„Hilfe für die Klimaopfer“: Die Ärmsten trifft es am härtesten

„Hilfe für die Klimaopfer“ : Die Ärmsten trifft es am härtesten

Im Elendsviertel von Mosambiks Küstenstadt Beira sind die Spuren von Zyklon Idai immer noch weithin sichtbar. Die Menschen leben zwischen Wellblech und Müll. Ein Besuch vor Ort.

Der Leuchtturm am Stadtstrand von Beira, Wahrzeichen der Küstenmetropole von Mosambik, hat dem Monster-Zyklon Idai Mitte März widerstanden. Rundherum liegen umgestürzte Bäume – weggefegt wie Mikadostäbe in einem Spiel, das niemand mehr spielen will. Der Turm aber steht immer noch. Stolz in Rot-Weiß, 28 Meter hoch – kerzengerade. 124 Stufen steigen wir hoch, um einen Blick auf die „Stadt ohne Dächer“ zu werfen, wie Hubschrauber-Ersthelfer die Hafenmetropole nach dem Wirbelsturm nannten.

Immer noch ist die Zahl der Ruinen groß, überall kahle Wände, herausgerissene Fenster, Balken und Dachziegel. In der Luft flimmert die feuchte Hitze, der Smog macht den Menschen zu schaffen, Schmutz und Müll überall – auch hier am Strand, wo ein verrosteter Kriegsfrachter des einstigen portugiesischen Kolonialherrn tief im Sand versunken liegt. Unweit sehen wir eine vom Sturm skelettierte Strandbar in der Düne, nur der Cola-Kühlwagen auf der einstigen Terrasse ist als solcher noch erkennbar.

Doch das Leben geht weiter, oft auch mit bewundernswerter afrikanischer Leichtigkeit. Ein paar Meter vom zerstörten Szenetreff entfernt haben findige Einheimische eine Open-Air-Küche mit knallroten Plastiksesseln unter Sonnenschirmen aufgebaut, der letzte Tisch in der Bar steht gleich neben der Wurzel eines Baumes, die mahnend aus dem Erdreich ragt.

Furchterregend hatte sich Idai bereits eine Woche vor der eigentlichen Katastrophe mit der sogenannten „Depression“ eines Zyklons angekündigt. Unicef-Krisenmanager Daniel Timme schildert es so: „Das Heranrücken war förmlich zu spüren, es wurde so extrem heiß und schwül, dass ich Hautausschlag bekam.“ Gnadenlos hinterließ der Zyklon dann mit bis zu 230 Stundenkilometer und enormen Wassermassen seine Spuren. 470.000 Hektar fruchtbares Land – einfach weggespült. Eine Katastrophe für ein Volk, das „schon zu normalen Zeiten Versorgungsengpässe kennt“, so Timme.

Im Quartier Playa Nova Zone B

Das gilt erst recht für die Ärmsten der Armen, den Menschen in den Slums, den ausgelagerten Elendsvierteln der Stadt, in denen einst 500.000 Einwohner lebten. Eine von ihnen ist Joaquina (35) mit ihren Kindern Bia (18), Dinaco (15), Eva (10), Regine (9), Massenice (5) und Gisela (4) im Quartier Playa Nova Zone B. Ein schlichter Verwaltungsname für einen Ort, an dem die Menschen mehr schlecht als recht leben können. Wie ein Wattebausch wurde Joaquinas Wellblechhütte von Idai fortgepustet. „Wir selber konnten rechtzeitig in eine Schule fliehen, haben aber alles verloren“, erzählt die Mutter. Mit „alles“ meint sie das Wenige, was sie besaß – heute verkauft sie Kohle in kleinen Säckchen, um die Kinder zu ernähren.

Um die neue Hütte herum schweift der Blick über die von Elend geprägte Szenerie. Herumfliegender Müll, Trümmer- und Plastikteile, offene Kloaken, oft nicht weit vom Kochplatz entfernt, Lehmboden, der sich bei Regen in eine Schlammwüste verwandelt. Es geht hier Tag für Tag ums Überleben. Das weiß auch Daniel Timme und zeigt sich „sehr glücklich, dass wir alle Kinder in diesem extrem infektionsanfälligen Umfeld gegen Cholera impfen konnten“. Auch mit Blick auf drohende Mangelernährung, Malaria, Masern oder Atemwegserkrankungen drängt der Krisenmanager auf nachhaltige Hilfe: „Diese Kinder haben Zyklon Idai überlebt. Damit aber ist es nicht getan. Wir müssen ihnen jetzt zur Seite stehen.“ Auch wenn die Kameras dieser Welt aktuell nicht mehr auf sie gerichtet sind.

Nahe dem Internationalen Flughafen von Beira lernen wir in einem anderen Quartier der Ärmsten die Familie von Celia Manuel (38) kennen. Die Mutter von sechs Kindern erinnert sich an jene Nacht, die ihr Leben so verändern sollte: „Plötzlich war unser Dach weg, meine Kinder und ich sind raus in die Dunkelheit, es war alles dunkel, es regnete furchterregend, und dann diese Sturmböen! Wir hatten Angst, aber wir haben dann in der Dorfschule Schutz gefunden.“

Vier Tage trauten sie sich nicht aus der Schule heraus – von ihrem Haus blieb nichts. Beim Wiederaufbau mit Baumaterial der Regierung halfen ihr die Kinder, sie heißen Aime (22) Laila (19), Rail (15), Jose (12) und Elisa (11). Bei der Verabschiedung spielen die beiden Jüngsten mit Freundinnen – vergnügt springen sie auf dem umgestürzten Baum herum, der sie fast das Leben gekostet hätte. „Gott sei mit Euch“, sagt Celia Manuel zum Abschied. Gott? „Warum hat er die Katastrophe nicht verhindert, fragen wir die Mutter?“ Sie ist sich ganz sicher: „Das konnte er nicht. Wir Menschen machen hier irgendetwas falsch.“ Und was? Achselzucken.

Spenden können Sie unter: www.unicef.de/spenden/kooperation-az