Unicef-Aktion „Die Kinder von Mosambik“: Drei Tage und Nächte auf dem Mangobaum

Unicef-Aktion „Die Kinder von Mosambik“ : Drei Tage und Nächte auf dem Mangobaum

Manuel und Hausina haben Unvorstellbares erlebt: Während Zyklon Kenneth über Mosambik hinwegzog, flüchteten sie sich mit ihrer Familie auf einen Mangobaum. Dort verharrte die Familie drei Tage und drei Nächte - und überlebte.

Wie können Menschen das überleben? In drei Metern Höhe haben sich Manuel (48) und Hausina (40) mit ihren vier Kindern in die Astgabeln eines Mangobaumes geflüchtet. „Wir haben ununterbrochen gebetet“, berichtet der Vater. Sintflutartiger Regen  prasselt auf sie herunter. Immer wieder klammern sie sich fest im Kampf gegen Kenneth. Der Zyklon der Kategorie 4 erreicht Sturmböen von bis zu 230 Stundenkilometern.

Drei Tage und drei Nächte schutzlos im Geäst eines Baumes im ostafrikanischen Mosambik. Lange 70 Stunden trotzen die Eltern, ihre zwei Töchter (5 und 15 Jahre) und die beiden Söhne (4 und 18) mit unvorstellbaren Kräften dem sicheren Tod. Unter ihnen gurgeln meterhohe Wassermassen. Die Flüsse der Gegend sind über die Ufer getreten, reißen das Haus der Familie wie Spielzeug mit und vernichten das Ackerland. Auch die Ziegen, Hunde und Katzen haben der Wucht der Fluten nichts entgegenzusetzen.

Zyklon Kenneth war am 24. April 2919 im Norden des Landes der stärkste tropische Wirbelsturm in der Geschichte von Mosambik. Bereits sechs Wochen zuvor hatte Zyklon Idai im Süden mit ähnlicher Heftigkeit verheerende Zerstörungen hinterlassen.

Die 2800 Kilometer lange Küstenlinie zum Indischen Ozean und zahlreiche große Flüsse wie der Limpopo, Save oder Zambezi machen das geschundene Land besonders anfällig. „Es gibt eine direkte Beziehung zwischen der Heftigkeit der Monsterstürme und der Klimaerwärmung. Wenn sich die Meere aufheizen, beeinflusst das die Stärke der Stürme. Und genau das ist es, was wir hier deutlich zu spüren bekommen“, sagt der mosambikanische Klimaforscher Samuel Mondlane. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Im vergangenen Jahrhundert stieg der Meeresspiegel um 15 Zentimeter. Sollte sich nichts ändern, rechnen Experten mit einem Anstieg von einem Meter bis 2100.

Hilfe für die Opfer der Klimakatastrophe

Das flache Land und seine arme Bevölkerung (400 Euro Bruttoinlandsprodukt pro Kopf) sind den Eruptionen der Natur nahezu schutzlos ausgeliefert. Durch vereinzelte Initiativen von Bürgermeistern und NGOs entstehen zwar Mangrovenpflanzungen oder regionale Rettungssysteme. Die aber haben den Naturgewalten im Ernstfall kaum etwas entgegenzusetzen.

Mit Manuels Familie bekommt der globale Klimawandel ein Gesicht. 4200 lange Minuten mussten die sechs Menschen, durchnässt und ausgehungert, im Geäst des Mangobaumes um ihr Leben kämpfen. Ein halbes Jahr nach dem Ereignis treffen wir Manuel und seinen inzwischen fünfjährigen Sohn Paulo in einer Behausung des Vertriebenenlagers Ndeja – und bitten die beiden, mit uns zum Ort ihres zerstörten, einstigen Lebensmittelpunktes zurückzukehren.

Der Baum des Lebens

Nur fünf Kilometer entfernt erreichen wir den inzwischen wieder idyllisch wirkenden Flecken Erde – und blicken auf ein breit gestreutes Trümmerfeld, wo einst das Haus der sechsköpfigen Familie stand. Gleich daneben der prachtvolle Mangobaum, im gleißenden Sonnenlicht des friedlichen Momentes eine Schönheit. „Ich liebe diesen Baum“, sagt Manuel, „er hat uns das Leben gerettet“. Behende klettert der hoch aufgeschossene, schlanke Mann noch einmal mit Sohn Paulo hinauf, um zu demonstrieren, welche Körperhaltung das Überleben ermöglichte: Rücken und Füße der Eltern im Geäst eingeklemmt, beide Hände um die kleinen Kinder Thale (5) und Paulo (4) geschlungen.

Der Rest der Familie, auch die älteren Kinder Manuel (18) und Sara (15), ist heute unterwegs, was dem Vater offenbar gar nicht so unrecht ist. Denn angenehm ist es ihm nicht, diesen Fehler einzugestehen: „Ich habe die Warnungen im Rundfunk nicht ernstgenommen“, zuckt er reuig die Schultern. „Ich bin 48 Jahre alt, an diesem Platz geboren, und hier ist nie etwas passiert, keine einzige Überschwemmung habe ich erlebt“, sagt er. Die nächsten Flüsse liegen immerhin sechs Kilometer entfernt. Unter den heutigen Bedingungen der globalen Erwärmung offensichtlich keine sichere  Distanz mehr.

„Nie mehr, nie mehr, nie mehr!“

Wenig gebildete Menschen wie Manuel kennen die Diskussion um den Klimawandel nicht, aber sie bekommen ihn zu spüren. Zum Ausdruck kommt dies bei Manuel, als wir ihn fragen, ob er nicht doch noch einmal hierher, an die Wurzeln seines Lebens, zurückziehen wolle? Das verneint er heftig und kreuzt dabei immer wieder seine Hände: „Nie mehr! Nie mehr! Nie mehr!“ Für den Moment hat sich die Todesangst wieder in sein zerfurchtes Gesicht gegraben.

Das traumatische Geschehen von Ende April 2019 scheint in ihm wieder hochzukommen. „Niemand kann ahnen, was wir durchgemacht haben“, sagt der Vater. Auch die suchenden Blicke vom Baumwipfel gen Himmel waren vergebens: „In unserer abgelegenen Region ist kein Rettungshubschrauber aufgetaucht.“ Wie hat die Familie die Zeit auf dem Baum verbracht? Gab es Gespräche? „Nein, wir haben nur gebetet“. Tränen? „Nein, selbst beide kleinen Kinder haben nicht geweint, auch sie waren eher erstarrt vor Angst. Nicht einmal den Hunger haben wir gespürt.“ Angstattacken? „Ja“ erinnert sich Manuel – und schweigt.

Während anderswo Zyklon-Opfer von Helikoptern geborgen wurden, konnte Manuels Familie erst nach endlosen drei Tagen und Nächten den Mangobaum verlassen, als der Wasserspiegel unter ihnen gesunken war. Ihr Zustand nach 4200 Minuten Kampf gegen das Ertrinken, ohne Nahrung, ohne Flüssigkeit: kraftlos, traumatisiert, aber am Leben! Alle sechs liefen mit dem davon, was sie triefend durchnässt auf dem Leib trugen – ansonsten hatten sie alles verloren. Auch die Mais-Ernte, die gerade fällig war, war vernichtet.

Familien wie die von Manuel zählen zu den 83.000 Mosambikanern, die durch die beiden Zyklone entwurzelt wurden. Sie kamen zunächst in provisorischen Lagern auf höher gelegenen Flächen unter – mit der Perspektive, dort bauen zu dürfen. Die Regierung stellt jeder Familie einen Wohnplatz sowie ein Stück Ackerland zur Selbstversorgung zur Verfügung. Wie hier, im Camp Ndeja auf einem staubigen Plateau, wo sich 423 Familien, rund 2000 Menschen, in Sicherheit gebracht haben. Doch die Probleme sind gewaltig. Binnen kurzer Zeit gilt es für die Hilfsorganisationen, eine Infrastruktur aufzubauen.

Brunnen und Latrinen

Unicef zeichnet für Wasser, Hygiene, Gesundheit und Notschulen verantwortlich und koordiniert in sogenannten Clustern auch die Hilfen anderer Organisationen. Sechs Brunnen mit maximal 16 Metern Tiefe wurden gebohrt, weil das Wasser sonst zu salzig wird. Zunächst gab es 40 Gemeinschaftslatrinen, bald soll sich jede Familie einen eigenen Abort anlegen können – mit der technischen Unterstützung von Unicef.

Lange Schlangen bilden sich bei der wöchentlichen Ausgabe von Reis, Bohnen, Öl. Heute kommt ein großer Transporter in die Siedlung. Tüten mit Saatgut werden verteilt – Gurken, Tomaten, Zwiebeln. Nicht nur in den Lagern wird der Engpass nach den Ernteausfällen spürbar. Es sind vor allem die Kleinbauern und Selbstversorger, die unter dem Klimawandel zu leiden haben. 83 Prozent aller Schäden und Verluste haben sie zu tragen. Vier Fünftel der Bevölkerung von Mosambik hat nicht die Möglichkeit, sich adäquat zu ernähren, schätzt das Welternährungsprogramm.

In der Gesundheitsstation von Ndeja, einer Ansammlung von flatternden Planen, an Ästen fixiert, werden Malaria, Durchfall und Fieber als häufigste Krankheiten der Kinder behandelt. Dennoch ist die Stimmung im Moment aufgeräumt, denn Unicef-Mitarbeiterin Isabel Periquito hat an diesem Tag gute Nachrichten für ihren Schützling Maria Posse (30), die mit Aids infiziert ist: Die Übertragung des Virus auf die neugeborene Tochter Flora konnte dank der medizinischen Hilfe von Unicef verhindert werden.

„Das ist ein Erfolg der vorbeugenden, antiretroviralen Behandlung und der Hygienemaßnahmen beim Abtrennen der Nabelschnur“, klärt Isabel auf. Mit Maria scheint sie um die Wette zu strahlen. Freude über die Gesundheit eines Kindes, das ohne Elternhaus aufwachsen muss. „Unser Dach wurde weggefegt, unsere beiden Hütten von Wassermassen überspült. Jetzt sind wir froh, dass wir hier in Ndeja einen Neuanfang machen können“, sagt die Mutter demütig.

Ein paar hundert Meter weiter schlagen uns von weit her Kinderstimmen aus zwei Zelten entgegen, in denen die vielfach traumatisierten Mädchen und Jungen in Schutzzonen von Unicef spielen und lernen können. Hier sitzt auch der 16-jährige Joao, dem mit seiner Familie eine ähnlich dramatischer Überlebenskampf auf einem Baum gelang wie Manuel und seiner Familie.

„Wir haben den Zyklon erwartet“, erzählt sein Vater Domingo, der ebenfalls trotz Warnung zuhause blieb, „weil dort noch nie etwas passiert war“. Er berichtet: „Es gab viel Wind. Am nächsten Tag ab 18 Uhr stieg das Wasser. Es stieg und stieg. Obwohl wir gewarnt wurden – hat uns das alle total überrascht.“ Joao wird diese schrecklichen Tage nie vergessen: „Viele Bäume fielen einfach um. Als das Wasser kam, habe ich mich mit meinen Eltern und Geschwistern auf einen besonders starken Baum gerettet. Wir sind einfach losgelaufen und haben alles zurückgelassen. Drei Tage und Nächte haben wir auf diesem Baum ausgeharrt. Ich hatte schreckliche Angst“, sagt der 16-Jährige.

Ins Unermessliche stieg die Angst, als Joao das Schicksal seines Onkels und dessen fünfjährigen Kindes miterleben musste. Beide saßen in ihrer Nähe auf einem anderen, weniger stabilen Baum, der plötzlich von einer Flutwelle mitgerissen wurde. Der Onkel und sein Sohn hatten keine Chance. „Beide sind ertrunken“, berichtet der Heranwachsende.

Seit über einem halben Jahr lebt Joao mit seiner Familie auf dem staubigen Hochplateau, das man sich nicht in der Regenzeit vorstellen mag, wenn Schlammmassen und Feuchtigkeit in die durchlässigen Behausungen vordringen. Joaos Vater wartet – wie so viele im Land – auf Hilfe der Regierung. Deren Mehrheitspartei Frelimo ist seit der Befreiung von der portugiesischen Kolonialmacht im Jahr 1964 an der Macht – und wurde zuletzt am 10. Oktober mit 71 Prozent wiedergewählt. Trotz mehrfachen Verdachtes in der Vergangenheit, in Korruptionsaffären verstrickt gewesen zu sein.

Joaos Vater Domingo wartet jedenfalls darauf, dass die Regierung ihm und den anderen Familien Baumaterial zur Verfügung stellt, um ein stabiles Heim zu schaffen. Zweimal in der Woche geht er zu den Trümmern seines alten Zuhauses, um Mangos und Tomaten zu ernten, die dort immer noch wachsen. Dreißig Jahre haben sie dort gelebt. Aber für die Familie ist eine Rückkehr an den vertrauten Ort undenkbar. Der  Klimawandel hat ihnen ihrer Heimat beraubt.

Lesen Sie die nächste Folge unserer Unicef-Serie „Hilfe für die Klimaopfer“ am Dienstag, 19. November, dem Jahrestag für Kinderrechte. Unser Thema: Der Kampf von Unicef für das Recht der Kinder von Mosambik auf sauberes Trinkwasser.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Leben nach dem Zyklon