor den Toren des Khanza-Hospitals, legt sich schnell purer Staub auf die Lippen oder geht in die Augen. Mossuls Trümmermassen von rund 40.000 Häusern ersticken auch 15 Monate nach dem militärischen Sieg gegen den IS jede Entwicklung. „Wir sind auf uns selbst angewiesen, da die Zentralregierung bisher keinerlei Plan für den Wiederaufbau vorgelegt hat“, sagt Bürgermeister Suhair al-Aradschi. Von den UN werden dafür circa 160 Milliarden Dollar veranschlagt – es wird Generationen dauern, bis dieser Ort wieder an Frieden erinnert.

Wasser ist der Schlüssel, der geflohene Bewohner wieder nach Mossul heimkehren lässt. „Als die Leute gehört haben, dass Unicef Wasser verteilt, sprach sich das sofort herum, und viele sind zurückgekehrt“, sagt Ammar Yonan, als Ingenieur beim Kinderhilfswerk für das Wasserprogramm zuständig. Immerhin: „Was das Wasser betrifft, hat die Regierung einen Masterplan erstellt, der gemeinsam mit Unicef umgesetzt werden soll“, berichtet er.

So sind die Arbeiten an der Erneuerung der Kanäle vielfach die einzigen Baustellen der Stadt, die an Instandsetzung erinnern. 23 Kilometer Leitungen wurden bislang verlegt. „Die größte Herausforderung hierbei sind die Trümmer und der Schutt sowie die Gefahr durch Minen“, sagt Ammar. Rund 73.000 Bewohner werden noch durch 50 Lastwagenfahrten von Unicef versorgt, die täglich 500 Kubikmeter Wasser liefern.

So auch Saná Asaad (54) und Abdulbasit Khalil Ismael (54), deren fünf Kinder dank Unicef auch wieder zur Schule gehen. „Dieses Angebot und die Verfügbarkeit von Wasser haben uns dazu gebracht, wieder heimzukehren“, sagt der Vater, der als Schreiner zunächst einmal „alle kaputten Fenster“ reparieren will. Das Haus ist sein Eigentum und von den Kämpfen schwer beschädigt: „Aber wir können es notdürftig nutzen.“ Notdürftig – mehr ist in Mossul ohnehin nicht möglich.

Nur Erinnerungen

Die heutige Zwei-Millionen-Stadt (es waren einmal knapp drei) verfügt immer noch über nichts, woran Menschen ehedem mal Freude hatten. Kulturgüter, Denkmäler, Kirchen sind dem Erdboden gleichgemacht. Hotels, Theater und Kinos – nur Erinnerungen an früher. Restaurants? Fehlanzeige. Hier und da ein Kebab-Stand, ein Imbiss, das ist es aber auch schon. Immerhin ist die berühmte Universität wieder geöffnet – zu Teilen. Der IS verbrannte in der Bibliothek rund eine Million Bücher!

Ob in Mossul selbst oder in den zahlreichen Camps rundherum: Eine der großen Leistungen von Unicef ist das Angebot von räumlich begrenzten Kinderschutzzonen, die von Pädagogen, Psychologen und So­zialarbeitern betreut werden. An diesen garantiert gefahren- und minenfreien Orten können Kinder wieder Kind sein und versuchen, ihre Traumata zu verarbeiten. „Dabei muss man bedenken, dass nahezu jede Familie von diesem Krieg betroffen ist und jedes Kind Angehörige verloren hat sowie ohnehin unvorstellbare Gewalt erleben musste“, sagt Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger.

Auch die seelische Zerbrechlichkeit mache sich vielfach bemerkbar. Gängige ­Symptome sind Bettnässen, Angst, Passivität. „Meine Tochter Ala hat sich völlig in sich zurückgezogen“, sagt zum Beispiel Mutter Khauda. Durch den Garten der Familie führte ein IS-Tunnel, mit dem die Terroristen unterirdisch verbunden waren. Nachbarn haben Khauda, Ala und ihren Brüdern geholfen, den Eingang zuzumauern. Der Vater ist tot. Und die Mutter weiß: „Wir müssen Ala Zeit geben.“ In der Schule sei sie bereits „wieder sehr fleißig“.

Oft ist es nur ein Wimpernschlag, der bei den Kriegskindern von Mossul tiefe Trauer und Glücksgefühle trennt. In der Kinderschutzzone begegnet uns Rawa, ein zwölfjähriges Mädchen mit einem Ring am linken Ohr und einem bunten Haarreifen. Wir kommen mit ihr ins Gespräch und fragen, was sie am meisten seit dem Krieg vermisst. Rawa stutzt. Und scheint zu erstarren – ganz plötzlich. Dann kullert eine Träne über Rawas Wange. Wir bleiben eine Weile zusammen – und schweigen. Dann rafft sich das Mädchen auf, läuft in eines der Unicef-Zelte und schließt sich Kindern an, die gerade von einem Clown gefesselt sind. Rawa hockt sich dazu. Es dauert keine drei Minuten. Dann lacht auch sie. Wieder eine Träne.

Die aktuelle Weihnachtsserie der Unicef-Kampagne „SOS aus den Trümmern – Helft den Kindern von Mossul“ endet hier. Die Aktion geht weiter, es kann bis Sommer 2019 auf unser Unicef-Konto gespendet werden.

Spendenkonto

IBAN: DE 02 3905 0000 0000 331900

BIC:AACSDE33XXX

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