Aachen: Winfried Kretschmann mit Orden wider den tierschen Ernst geehrt

Aachen : Winfried Kretschmann mit Orden wider den tierschen Ernst geehrt

Der Aachener Karnevalsverein (AKV) hat dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) am Samstagabend den „Orden wider den tierischen Ernst“ verliehen. Kretschmann sei ein meinungsstarker und zugleich pragmatischer Kämpfer für die Versöhnung von Wirtschaft, Ökologie, für Klimaschutz und Arbeitsplätze, für Politik mit Sinn, aber wider den tierischen Ernst.

Deshalb habe Kretschmann die Auszeichnung verdient, hieß es in der Begründung des Aachener Karnevalsvereins. „Ich habe lange nicht so eine gute Rede gehört“, sagte AKV-Präsident Werner Pfeil nach der Sitzung im Aachener Eurogress, wo rund 1200 Gäste den neuen Ordensritter feierten. Und tatsächlich waren Kretschmanns Rede und Gregor Gysis Laudatio nebst eines Auftritts des Comedians Guido Cantz die Höhepunkte einer sonst eher durchwachsenen Sitzung. Für 355 Tuschs der grandiosen Band reichte es aber.

Durch den Abend führten Moderator Jens Riewa, Pfeil und Elferrrat-Mitglied David Lulley, der ein wenig selbstironisch sagte: „Auch wenn der ein oder andere es nicht glauben mag, wir sind eine Karnevalsveranstaltung.“ Und was für eine, wenn man Guido Cantz glauben darf, ist nämlich der „Orden wider den tierischen Ernst“ der Oscar unter den Karnevalssitzungen. Andere nennen die eher schicke Veranstaltung auch „Lackschuhkarneval“, aber damit kann Pfeil leben. Und auch mit den Witzen von Cantz: „Hier im Eurogress sind nur Reiche und schöne Menschen — und mittendrin Gregor Gysi“, scherzte der und weiter: „In Aachen sagt man nicht, dass man reich ist, sondern: Wir haben richtig Printen.“

Es folgen zwei der an diesem Abend beinahe obligatorischen Themen: Jamaika („Das letzte Mal, dass man vier so unterschiedliche Parteien unter einen Hut bringen wollte, war bei den Bremer Stadtmusikanten. Und die hatten nur einen Esel.), der französische Präsident Emmanuel Macron („Der hat seine Französischlehrerein geheiratet. Das wäre mir nicht passiert.).

An Tagen wie diesen

Nach dem starken Einstand Cantz’ geht es stimmungsmäßig eher bergab. Wilfried Schmickler, der erstmals Karl den Großen gab, hielt eine schnelle Rede, die an einen Poetry-Slam erinnerte. Weil er aber alles vom Teleprompter ablas, versprach er sich das ein oder andere Mal — und kam nicht richtig in den Flow. Außerdem, so bemängeln einige Ur-Öcher im Raum, habe er die Worte Oche und Öcher nicht richtig ausgesprochen. Trotzdem erntet Schmickler viel Applaus, als er zum Ende seines Beitrags eine leicht pathetische Rede auf Aachen und Europa und den Frieden hält. Er, Karl, habe nur noch das Grundstück, auf dem der Aachener Dom steht, aber das Land bekäme die AfD nicht. Er wolle überall Europa- und Regenbogenfahnen aufhängen. „Mit den Gedanken von gestern gibt es keine Zukunft, auch wenn ich nur ein Kaiser von gestern bin.“ Das kam an, und weil alles schon so bedeutungsschwanger war, spielte die Band noch „An Tagen wie diesen“.

Hastenrath’s Will kam mit Kuh (keiner lebendigen, versteht sich) aus dem Kreis Heinsberg in den Eurogress und teilte Spitzen aus. „US-Präsident Donald Trump ist inkompetent, SPD-Chef Martin Schulz inkonsequent und Boris Becker insolvent.“ Für den neuen Ordensritter Kretschmann jedenfalls war es der gelungenste Beitrag, wie er später verriet.

Die Community Kids bekamen den Zentis Kinderpreis und begeisterten mit einer Tanzdarbietung zu Liedern aus Walt-Disney-Filmen, mit der sie das AKV-Ballett glatt in den Schatten stellen können. Für Unterhaltung sorgten außerdem etwa Sängerin Sarah Schiffer („Aachen ist die schönste Stadt der Welt“), das Aachener „Colynshof“ Duo, Liza Kos, die über die Integrationsprobleme von Russinnen in Deutschland scherzte, Kurt Christ und die 4 Amigos, die es mal wieder schafften, dass einige Frauen im Saal zwar nicht auf den Tischen, aber immerhin auf den Stühlen tanzten.

EIn abgebrochener Tusch

Weniger getanzt oder geklatscht wurde beim Auftritt von Julia Klöckner (CDU). Sie kam als Christel von der Post und prophezeite, dass Trump Washington zum Zentrum aller Narren machen werde. Von wegen: „Mein Orden ist größer“. Deshalb werde der „Orden wider den tierischen Ernst“ im kommendes Jahr auch im Oval Office vergeben. Die Gags wollten nicht recht zünden und selbst die Band überlegte oft mehrere Sekunden, ob denn ein Tusch gespielt werden sollte oder doch lieber nicht. Ja, Klöckner kann wohl die ersten zwei abgebrochenen Tusch der Karnevalsgeschichte verbuchen. Frei nach dem Motto: Die Rednerin macht eine Klatschpause, Tusch, ach nee, lohnt sich doch nicht.

Nicht mehr als solide waren auch die Auftritte des Europa-Abgeordneten Alexander Graf Lambsdorff (FDP), der mit Rasta-Perücke und Jamaika-Mütze seine Sicht auf die geplatzten Koalitionsverhandlungen präsentierte. Sein Fazit: Jamaika bleibt eine Insel.

Zu der wollten auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Ex-Ordensritter Cem Özdemir (Grüne) in ihrer gemeinsamen Nummer aufbrechen. „Auf dem Weg dahin lassen wir den Gysi raus, der will bestimmt nach Kuba.“

Ein wenig Wehmut war im Publikum zu spüren bei Dirk von Petzolds letztem Auftritt als Lennet Kann. Doch für Tränen blieb keine Zeit. Denn es folgte der Blick nach vorn: auf den neuen Ordensritter. Kretschmann habe sich und andere durch den Kakao gezogen. Er nehme jeden Menschen wie er sei, das sei Kretschmanns Übersetzung des rheinischen Mottos „Jeder Jeck ist anders“, lobte Pfeil. Dafür habe er die Auszeichnung verdient.

Die Laudatio von Vorjahresritter Gregor Gysi (Linke) war gelungen: Ein paar Seitenhiebe auf die Kanzlerin, die ansonsten erstaunlich gut wegkam in den politische Redebeiträgen. Angela Merkel (CDU), so Gysi, könne vor allem sympathisch zufällig lächeln. Gysi lobte Kretschmanns Glaubwürdigkeit und Authentizität. Ihm gefalle, wenn Kretschmann leicht cholerisch schimpfe. „Man merkt, dass es echt ist und das hat für Nichtbetroffene immer auch einen gewissen Unterhaltungswert.“ Ob denn nun Stuttgart 21 in Stuttgart oder der Flughafen BER in seinem Berlin eher fertigwerde, fragte Gysi noch.

Gelungene Laudatio

Und den Ball griff Kretschmann in seiner Laudatio gern auf. Er habe ja endlich verstanden, warum es überhaupt Stuttgart 21 heiße, weil das Bahn-Projekt wohl am Ende 21 Milliarden kosten werde. Überhaupt habe er gar nicht damit gerechnet, dass er überhaupt eine Dankesrede werde halten können — angesichts eines Laudators Gysi. Der lasse doch sonst keinen zu Wort kommen. Immerhin habe der Narrenkäfig für ihn, Kretschmann, nicht verändert werden müssen. Er passe perfekt rein, im Gegensatz zum kleinen Gysi, der sich tatsächlich unendlich viele Witze über seine geringe Körpergröße anhören musste, es aber mit Größe hinnahm. Kretschmann sorgte in seiner pointierten und guten Rede für Lacher, als er an seinen Parteikollegen Özdemir als Ordensritter erinnerte. „Kritische Türken kennen ja leider den Blick durch Gitterstäbe.“

Warum also nicht, den Orden annehmen habe sich Kretschmann gefragt. „Erstens krieg ich was. Und zweitens kostet es nix.“ Tusch! Kretschmann verglich sich und seinen Laudator Gysi und spielte mit Klischees. „Gysi hat immer geschwätzt und stets wenig bewirkt. Bei mir ist es bekanntlich genau umgekehrt.“ Während Gysi in schickem Anzug über die Hartz-IV-Sätze beim Edel-Italiener diskutiere, säße er mit seinem 30 Jahre alten von der Ehefrau Gerlinde gestrickten Pulli im Garten und gebe den Nachbarn Tipps, wie man Obstbäume schneide. Selbstironie kann er also auch. Trump bezeichnete er als Grasdackel, das sei kein grünes Wort, sondern schwäbisch und bedeute Trottel. Er bete für Schulz: dass seine Achterbahnfahrt keine bundesdeutsche Geisterfahrt werde, für die Abschaffung der grünen Doppelspitze und gegen den Feinstaub. „Ich bedanke mich von Herzen für diese Würdigung“, sagte Kretschmann in seiner Dankesrede. Rheinischer Sauerbraten und badischer Wein würden genauso passen wie er als neuer Ordensritter.

Die ganze Veranstaltung zum Nachlesen gibt es in unserem Liveblog.

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